• Freitag, 10.12.2021

    FLEMISH BOND

    Neulich sagte mir Babyfather Pippo ein Treffen ab, mit der Begründung, das Baby sei “glibbrig”, sogar im “ganzen Gesicht”. Verständlich, einerseits, da abzusagen, andererseits der Glibber. Seit Tagen mache ich jetzt schon Nachforschungen eines ganz speziellen Effekts von Glibber im Gesicht wegen, bzw. ich betreibe Weiterbildung in Sachen Peinture. Velázquez interessiert mich deshalb, weil – ja, viele Gründe, zum einen, weil er natürlich Velázquez ist, und weil er seinen Stil irgendwann geändert hat, vom in seiner Ausbildung bei Pacheco erlernten Stile der sog. Sevilla Schule, der wiederum in der Hauptsache beeinflusst vom Stile der italienischen Meister des Frühbarock war, also vor allem Caravaggio, hin zu einer im Prinzip vorimpressionistischen Malerei (200 Jahre vorher) des AllaPrima, also der Malerei, die in einer Sitzung entsteht, ohne Lasierungen und demnach ohne langwierige Trocknungszeiten einzelner Malschichten, wie es etwa die flämischen Meister, Stichwort Vermeer, auf das wahrscheinlich real höchste Level brachten. Warum änderte Velázquez seinen “approach”? Da müsste ich wahrscheinlich mal in diesem Buch, Johnathan Brown – The Technique of Genius, nachschauen, aber das habe ich leider nicht.

    In der AllaPrima-Malerei ist die Ölfarbe noch mehr eine in Gleich- und Echtzeitigkeit zu verwaltende Materie, die man hin und herschiebt, manövriert und bewegt, mit Körperhaftigkeit und Viskositäten, dabei immer offen, also nass und bearbeitbar, somit auch verlockend und opportun. Man könnte alles immer jederzeit wieder komplett ändern, im Gegensatz zu bereits getrockneten Schichten, die sehr konkret auf ein imaginiertes Endziel hindeuten und einem direkt ins Auge hinein WESEN. Fragestellungen der Normalerei.

  • Dienstag, 07.12.2021

    DEM SCHUTZPATRON NIKOLAUS VON MYRA GEWEIHT

    Der Langmut, den ich beim Mantelkauf letzte Woche aufbrachte – ließ ich doch noch sozusagen in letzter Sekunde das braune Teil im Laden – sollte Samstag sein Dénouement finden, eingecasht werden: nachdem ich graphische Arbeit im Plattenladen geleistet hatte (Stichwort TopTen), es regnete da bereits doppelt feucht ab, ging ich bei M. Courbet vorbei, sah dort auch Pascal arbeiten, den ich nicht SO gut kenne, er mich aber immer überfreundlich behandelt und mit allerlei preislichen Abschwächungen beschenkt (warum eigentlich?), und wolllte eben die Mantelsuche ein bisschen fortsetzen. Setzte den Mundschutz auf, wie man früher vom Pferd abstieg, und ging rein. Und tatsächlich ging ich dann, wie automatisch, auf den blauen Mantel zu, der da als letztes Stück seiner Bauart auf der Stange hing, auch in meiner Größe. Probierte ihn an, und wußte! Es war aber kein Preisschild zu finden und ich befürchtete schon Heftiges, wobei – nein, das stimmt nicht, ich spürte eine unbegründete Zuversicht, dass hier UND jetzt diese Verbindung eingegangen werden könnte aufgrund günstiger Zeichen und Vorraussetzungen, und da flötete Pascal mir entgegen, der liege bei 179 Euro, aber es gibt Vierzig Prozent noch drauf, also runter. Und so wurden die notwendigen Handlungen vollzogen und ich tütete ein und war tatsächlich ein bisschen stolz, dass ich da letzte Woche verzichtet hatte.

    Dagegen gestern Flashbacks der Erinnerung, zur strahlendsten und schönsten Wintersonnenzeit, als ich am Rheinufer entlang ging, in kalter und klarer Luft, gewaschen in der Strömung. Dieses Licht lädt wirklich noch jede Baumsilhouette im Gegenlicht, jeden Grashalm mit dieser unerklärbaren Entstehung auf, aus der heraus sich ganze Erzählungen winden. Gestern war es die kleine Erzählung von: als ich Charlotte, so hieß sie, mal eine Blume schenkte, ich war keine Ahnung wie alt, es war auf jeden Fall schon zu Gymnasialzeiten, und Charlotte war ein bisschen älter, aber, glaube ich, nicht mal auf meiner Schule? Ich bekomme die genauen Umstände nicht mehr zusammen, da sind echte Krater, aber eine Art Koordinatensystemchen bleibt, Punkte sind lose und nur teilweise verbind- und nachvollziehbar, aber das Hauptthema dieser Erinnerung war, wie ich mich an diese zarte Verknalltheit erinnerte. Aber war ich überhaupt wirklich verknallt in diese Charlotte, damals? Ich weiß es nicht mehr. Ausgelöst wurde das durch den Ort, diese Ecke, zu der eine nunmehr sanierte kleine Treppe herauffürt, vom Rheinufer, hoch zu dem Pfad, an dem die kleine Nikolauskapelle liegt. Eine mehr oder weniger wahllos vom Gehirn abgespeicherte Detailaufnahme eines Augenblicks, ich, als wahrscheinlich Jüngster, inmitten Älterer, in deren Kreis ich wahrscheinlich dank meines losen Mundwerks Eintritt fand, und dann dieser kleine Moment, wie ich Charlotte diese Blume schenke, wofür man mich wahrscheinlich dann aufzog, und die arme Charlotte, die hatte ich damit sicher in eine merkwürdige Situation…? Charlotte war ein blondgelocktes, schlankes und großes Mädchen, deutlich größer als ich, und ihr Gesicht habe ich heute als bloße Annäherung vor mir, genau und ungenau gleichzeitig, und wie eine Künstliche Intelligenz füllt mein Gehirn Lücken mit “wahrscheinlichen” Pixeln auf, während ein anderer Teil des Gehirns dazu die angehefteten Emotionen mitliefert, oder sie hier, in dieser herrlichen und scharfen Nachmittagssonne, neu überschreibt. Ich denke: Gott, war die süß, und es war richtig von mir, ihr durch eine Blume zu sagen, dass ich sie, so jung ich doch war, süß und schön fand.

  • Donnerstag, 02.12.2021

    EN NORSK MÅLARE

    Schockbriefe – we deliver your horror: die Post. Leider. Diesmal ist aber auch Post aus der Mengelestrasse dabei, mit blauglitzerndem Delfin-Aufkleber, groß wie ein Schmetterling! Es ist ein kleiner Adventskalender, und somit auch meine einzige Dekoration für das sog. Fest. Ich hätte hier gern, für diese Wochen, den Duft von Tannenzweigen in der Wohnung, so dieses bisschen Holzige, geht das, ohne Kranz, ohne Zweige? Ich würde auch selber gerne wie ein Tannenzweig riechen. Das kann ich auch, ich müsste mir einfach das Issey Miyake-Parfum nachkaufen. In diesem Moment dringt der Pestgeruch des AXE-Deos der Nachbarn in meine Wohnung und kündigt an: sie haben jetzt das Haus verlassen.

    Von einer Titelseite, aus einer Zeitungsauslage heraus, flüchten aus der Diastema-Zahnreihe von Jens “Eigenkapital” Spahn unhörbar die Worte Lockdown für Ungeimpfte. Mittags zu fiebach minninger, die Zeichnung für die Auktion des NAK abgegeben, da traf ich dann auch direkt U. und wir unterhielten uns noch etwas vor der Tür, wo das Wetter jede Menge Spirenzchen veranstaltete, von Regen auf Wind auf Graupel und wieder Regen umschaltete, bisschen hysterisch und needy, für meinen Geschmack. Sehnsucht nach Munch’schen Landschaften. Beim Plissee-Laden wurde ich vertröstet, ich solle später nochmal wiederkommen, die neuen Aufnäher abzuholen.

    Erste Etappe eines Mantelkaufs. Mein geliebter Brauner hat ein neues Loch, oben an der Schulter, und ich befürchte, die Zeit für die Trennung ist gekommen. Fast hätte ich schon einen gekauft, aber er hatte diesen merkwürdigen Schimmer, den ich, quasi im letzten Moment, als “billig” wahrnahm. In Dunkelblau hätt ich ihn genommen. Ich denk auch an den wunderschönen Tweed-Anzug, den ich auf der Kunstmesse gesehen hatte, aus der Tiefe kam er zu mir zurück.