DEM SCHUTZPATRON NIKOLAUS VON MYRA GEWEIHT
Der Langmut, den ich beim Mantelkauf letzte Woche aufbrachte – ließ ich doch noch sozusagen in letzter Sekunde das braune Teil im Laden – sollte Samstag sein Dénouement finden, eingecasht werden: nachdem ich graphische Arbeit im Plattenladen geleistet hatte (Stichwort TopTen), es regnete da bereits doppelt feucht ab, ging ich bei M. Courbet vorbei, sah dort auch Pascal arbeiten, den ich nicht SO gut kenne, er mich aber immer überfreundlich behandelt und mit allerlei preislichen Abschwächungen beschenkt (warum eigentlich?), und wolllte eben die Mantelsuche ein bisschen fortsetzen. Setzte den Mundschutz auf, wie man früher vom Pferd abstieg, und ging rein. Und tatsächlich ging ich dann, wie automatisch, auf den blauen Mantel zu, der da als letztes Stück seiner Bauart auf der Stange hing, auch in meiner Größe. Probierte ihn an, und wußte! Es war aber kein Preisschild zu finden und ich befürchtete schon Heftiges, wobei – nein, das stimmt nicht, ich spürte eine unbegründete Zuversicht, dass hier UND jetzt diese Verbindung eingegangen werden könnte aufgrund günstiger Zeichen und Vorraussetzungen, und da flötete Pascal mir entgegen, der liege bei 179 Euro, aber es gibt Vierzig Prozent noch drauf, also runter. Und so wurden die notwendigen Handlungen vollzogen und ich tütete ein und war tatsächlich ein bisschen stolz, dass ich da letzte Woche verzichtet hatte.
Dagegen gestern Flashbacks der Erinnerung, zur strahlendsten und schönsten Wintersonnenzeit, als ich am Rheinufer entlang ging, in kalter und klarer Luft, gewaschen in der Strömung. Dieses Licht lädt wirklich noch jede Baumsilhouette im Gegenlicht, jeden Grashalm mit dieser unerklärbaren Entstehung auf, aus der heraus sich ganze Erzählungen winden. Gestern war es die kleine Erzählung von: als ich Charlotte, so hieß sie, mal eine Blume schenkte, ich war keine Ahnung wie alt, es war auf jeden Fall schon zu Gymnasialzeiten, und Charlotte war ein bisschen älter, aber, glaube ich, nicht mal auf meiner Schule? Ich bekomme die genauen Umstände nicht mehr zusammen, da sind echte Krater, aber eine Art Koordinatensystemchen bleibt, Punkte sind lose und nur teilweise verbind- und nachvollziehbar, aber das Hauptthema dieser Erinnerung war, wie ich mich an diese zarte Verknalltheit erinnerte. Aber war ich überhaupt wirklich verknallt in diese Charlotte, damals? Ich weiß es nicht mehr. Ausgelöst wurde das durch den Ort, diese Ecke, zu der eine nunmehr sanierte kleine Treppe herauffürt, vom Rheinufer, hoch zu dem Pfad, an dem die kleine Nikolauskapelle liegt. Eine mehr oder weniger wahllos vom Gehirn abgespeicherte Detailaufnahme eines Augenblicks, ich, als wahrscheinlich Jüngster, inmitten Älterer, in deren Kreis ich wahrscheinlich dank meines losen Mundwerks Eintritt fand, und dann dieser kleine Moment, wie ich Charlotte diese Blume schenke, wofür man mich wahrscheinlich dann aufzog, und die arme Charlotte, die hatte ich damit sicher in eine merkwürdige Situation…? Charlotte war ein blondgelocktes, schlankes und großes Mädchen, deutlich größer als ich, und ihr Gesicht habe ich heute als bloße Annäherung vor mir, genau und ungenau gleichzeitig, und wie eine Künstliche Intelligenz füllt mein Gehirn Lücken mit “wahrscheinlichen” Pixeln auf, während ein anderer Teil des Gehirns dazu die angehefteten Emotionen mitliefert, oder sie hier, in dieser herrlichen und scharfen Nachmittagssonne, neu überschreibt. Ich denke: Gott, war die süß, und es war richtig von mir, ihr durch eine Blume zu sagen, dass ich sie, so jung ich doch war, süß und schön fand.