Vor drei Tagen, um 19:55 Uhr, da notierte ich: Aus dem Schlaf in die Finsternis der Nacht brutal zurückerwacht, da lag ich da, verwirrt, und ich wußte erst nicht – aber da fiel mir auf: die Zeit, von Uhren abgelesen, von Uhren auf Telefonen, die hell und giftig abstrahlen in die Nacht hinein, die Zeit ist bloß noch vier Nummern, nicht mehr Zeiger in Bewegung, keine Bewegung hin in die eine Richtung, zum nächsten Moment, bloß starre Ziffern, ohne Zukunft, die sich dann – verdammtnochmal – ohne Ankündigung: umwandeln.
Heute, 9:16 Uhr, notiere ich, wie ich mir manchmal zusammenfantasiere, mit bestimmten Frauen der Zeitgeschichte rumzuknutschen, z.B. mit Rosalyn Tureck. Frau Rosalyn Tureck ist aber seit vierzehn Jahren tot, und wenn bisschen knutschen, dann müsste es wohl ca. im Jahre 1944 stattgefunden haben müssen, denn da war Frau Tureck 30 Jahre, was ein fantastisches Alter ist, ich hingegen war im Jahre 1944 noch ungeboren, sozusagen noch lange tot, und außerdem hätte ich im Jahre 1944 schon ein relativ bekannter Maler sein müssen, weil ich nicht glaube, daß Frau Tureck (ich darf Rosalyn sagen) sich von jedem Tönsel knutschen lässt, der sie zulallt, natürlich völlig zurecht, denn sie ist, oder war, nicht nur wunderschön, sondern auch berühmt. Sie dürfte mich ganz streng anschauen mit ihrem strengen Rosaly Tureck-Blick, ja, das würde ich mir sogar wünschen, und dann würde ich auch schon den Duft ihrer Haare riechen und dann ließe ich mich erschlagen von ihren mächtigen Wimpern, und wäre so eine recht zufriedene Leiche.
9:44 Uhr: Bundesverfassungsericht fordert drittes Geschlecht in Geburtenregister
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