• di, 25.8.2026

    FORCES THAT MIGHT LEAD YOU ASTRAY

    Ein Roboter läuft einen Sprint über die Distanz von 100 Metern. Er ist schneller, als der bisher schnellste Mensch auf dieser Strecke. Das Stadion, es steht in China, ist nicht sonderlich gut besucht. Der für den Wettkampfmoment abgedunkelte Zuschauerraum kann darüber nicht hinwegtäuschen. Es ist nicht sonderlich interessant, sich das anzusehen, und dort zu sein anscheinend auch nicht. Darüber kann der Roboter nicht hinwegtäuschen. Darüber werden alle Roboter nicht hinwegtäuschen können.
    Ich persönlich erwarte übrigens auch, dass ein Roboter, der jetzt, in dieser Zeit, in der so viele Dinge mit der Vorsilbe „Tech-“ versehen werden, entwickelt wird, schneller rennen kann als ein Mensch. Locker. Es gibt ja auch schon lange Maschinen, die können dein Essen in Sekunden erhitzen, oder welche, die haben riesige Schaufeln vorne, die können mehr buddeln als wir.
    Die Beine beeindrucken mich nicht.

    Bremsen, oder Stoppen, ist des Roboters Sache (noch) nicht. Um seinen Rekordlauf zu beenden, muss der Roboter, der jetzt als der schnellste im Vergleich mit dem Menschen gilt, aber vielleicht deswegen nicht automatisch (no pun intended) auch der schnellste Roboter unter allen Robotern ist, in eine grosse puffy Matte hinein rennen. Dabei sieht er schwerst degeneriert aus. Like a tool. Der Triumph hat nicht mal einen ästhetischen Wert. Sein Sensor vermittelt ihm: ah, Widerstand. In der Kunstwelt sagt man „Resistance“, lol.
    Dann fällt der Roboter zur Seite um, und seine dem menschlichen Bein nachempfundenen extensions beenden ihre Aktivität.
    Wie er so da liegt, auf der Seite seines hard shell Exoskeletts, shutting down: hat dieser Trottel der téchne einen Namen?

  • mo, 17.8.2026

    CICCONE YOUTH AND MID-MANHOOD

    Rain
    Feel it on my fingertips
    Hear it on my window pane
    Your love’s coming down like
    Rain
    Wash away my sorrow

    Dolce Madonna Bionda. Was auch zutrifft: eben dachte ich, ich müsste meine Gedanken zu Jason Arday hier hinschreiben, und tat das dann auch. Aber ehrlich: was soll das? Wieder gelöscht alles, weil, wie es dann da saß (und eben nicht so richtig stand), der Text, ungefragt, eine MEINUNG, das Wort „meins“ so hart mit-tragend, und warum überhaupt sollte ich etwas dazu schreiben. Es reicht ja, dass ich es denke, und mit derselben Öffentlichkeit zu tun hat, aus der es mir entgegen kommt. Sam Kriss hat einen guten Text dazu geschrieben. Es gibt nur Verlieren in diesem speziellen Fall. Es gibt ja vielleicht überhaupt keine Verlierer mehr, es gibt nur noch das Verlieren.

    Frage: was ist das eigentlich, diese Öffentlichkeit (heute)? Ist das zu grob gefragt, zu doof? Der Eindruck—viel mehr als früher—ist der einer grossen animalischen, muskulösen Kraft, grosse Wildkatzen, die ihr Abbild im Dschungel sehen, wo man grosse Spiegelflächen aufgestellt hat, in denen sie sich nicht erkennen. Ich habe das nie vergessen, seit ich es vor Jahren mal auf YT gesehen habe, denke oft dran, it just comes up: ein Spiegel, der im Dschungel steht, in den Tropen, wo es dunkel und hell gleichzeitig ist, und in dem man sich nicht erkennt.

  • fr, 14.8.2026

    WHEN FLASH AND VIBRATE PLEASE TAKE THE MEAL

    Noch bevor ich wirklich verstanden hatte, warum wir, die anderen Autofahrer unter der Mittagssonne und ich, eine Rettungsgasse bildeten, von einem Augenblick auf den nächsten, ohne merklichen Cue oder ein bestimmtes Signal, einfach durch intuitives Erfassen und Kopieren, durch intuitives Wissen um die Richtigkeit der Aktion, war etwas nahezu Makelloses, vielleicht Kunstähnliches gebildet und vor mir sichtbar: eine lange und saubere Schneise, die bis zum äussersten Punkt meiner Sichtachse sich ausdehnte, hunderte und hunderte von Metern, wo ein silbriges Flirren von den stillstehenden Autodächern abstrahlte, und wo alles, wenn man ein paar Sekunden zu lange hinsah, in einem farblosen Wabern ineinanderfloss.

    Plötzlich war ausgerechnet die Autobahn, der Ort, an dem der Deutsche seine zivile Freiheit zuletzt verteidigt, ein merkwürdiger Ort des Stillstands geworden, der Stille fast, und konzeptuell auch: alle zusammen, wortlos, im Sinne und im Auftrag der Dinge, die direkt vor uns passieren—LITERALLY, wie jetzt immer alle sagen.
    Die andere, gegenläufige Fahrbahn, sie klang zwar wie eine Fahrbahn, es wuschte und dröhnte, aber: geschenkt. Ich vernahm nur das Zirpen aus dem ockernen Band rechts von mir, der gnadenlos ausgedörrten Böschung, hinter der sich das schönste Sommerblau aufplusterte, als sei das hier sur-Mer-irgendwo, und nicht die deutsche A44, die deutsche Walzen glattgewalzt haben, dazumal. Ein leichter Wind ging.
    Wer sagt es dem Deutschen, das er im Bilden der Rettungsgasse einen seiner anmutendsten Tänze gefunden hat, Rhythmus, Melodie, Sinn, in einer Maschine sitzend?

    Ich kannte das nicht. In 25 Jahren Autofahren war ich noch nie in eine Vollsperrung geraten, und ich beschloss recht früh hier an diesem Donnerstagmittag, dass ich jetzt sehr vorsichtig sein wollte, wie ich das erleben will, und welche profanen Gedanken und Empfindungen, wahrscheinlich neuronale Commonalities der Wahrnehmung, ich jetzt abzublocken, abzuwehren hätte. Haben wir nicht SUFFERING schon genug profanisiert? I choose not to suffer. Ich machte mir einen gewissen Fun draus, jetzt besonders Künstler zu sein, wenn man so will, und vor allem nach AUSSEN zu schauen, und nicht nach INNEN. Entgegen der
    (hier bleibt ein Kommentar zur konzertierten Curatorial Global Practice aus, aber ganz kurz angemerkt: nicht unbedingt die artists sind das Problem, sondern eine Homogenisierung von kuratorischen sog. Schwerpunkten und vielleicht sogar einer femininen Politik der Ausgrenzung? Let us live and think mit Bewährung)

    Aus dem Autoradio (wie lange habe ich das nicht mehr gedacht, das Ding eines Autoradios) kommt/ich gebe mir zum xten Mal den über vierstündigen Zusammenschnitt von Interviews mit einem amerikanischen, bereits verstorbenen Schriftsteller—ich bin in einer Phase (?), die die Wiederholung für den Erkenntnisgewinn schätzt. Know one book intimately, rather than dozens superficially… diese Nummer. Es kommt—tatsächlich— meistens der Punkt, an dem diese beiden Dinge, die der Innen- und der Aussenwelt, konvergieren, sie sich auf dem Hyperboloid treffen, wo Neugierde und Wahrnehmung sie wild rotieren lassen, aus verschiedensten Punkten heraus, der Welt, die war, und der Welt, die ist, und auf einmal, hörst du es, spricht der tote Amerikaner über die Vollsperrrung, in der ich gerade stehe, und noch für Stunden stehen werde. Hast du es bemerkt?

    Ist Zeit auf eine bestimmte Art und Weise vergangen, sucht man nach Progress in der bittersten Monochromie. Irgendwann, eher wahllos, hat man für sich entschieden, dass es mit STEHEN nun genug ist, und es weitergehen MUSS. Natürlich muss überhaupt nichts weitergehen. Ich schaue mit müder werdenden Augen auf einen gewählten Punkt in der flimmernden Flucht, und bin mir erst sicher, dass sich dieser etwas dunklere Fleck, den ich zu fixieren beschlossen hatte, die Hinterseite eines Lastwagens, jetzt noch etwas weiter hinten befindet. Es tat sich etwas. Aber als ich es mit der horizontalen Linie abgleiche, die die Unterseite der durch mein Sichtfeld laufenden Fussgängerbrücke bildet, bin ich mir sicher, dass es bereits vor einer Stunde, und der Stunde davor, so aussah. Ich amüsiere mich über mich selbst, dass ich zu suchen begann, Zeichen sehen wollte. Andere Leute, ein paar Frauen, dann auch Männer, klettern hinter die Böschung, um sich zu erleichtern. Obwohl sich seit Stunden nichts bewegte, schauen all diese Leute, bevor sie die Böschung hoch stapfen, kurz nach vorne, nach ganz vorne, als gäbe es einen bestimmten, günstigen Moment abzuwarten.

    Nach etwas mehr als vier Stunden, es war inzwischen Wasser aus Halbliterflaschen (mit Kohlensäure! Deutschland.) verteilt worden, erst ein Mal, dann nochmal, schien es Bewegung zu geben. Einige Autos drehten, kurz vorher noch, und fuhren zurück zur nahegelegendsten Auffahrt, was die Polizei zuerst duldete, und dann nicht mehr. Ein pickliger Polizist konnte mir dazu nur Etwaiges, und dann auf einmal eigentlich gar nichts mehr sagen. Die Handwerker, die die ganze Zeit neben mir standen, schienen ebenfalls entschlossen zu drehen („Ich dreh jetzt auch um“), aber dann ging es plötzlich weiter. Ich dachte an den Philosophen Dennett, und wie er meinte, ein Verkehrsstau sei ein perfektes Beispiel für Emergenz. Dies hier war allerdings kein Stau.
    Da hinten, ich sah es nun deutlich, fuhren die Autos langsam los, und wir, die wir auf dem Seitenstreifen standen, blieben dort auch weiterhin noch, setzten unsere Fahrt dort fort, da lag die Fahrbahn bereits im Schatten, und die Natur um uns herum, die über der Lichtnarbe lag, begann nun zu leuchten, french-painting-style.
    Ziemlich genau um 20 Uhr taumelte ich aus dem Auto, und meine Augen fühlten sich fremd in ihren Höhlen an, nicht unangenehm.

    Auf der Hinfahrt, hinauf ins hessische Land zu Tassilo’s Nudelgerichten in der wunderschönen Scheune, sah ich auf der Autobahn einen Sattelschlepper, mit zwei langen, leeren Ladeflächen als Anhängern. Einzig ein kleines, graues Bobby-Car® war, entgegen der Fahrtrichtung, auf die grosse Ladefläche geschnallt. Das war nicht ohne Wirkung auf mich gewesen, auf der Hinfahrt, how could it not, und jetzt denke ich: dieses Bobby-Car®, das war ich.