Ich hing gerade im Dunkeln zur Musik jaulender Böen die Wäsche auf, da sah ich durch die weisse halb-opake Gardine die Blitze in der Ferne, Richtung Nordwest. Kein Donner war zu hören. Ich roch an der frischen Wäsche und sah den Blitzen zu, und hoffte, dass sie näher kämen. Sie kamen nicht.
Jetzt, während ich diesen Text schreibe, kommt die Meldung vom Rücktritt David Camerons, draußen türmt sich der Lärm auf, jetzt kommt ein Straßenreinigungsfahrzeug vorbei, gleich wird unten im Nebenhaus wieder gehämmert werden, meine Nachbarn knallen alle die Türen, und würde man mich jetzt fragen: ich würde die EU sofort verlassen, aus reiner Genervtheit. Manche Experten, lese ich, behaupten, auch die Briten verlassen die EU aus Genervtheit.
Der UKIP-Vorsitzende Nigel Farage wird zitiert mit der Aussage, das nunmehr beendete Referendum sei ein “Sieg für den anständigen Bürger”, und ich habe kurz das Gefühl, wenn ich noch einmal diese unendlich leere und schleimige und letztlich moralisierende Lüge vom kleinen Mann auf der Straße/Anständigen Bürger/Ehrlichen Arbeiter höre, muss ich, wie Gauguin, nach Tahiti, um mich zunächst etwas zu schütteln, damit die Pickel abfallen, und dann geht es dort nur noch um die Namen des Mondes und nicht um den anständigen Maori von der Straße und die da oben.
Der Tod von Wolfgang Welt ist nicht an mir vorbeigegangen. Ich weiß noch, dass ich mit Marc in einer angenehm bizarren Eisdiele im Stile der 90er Jahre in Berlin-Hermsdorf saß und mir Marc erst mal erklären musste, wer Wolfgang Welt war und was man zu lesen hatte und kurz darauf kaufte ich “Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe” und danach alles andere und ich las alles schnell weg. Man liest über dieses beschädigte Leben eben nicht, wie man sprichwörtlich langsam an dem Autounfall vorbeifährt. Man liest über ein Leben, das – selbst wenn nur einmal geführt auf der Welt – gültig dasteht, klar und ohne Pointe und wahrscheinlich: wahr.
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