• Freitag, 14.1.2022

    ICH HEISSE JETZT ANDRÉ

    Noch bevor das Jahr 2021 alius annus horribilis zu Ende ging – ein weiteres Jahr forcierter, existentieller Verlustreduktion, wie ich eben bei Andreas “Bye Bye Klassenbewusstsein” Reckwitz gelesen habe – hab ich mal wieder meine EC-Karte verloren. Für sowas verachte ich mich, will mir selbst in die Fresse hauen. Warum? Weil ich schon beim Versuch, den Verlust zu rekonstruieren, scheitere. Und die Karte ist eben weg. Diesmal fiel es mir sogar erst am nächsten Tag auf, weil ich meine Karte nicht benutzt habe, und man verlässt sich ja (merkwürdigerweise) darauf, dass diese Dinge einfach da sind, im Inventar, wenn man sie nicht benutzt. Dann natürlich die Nerverei mit der Sparkasse. Die Frau am Schalter meinte auch schon, da wir ja grade “zwischen den Jahren”…jaja, kann und wird es natürlich LÄNGER dauern. “Sicher”, dachte ich da, und auch “Allah stehe mir bei”. Aber Allah hatte anderes zu tun, und so wartete ich knapp zwei Wochen auf meine neue Karte, was ich, Entschuldigung, einen TICKEN zu lang empfinde, eingedenk aller und jeder Umstände und für einen Laden, der demnächst 9 Euro monatlich für die Bereitstellung eben jener EC-Karte verlangt (wer denkt sich diese Gebühren aus?), und um nicht an den zähen Verfall unseres kleinen, dafür aber durchaus gesund-überaffirmierten Landes zu denken, und war nun sozusagen vollends in Houellebecq-Stimmung angekommen. Ich glaube, ich muss nochmal nach Zürich kurz, zum Durchatmen. In der letzten Woche wurde ich wieder “André” genannt, gleich zweimal, das hatte ich echt ewig nicht mehr, und dann gleich doppelt. So läufts. Und ich will übrigens Gardinen-Tafeln aus Bestattungsfahrzeugen zu Skulpturen machen. 

  • Mittwoch, 12.1.2022

    AUSWERTUNG DER BODYCAM

    Halbdunkle Morgen. Das Erste, was ich sehe: das Rot der Ziffern auf dem Grundig®-Radiowecker, und der graue Himmel, wie ein ungewaschenes Duvet, an die Decke genagelt.

    Wie auch die Farbe als Material selbst, schieb ich bisschen Mikrofrustrationen hin und her. Ich habs Joachim so erklärt: hab mich viel informiert, viel Neues angepumpt, und jetzt habe ich, auch irgendwie kindlicherweise, das Bedürfnis, all dies neue “Wissen” auch sofort und alles auf einmal anwenden zu können. Eine gewisse Ungeduld, die wohl einerseits meine eigenen Ansprüche an mich selbst darstellen sollen, als auch andererseits dem Welttempo geschuldet ist, weil alles immer schnell und heute und jetzt und sofort usw.

    Großen Spaß hats mir gemacht, Thomas und Joachim beim Livesenden zuzusehen. Zwei Stunden vergehen wie im Fluge, nein, wie BEIM SENDEN, und obwohl ich manchmal dachte, ich würds gern hören, wie es alle anderen hören, ohne visuals, war ich doch auch froh, als Körper unter Körpern zu sein, denn so konnte ich sehen, wie zB Joachim einige Male sogar hoppste vor Freude, oder wie alle, wir alle, ganz automatisch zu Schweigen anfangen, wenn schöne Musik gespielt wird, vielleicht sogar die schönste Musik. Später kehrten wir noch in eine Lokalität ein, für ein letztes Getränk. Und jedes Mal, wenn man in dieser neuen und ewigen Ausnahmesituation eine bestimmte Zeitschwelle überschritten hat, fühlt es sich an, als sei man trotz Fliegeralarm noch draußen, während alle anderen den Schutz der Privatheit in ihren gewaschenen Duvets suchen. Und als die beiden schon die nächste konzeptuelle Sendung planten, sah ich, wie am Tisch hinter Joachim, sich eine junge, unterarmamputierte Frau den Stumpf eincremte, dabei selbst in ein Gespräch vertieft.

    “Nackter Kampf gegen Rassismus! Linda Nobat ziert das Cover der Februar-Ausgabe des deutschen Playboy” Auch das ist ja Weltwissen, im Sinne von Orientierungswissen. “W e l t heißt, dass ich mir vorstellen kann, was mich erwartet, wenn ich aus diesem Raum herausgehe und die Tür hinter mir ins Schloss fällt.” (Dirk Baecker)

  • Samstag, 8.1.2022

    ES GIBT LEBEN UNTER DEN NEBENSONNEN

    Von der Transparenz und der schimmernden Farbigkeit der dunklen und dunkelsten Schatten und Tiefen bei the very late spaniard Velázquez, zum Samstagmittag in seuchendynamischer Republik. Der Himmel schwimmt grad in Blau, gelblich-weiß die Wolken ausgebleicht. Andere Wolken, klein und von dunklem Violett, bizarr geformt wie die zerdrückten Körper kleiner Spinnen, ziehen vorüber in merkwürdiger Revue. Manche, so scheint es, werden von den Häusern selbst ausgespuckt.

    Sterben innerhalb von wenigen Stunden Bogdanovich und Poitier. Ich muss mir The Last Picture Show nochmal anschauen, und vielleicht auch alles andere noch. Auf dem Nachhauseweg höre ich mir das Bogdanovich-Interview aus 2015 nochmal an, vielleicht mit das Beste, was Marc Maron je geführt hat. Ich habe eine kindliche Freude daran, solchen Leuten mit ihren 20. Jahrhundert-Biografien zuzuhören. Ich meins wirklich so: wenn ich sowas höre, bekomme ich selbst wirklich Lust auf Leben. Die Welt sollte sich gefälligst verhalten DEMENTSPRECHEND.

    Deutschland selbst, als reale Umwelt, immer mehr etwas, das ich wie einen Verwandten mit leichten Hirnschäden betrachte. Fürsorge und blanke Verachtung durchwaschen mich tageweise. That’s all folks.