Berlin, 08:48h
Erfindungen, die unsere Welt verändert haben
Bei – liebe Mutter – Hanne Darboven im Hamburger Bahnhof. So richtig drin in ihrer Arbeit/ihren Arbeiten nie, was mich fasziniert, ist der Wahnsinn. Je länger ich diese Zahlenreihen – alle Pressetexte ever: “faszinierende Zahlenwerke” – ansehe, desto weniger dringen sie in mich ein, gleichzeitig arbeitet im Hirn die sog. angesammelte Zusatzinformation, d.h. das, was man darüber weiß, aber noch nicht selbst gesehen hat. Andere Welten vom selben Planeten. Erfreulich. Schön. Zum Material: Zuneigung. Millimeterpapier, technisches Zeichnen, Postkarten, Briefe, kleine Schrift und große Schrift. FORMULARISTISCH, kann Spuren von Protestantismus enthalten. Und Nüsschen.
Es gibt ein sehr schönes s/w-Foto, leicht übersehbar liegt es in einer der zahlreichen, schönen Vitrinen: eine junge, wie ertappt lächelnde Darboven, unter einem schwarzen Damenhut lugen ihre kurzen Haare hervor, ja: eine Treppe herabgehend. Schöner als Jean Seberg. Nein, anders: interessanter.
Carl Andre schreibt ihr süße Karten und Briefe, so klar in der Sprache und der Absicht, eine gewisse Zartheit auszudrücken. Waren sie ein Paar, fragt mich S., und ich habe keine Ahnung. Aber hat Andre seine Frau Ana Mendieta aus dem Fenster gestoßen? Ohne zu zögern sag ich: ja klar. Dabei habe ich auch hier null Ahnung.
Danach noch viel rumgelaufen mit S., Shopping und Frauen gucken, Bier (nicht kalt genug!), Zigarettchen und Zwergbananenkuchen, der in Sperma liegt.
Ansonsten: Lichter Ocker fast aufgebraucht.
15:08h: Von der Säge daheim geht’s hier ins Atelier zur Großbaustelle gegenüber. Mit einem Ventilator der Marke De Sina versuche ich, die einströmende Luft zu kühlen, und die sich hier im dritten Stock stauende, aufgewärmte Luft zu verdrängen.
Nahezu exakt in dem Abschnitt der Bouchéstraße, in dem sich das Atelier befindet, verlief die Mauer. Vorgestern sah ich – eher zufällig – in auf Youtube hochgeladenen Super-8-Filmen aus dem Berlin der späten 70er Jahre, den Abschnitt hier, und mit etwas Verzögerung erkannte ich die Straße wieder. Jetzt geh ich hier jeden Tag entlang und stelle es mir mit drei Meter hohen Betonelementen vor, das gleichmäßige Blau des Himmels verwandelt sich in etwas erdrückend Indifferentes. Die Bouchéstraße selbst, sowie der Edeka, in dem ich die Milch kaufe, befinden sich im ehemaligen Todesstreifen. Jetzt kann ich das zum ersten Mal richtig sehen: das Haus, auf der gegenüberliegenden Straßenseite: der WESTEN. Es sind vielleicht zehn Meter.
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