• Montag, 29.11.2021

    WITH YOUR KISS MY LIFE BEGINS

    Es zieht überall in dieser Wohnung. Aus irgendwelchen durch Materialauflösung vergrößerten Ritzen und Schlitzen dringts hier rein, und ich weiß auch, daß hier, in diesem Haus, nichts mehr passieren wird, diese Situation zu verbessern. Ich muss natürlich auch mehr anheizen gegen diese latente Quälerei. Provisorisches Wohnen, jahrelang. Man IST nicht sein Körper, man HAT einen, und man IST nicht seine Wohnung, man HAT eine. Und dann, auf dem Ebertplatz, da liegen die Obdachlosen jetzt vor den Ladenlokalen, manche nur mit einer kleinen Isomatte und einem Schlafsack, und ich raffe nicht – erstens: wie das überhaupt geht, in dieser Kälte, die ja noch nicht mal die kälteste Kälte ist (es geht natürlich NICHT, aber was unaushaltbar ist, das hält man offensichtlich lange aus), und zweitens: wie soll das eigentlich weitergehen. Es ist so brutal deutlich, wie viel MEHR Obdachlose es gibt, hier direkt in meiner fußläufigen Umgebung, und wie viel näher das alles kommt, wie diese Leute sich in diese kleinen Fluchten und Nischen zurückziehen, manche mit immer mehr fahrendem Hausrat und Gerümpel, das sie ihren Besitz nennen, und dann schlafen sie neben Dreck und Kotze auf dem eisigen Stein dem Tod entgegen oder was? Die Würde des Menschen – natürlich eine absolut perverse Lüge.

    Gestern ging ich dann einfach raus, und meine Beinchen trugen mich wieder ins Museum. Da stand ich dann, wieder mal, vor dem Kienholz War Memorial, und rief die Geister des Advents an—aber jetzt, 11:07h, fällt Schnee oder Graupel kräuselnd vom Himmel herab. When Attitude Becomes Weather.

  • Mittwoch, 24.11.2021

    SCHLUMMERT EIN, IHR MATTEN AUGEN, Teil 2

    Als ich dann Sonntag – Winter frisst ab Mittag schon die Lichter auf –  zum dritten Mal die Kunstmesse aufgesucht hatte, betrat ich den gegen die frühe Dunkelheit anleuchtenden flughafenterminalgroßen Eingangsbereich (darf ich kurz Ihr Impfzertifikat prüfen) bereits wie einen neuen Arbeitsplatz: ohne große EMOTIONEN, aber interessiert daran, wie sich erste Wiederholungen auswirken, wie jetzt hier die Kunst sich zeigte, unter dieser Form der Dauerbeobachtung und Ballung. Es ist erfahrungsgemäß schwierig. “Alte Kunst macht traurig. Es wirkt so in sich stillgelegt”, schreibt Rainald im Abfall, und ich finde: stimmt nicht, finde ich genau gar nicht, aber in extension: Messe macht die neue Kunst nicht tot, aber komisch vulgär, ganz automatisch messebedingt aufdringlich, wie ja eben alles NEUE diese ganz spezifische Behauptung mit sich bringt, diese Zeitgenossenschafts-Ansage, und in Kombination mit der Messe-Situation, da wird dieser Gegenwartsaspekt für mich so zerrüttet und vielleicht sogar haunted. Berührbarkeit nimmt ab, ein breiterer Blick stellt sich ein, eine etwas systematischere Betrachtung, und da wird man ganz nüchtern bei. Für mich aber, da bleibt immer der Gedanke: gut, dass ich das gemacht habe, für mein Arbeits-Ego ist das gut. Probleme der NORMALEREI.

    Enttäuschend war die Echtbesehung von den Sayre Gomez Malereien bei Nagel Draxler. Ich kannte das bisher nur aus dem Internet, diese aktuelle fotorealistische Malerei, und fand es toll, dieser ganzen Emopolitik der durch Hysterie in Aktionismusschock versetzten Kunstwelt einen trockenen Darstellungsrealismus entgegenzusetzen, so ganz kommentar- und sloganlos, und dann, wo ich ganz in echt davorstand, da war leider der Ekel der Airbrushmalerei wieder da: das Zeug ist so dünn, das fällt in zwei Jahren da runter, you can just peel it off. Mechanisch ja wahr: Luft.

    U. erzählte, sie konnte von ihrer Küche aus sehen, wie der Dachstuhl der Schule ihres Sohnes abfackelte. Davon handeln ja Dutzende Nancy-Comics, dass sie träumt, ihre Schule explodierte oder brennt ab. Jetzt aber, im Winter 2021, erzählt U. das mit dezentem Horror, denn für sie, die Mutter und Künstlerin, bedeutet das noch weniger von der kompromisslosen Zeit, die diese Art der Arbeit, die wir Kunst nennen, braucht.

  • Freitag, 19.11.2021

    SCHLUMMERT EIN, IHR MATTEN AUGEN, Teil 1

    ArtCologne, 2021. “Malerei hat mit Erfahrung zu tun”, schreibt mir jmd. als Direct Message bei Instagram, nachdem ich ein paar Minuten zuvor eine Malerei von Mathias Schaufler gepostet hatte, “Schlange” aus 2021, ein schlankes Hochformat, auf dem die Schlange wie eine Einzelform in schmutzigem Orange hingespachtelt und zurechtgeschmiert saß, der dynamisch-flache Kopf ganz unten, wie auf uns zukommend, ultrawach und lauernd, und alles außerhalb dieser geballten Fläche, typisch für Schaufler, bleibt weiße Leinwand. Dieser weiße Negativraum ist elementar für die Betonung dieser Ganzform Schlange, also für die farbige Materie als Form (Schlange) auf einer Form (rechteckiges Hochformat). Viele Entscheidungen sind gefallen, gefallen worden, noch bevor das Auge mit dem Schauen anfängt. Erfahrung. Das stimmte. Und das ist es auch, was mir bei vielen der anderen Malereien unserer sog. JUNGEN KUNST fehlte: erkennbare Erfahrung, von der das Bild, wie auch immer konkret oder abstrakt oder trashy oder akkurat oder 2021ish, auf seine Weise handelt. Truman Capote meinte mal, auf Jack Kerouac’s Writing angesprochen: “That’s not writing, that’s typing”. Und so kommt mir auch vieles vor, nach stundenlangem Umhergehen und Nochmalschauen, leider: Image-Making, Materialplatzierung, that’s not painting, that’s typing. Ich bin streng, weil ich streng zu mir bin, und ich lass mich gern reinziehen. Aber ich bin auch zu jedem NEIN bereit.

    Was anderes: ich stand, ich weiß nicht mehr an welchem Stand, vor zwei Fotografien von Jimmie Durham, “with a black eye”, sowas, und ich schaute das ungewöhnlich lange an, und am nächsten Morgen, da las ich vom Tode Jimmie Durhams. Sein Schluss war nun gekommen.

    Produktidee: ein Adventskalender, auf jedem Türchen das Gesicht von Lothar Wieler haha