WITH YOUR KISS MY LIFE BEGINS
Es zieht überall in dieser Wohnung. Aus irgendwelchen durch Materialauflösung vergrößerten Ritzen und Schlitzen dringts hier rein, und ich weiß auch, daß hier, in diesem Haus, nichts mehr passieren wird, diese Situation zu verbessern. Ich muss natürlich auch mehr anheizen gegen diese latente Quälerei. Provisorisches Wohnen, jahrelang. Man IST nicht sein Körper, man HAT einen, und man IST nicht seine Wohnung, man HAT eine. Und dann, auf dem Ebertplatz, da liegen die Obdachlosen jetzt vor den Ladenlokalen, manche nur mit einer kleinen Isomatte und einem Schlafsack, und ich raffe nicht – erstens: wie das überhaupt geht, in dieser Kälte, die ja noch nicht mal die kälteste Kälte ist (es geht natürlich NICHT, aber was unaushaltbar ist, das hält man offensichtlich lange aus), und zweitens: wie soll das eigentlich weitergehen. Es ist so brutal deutlich, wie viel MEHR Obdachlose es gibt, hier direkt in meiner fußläufigen Umgebung, und wie viel näher das alles kommt, wie diese Leute sich in diese kleinen Fluchten und Nischen zurückziehen, manche mit immer mehr fahrendem Hausrat und Gerümpel, das sie ihren Besitz nennen, und dann schlafen sie neben Dreck und Kotze auf dem eisigen Stein dem Tod entgegen oder was? Die Würde des Menschen – natürlich eine absolut perverse Lüge.
Gestern ging ich dann einfach raus, und meine Beinchen trugen mich wieder ins Museum. Da stand ich dann, wieder mal, vor dem Kienholz War Memorial, und rief die Geister des Advents an—aber jetzt, 11:07h, fällt Schnee oder Graupel kräuselnd vom Himmel herab. When Attitude Becomes Weather.