• Freitag, 28.1.2022

    7:55h, Abfahrt, pünktlich.
    Kaum sind wir unter der Überdachung hervor, wird dort vom Big Operator ein Morgenszenario hochgeladen, man sieht, hinter der Weltscheibe, die Dioden mit Orange und Violett und Grün durchflossen, warm und kalt zu gleichen Teilen, “Wie ist die Lage” fragt eine Frau hier im Abteil sanft in ein Telefon, und die Klangqualität der on-board-Anlage der sog. Deutsche Bahn® ist in den Zügen der neuesten Bauart nochmal anders, klarer, voluminöser, more live, more new, pastoral. An der Scheibe, direkt links neben mir, fließt außen, von Reiselust gnadenlos über das Glas getrieben, ein Rinnsal von Tauwasser?! Es muss. Geschwindigkeit 232 km/h.
    Vor mir und an mir vorbei, eine deutsche Landschaft ohne Zeit und Verortung, Deutschland 1912, Deutschland 1879, Deutschland 1832, die ewigen Gestalten von braunen Wiesen und Bäumen. Man sieht die Kanten der Wolken von hellgelbem Licht bestrichen.

    10:50h, vor zwei Stunden kostete mich der Kaffee hier im Zug noch 3 Euro, jetzt, kurz nach Offenburg kostet der Kaffee auf einmal schon 3,30 Euro. Wir sind also mitten durch eine Inflationsverpuffung gefahren. Ist das schon “Good Gay Camp”? Leider nit.

  • Donnerstag, 27.1.2022

    3278 BRONZEGLOCKEN ODER 5000 HELME

    Die Obertöne des Glockengeläuts bilden einen Choral von Frauenstimmen und das wollte ich gleich notieren. 

    Es gibt kein Urvertrauen an das eigene Denken. Was wirklich zutrifft: es beginnt immer wieder von Neuem, und dann baut einem die Erfahrung Hebel ein, die man dann betätigen kann – oder nicht.

    Ein Schaufenster für
    Oswald Wiener
    – in Zusammenarbeit mit Michael Krebber

    Kunst als das business of mystification. Für mich wird immer mehr klar, dass diese Dinge nach dem Prinzip der Sättigung laufen. Irgendwann ist das berühmte Fass voll, und ich fordere, von mir, von den anderen: warum einfach, wenns auch schwer ginge? Macht mal, PROBIERT mal was anderes.
    Don’t boil down.
    Und deswegen zieht es mich hin und wieder tiefer in die Technik hinein, denn da tritt diese manchmal hysterische Konfliktkulisse etwas in den Hintergrund, und ich fühle mich erleichtert vom Kettenhemd der Zeitgenossenschaft.

    Wärmepflaster – auch so ein Ding.

  • Montag, 17.1.2022

    ESTRELA DE MANHÃ

    Wie aus einem feuchten Trog gezogen – so geht sich dieser Montag an, blaugrau und vollgesogen und dicht, und er teilt den Januar entzwei. Und während ich genau diese Sache mit dem Trog schreibe, ergehen sich hier die Streicher im letzten Segment des letzten Liedes auf der brasilianischen Platte, die ich, ohne nachgedacht zu haben, als erstes nach dem Aufstehen aus dem Regal gezogen hatte, um vielleicht umgehend dem Tag und seiner grauen Überpower einen tropikalischen Kontrapunkt hinzuzufügen, und siehe da, ich kann ein warmes Gelb und Grün in den Tiefenschichten erkennen, und die Laune bessert sich umgehend. Schönheit ist schön, ist echt wahr.

    Noch im Halbschlaf hatte ich einen Artikel über den untermeerischen Vulkanausbruch in der Nähe von Tonga gelesen. Nicht den Januar, aber eine Insel brach er entzwei. Danach döste ich wieder ein, und träumte davon, wie die Welt unterging, ein für alle Mal.