• s0, 11.10.2026

    EXTENSIONS 11

    Was ich jetzt, zum ersten Mal, wirklich sehe, vielmehr bewusst betrachte, sind die Männer der ostdeutschen AfD. Es sind Fussgängerzonengesichter, Wartende an einem Regionalbahnhof, die auf keiner Retina je haften könnten. Gleiche Haarschnitte. Groß- und Außenhandelskaufmänner. Hager und doch schwammig. „Unterernährt und übergewichtig zugleich durch seine einseitige Ernährung mit Kartoffeln“, schrieb Truman Capote in einem Portrait über Ezra Pound. Sie wirken verschlagen durch ihre saisonal völlig deplatzierten cremefarbenen und hellblauen Sakkos und Hosen. In den Blicken mancher dieser Männer liegt die spezifische Spannung derer, die für das, was sie nicht sagen dürfen, gerade schlau genug sind.

    And now: Extensions 12

  • so, 4.10.2026

    REGULAR EXERCISE

    Die in Notizbüchern typischerweise auftretenden Wiederholungen weisen ferner auf den suchenden Charakter hin, den dieses Reflexionsmedium ausmacht. Freilich handelt es sich dabei in der Regel nicht um reine Wiederholungen eines vergesslichen oder zum Insistieren neigenden Autors, sondern um unterschiedliche Facetten und Blickwinkel mit Bezug auf ein und denselben Gedankengang.

    Was auch immer sich lösen ließe, an Problemen oder Verwirrungen, ich bin ohnehin unterwegs, ambulando, und die Oktobersonne steht bereits hoch. Ein schöner Tag teilt sich immer mit, wirkt, und ich empfange diese Mitteilung gern.

    Es ist der Tag des KölnMarathon. Athleten und unbeteiligte Fussgänger gleichermaßen können diesem Tag kaum umhin, vereinzelt Zonen von toxic percussionism durchqueren zu müssen. Die Gesichtsausdrücke der Trommler lassen keinen endgültigen Schluss zu, ob sich die Leute bewusst sind, was sie da machen, Lautstärke ist der Konsens, mehr noch als rhythmisches Muster oder feeling. Die Trommel, das scheint ihr auferzwungenes Schicksal geworden, ist das Instrument der Wahl, an dem noch der Unmusikalischste meint, eine direkte Linie und somit den kürzesten Weg zur MUSIK—ALL CAPS—gefunden zu haben.

    Was ist eigentlich mit dem Aspekt des „Deskilling“ (wie es Ian Burn von Art & Language in seinem Aufsatz von 1981 erwähnt und, wie man sagt, etabliert hat) — ist das noch die Konvention, das „Ent-privilegieren“ des Kunstwerks? Jetzt fällt mir ein, an wie vielen AI-generierten Speisekarten und Postern ich in letzter Zeit vorbeigegangen bin, und wie es ihre gleichförmige Zugeballertheit und Abwesenheit von optisch-gestalterischen Grundlagen war, die mich da hinschauen ließen.

  • mi, 30.9.2026

    NACHDENKLICHER WEHRPFLICHTIGER

    In meinem Nacken Verspannungen, die Schraubstockkopfschmerzen hervorrufen. Im Innenhof die Gerüstbauer. Ein merkwürdig neuer Anblick und Sound: Männer, die meisten über 50 und kaukasisch, old brand working class, die sich, über den Lärm der klonkenden Stangen hinweg, Dinge in rheinischen Mundarten zubrüllen. Dann das Schnarren einer Ratsche.

    Andere Cartoon-Szene: ein Obdachloser klebt sich mit Flüssigkleber die Sohle seines Sportschuhs wieder an, indem er die glasige Soße in die klaffende Lücke tropfen lässt, während er den Schuh noch anhat. (Notiz war: a hobo glues his shoes. What melody!)

    Es liegt viel Sex in den Blicken des Spätseptembers.