Dienstag, 22. März 2016

Es ist der 22. März. Kurz- und wahrscheinlich auch langfristig, wird dies der Tag sein, den man als den “Tag der Brüsseler Attentate” benennen wird. Alle anderen Ereignisse werden, zumindest in dem, was wir Nachrichten nennen, peripher erscheinen, bis hin zur Nichterwähnung untergehen im Meldungsstrom. Die kommenden Tage sicherlich. Die Zeit wird anders geschnürt in diesen Tagen. Es haben andere Dinge stattgefunden, sind passiert, haben sich ereignet, Einfluss genommen auf Leben. Menschen werden geheiratet haben, Babies geboren worden sein, Menschen gestorben sein, Menschen vielleicht den schönsten Tag seit langem erlebt haben, wenn sie ihre Grenzen um den eigenen, privaten Tag ziehen, und nicht, wie ich jetzt, Nachrichten sehen, auf Webseiten gehen, von Zeitungen, von Agenturen, der 22. März 2016. Die Welt, das ist heute nachrichtentechnisch zumeist Belgien, für mich, für uns Westeuropäer. 

Gegen 13.30 Uhr erreichte ich heute das Atelier, das ich angemietet habe, in der Stadt, in der ich lebe, und für die kommenden sieben Stunden waren die Ereignisse von Brüssel für mich nicht existent, keine Sekunde habe ich daran gedacht, als ich, es ging ja alles weiter, im Atelier war. Ich hatte für gut drei Stunden Besuch von Lennard, 7 Jahre alt, der Sohn eines Bekannten von mir. Eigentlich wollte ich der Frau, die ich so mag, von der Zeit heute mit Lennard berichten. Ich habe mich mit Lennard über Wassertürme und Cowboystiefel unterhalten, denn wir wollten ein Bild malen, oder zwei, für einen Freund seines Vaters, der auch ein Freund von mir ist, und der bald Geburtstag feiern wird. Lennard stellte mir eine Frage zur Verdrängung von Wasser und Luft, und ich erzählte ihm von der ungeheuren Kraft, die eine Wasserstoffbombe freisetzte, wenn sie explodierte, aber auch da hatte ich Brüssel schon nicht mehr im Kopf, das Wort “Bombe” auszusprechen löste nichts aus, über die Wucht einer Explosion zu reden, führte nicht dazu, daß aus dem Äther eine Gewissheit wie ein Blitz herabfuhr, mich an das zu erinnern, was noch am selben Morgen geschehen war, wenige Stunden vorher, ca. 200km von hier entfernt. 

Erst als ich eben, kurz bevor ich anfing, diesen Text, der hier Zeichen für Zeichen direkt vor mir entsteht, zu schreiben, wurde mir klar, wie absurd es war, anzunehmen, daß die Frau, die ich so mag, an den schönen Dingen, die Lennard heute gesagt hatte, und die ich mir extra gemerkt hatte, interessiert war. Heute interessiert war. Heute war verloren, und Heute ist fast vorbei. 

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