• Donnerstag, 28. Mai 2015

    Aus der Niederlage direkt in die Loge

    Es begann mit dem denkbar Schlechtesten: Weil er die ganze Scheiße schon beim Betreten des Raumes durchschaute, ging er in sich, um sich dort selbst aufs Maul zu hauen. Das bedeutete: erst mal Schweigen, erst mal Kontrolle, erst mal abwarten, wer einem den Säbel in Form eines falschen Gesichtsausdrucks hinhielt. 

    Das Publikum war schnell zerlegt: höchstens ein Drittel der Anwesenden war eher ernst zu nehmen, die restlichen zwei Drittel waren offensichtlich Querschläger eines Geschosses, das aus einer Fashionkanone rausgefeuert wurde, aus einem Krisengebiet heraus, über dem der Banner eines pathetischen Herzeigeindividualismus jämmerlich im Wind schwappte. Season’s Hottest Trend. Aber selbst nach dieser Feststellung galt: Haltung bewahren und nichts anbieten. Freundlich bleiben und es auch meinen. Und es ging auch. Eine Weile. 

    Er wusste, er würde Zigaretten brauchen, aber nicht, weil er so gerne rauchte, sondern weil jeder der neunzehn Stängel ihm fünf Minuten Ruhe verschaffen würde, Neunzehn mal Fünf sind Fünfundneunzig sind Fünfundneunzig Minuten sind eine Stunde und Fünfunddreissig Minuten. Er hatte zwar noch nicht darüber nachgedacht, wie lange er überhaupt bleiben wollte, aber diese Zahl schien ungemütlich groß, und Rauchen konnte man auch zuhause. Schnell schien ihm, die Zeit leichtfertig herzugeben für Beobachtungen, die man schon längst gemacht hatte. Auf die Wand neben der Eingangstür war mit Sprühfarbe der Titel der Ausstellung gesprüht.

    Auf dem Weg zurück, nach Hause, in die Freiheit, überbrandet förmlich von Wellen der Konzeption: hatte er selbst eine Ausstellung vorbereitet: No Spray Paint –  er würde jedem, der es wissen wollte, sagen: nicht unbedingt platt, sondern klar formulierte Kritik an der Scheiße, die der Markt schluckte und wieder herauswürgte, die aber auch produziert werden musste, denn die stetig wachsende Zahl von Jungkuratoren brauchte Zeug, über das geschrieben werden wollte. Ein Opfer tat ihm sofort leid: viele Bäume werden wieder sterben müssen, für das Papier, das diese Texte tragen muss. Trost lag für ihn nur in dem Anblick eines kleinen Hundes, der mit seinen kurzen Beinchen gegen die Welt anrannte. “Wenn er muss, will ich auch.”…

  • Dienstag, 26. Mai 2015

    Nachdem sie in einem Casino in San Diego waren, wollen Dianne, 68, und ihr Mann Cecil, 79, mit dem Auto nach Palm Springs, wo ihr Sohn lebt. Dianne und Cecil leben in Orange County, wo sie beide bis zu ihrer Pensionierung als Schulbusfahrer arbeiteten. Sie fahren mit ihrem weißen Hyundai Sonata nicht über die Interstate 15, und sie fahren auch nicht über die Interstate 5, die an der Küstenlinie entlangläuft. Sie wollen den Weg abkürzen und nehmen den Highway 79 in nordöstlicher Richtung. 

    An einem bestimmten Punkt dieser Fahrt, die normalerweise zwischen 2 oder 3 Stunden dauern sollte, entscheiden sie, durch das Los Coyotes Reservat zu fahren. In der Tiefe der Landschaft bleibt die viertürige koreanische Stufenhecklimousine der Mittelklasse, völlig ungeeignet für diese Art von Terrain, irgendwann stehen. 

    In den nächsten zwei Wochen passiert Folgendes: Dianne und Cecil werden von ihrem Sohn, der sie erwartet, als vermisst gemeldet. In diesen vierzehn Tagen begegnen Dianne und Cecil keinem Menschen, und niemand begegnet ihnen. Hubschrauber, die das Areal überfliegen, können den weißen Hyundai nicht sehen, weil er von Bäumen und Sträuchern verdeckt wird. Dianne und Cecil trinken Regenwasser, das sie in Pappbechern auffangen. Sie ernähren sich von Orangen und einem Kuchen, den sie dabei haben. An einem dieser vierzehn Tage stirbt Cecil. Dianne sitzt in dem Hyundai, als sie zufällig von zwei Leuten in einem Geländewagen entdeckt wird. Die Leiche von Cecil liegt einige Meter vom Auto entfernt. Noch ist nicht bekannt, wie lange Cecil schon tot ist.

  • Mittwoch, 20. Mai 2015

    Jay Z completely used meMarina Abramovic

    Unkalkuliert schlägt mir die Einfalt aus der Tageszeitung entgegen. Als ich von der Arbeit zurückgekommen bin, um noch mal alles gründlicher zu lesen, schreit ein Kind unten auf der Straße. So lange und so laut, dass ich aggressiv werde und ans Fenster gehen muss, um ein Gesicht zu haben, das mir konkret auf den Sack gehen darf. 

    Eigentlich wollte ich vor ein paar Tagen schon den nächsten Eintrag geschrieben haben. Ich sah einen älteren Mann in der U-Bahn, er hatte den breiten Kragen seines Hemdes über den Kragen seines beigen Blousons gelegt, und so etwas habe ich ewig nicht mehr gesehen. Es war gut zu wissen, dass es solche Männer noch gibt, dass solche Männer es waren, die das als junge Männer schon gemacht haben, weil es die Zeit dafür gab, und sie waren mittendrin jung gewesen. Er wird in seinem Leben schon viel auf Teppichen gelaufen sein – but you never notice it at the time ‘cause your’re in it