Mittwoch, 27. Juli 2016

Montagabend den Film “Dark Horse” (2011) von Todd Solondz nachgeholt. Solondz ist – man könnte fast meinen – unamerikanisch in der Art, wie er den üblichen amerikanischen Hoffnungs-Primitivismus in die Ecke stellt zum Schämen, damit am Ende ein richtiger Film dabei herauskommt, der einem an die Organe geht. Die von halb- bis vollkaputten Menschen bewohnte Welt in Solondz’ Filmen ist nicht nur unfassbar komisch und “echthaft” (die Tanzszene gleich am Anfang von “Dark Horse”), sie ist auch nicht abgeriegelt gegen die üblichen und normalen und banalen Verkommenheiten und Grausamkeiten, die Menschen einander antun und sich somit vergiften, und ist nicht abgefedert durch die brutal konfektionierte Skurrilität, mit der gerade heutzutage Figuren in Filmen in ihrer Hohlkörperhaftigkeit vitalisiert werden sollen. Weit und breit keine superniedlichen Ryan Goslings und die ganzen anderen märchenhaften Kitsch-Irritationen, keine Betäubung, keine Belohnung, die einem eh nicht zusteht, und sicherlich kein Bouncer am Eingang der Welt, der lächelnd und mit ausgebreiteten Ärmchen sagt: “Da bist Du ja endlich!”

An einer Stelle im Internettagebuch “Arbeit und Struktur” schreibt Wolfgang Herrndorf über das universelle Hadern, über die sog. Schicksalshaftigkeit (er nennt es natürlich nicht so) einer, wie in seinem Fall, tödlichen Erkrankung: man würde immer fragen: Warum ausgerechnet ich? Herrndorf schreibt, sinngemäß, die Frage müsse realistischerweise eher heißen: Warum denn nicht ich? Von dieser Plausibilität handeln die Filme von Todd Solondz. Am Ende von “Dark Horse” steht eine sehr stille Szene, kein Geräusch, keine Musik, nur ein Gesichtsausdruck und eine Kamera, die langsam aus der Einstellung herausfährt, während es einen selbst in die Sitzgelegenheit drückt. Es ist das Ende eines Liebesfilms. 

Schreibe einen Kommentar