• Samstag, 13.11.2021

    Von weichem Glanz und alabastern, wie Haut auf den mythischen Gemälden des Johann Heinrich Füssli, so lag der Zürichsee belegt von Nebel. Jeder Nebel wie ein Baby, frisch geboren und im Wesen rein. Ich glaube an die Psychosomatik. Ich glaube an die schwarzen Augen der Möwen. Hier rauche ich schon morgens eine Zigarette, und sie schmeckt fantastisch, und ich sauge ihren Rauch ein wie ich den Nebel einsauge. Aber mein Frühstück nenne ich Qualm und Nebel nicht. Wachet auf, lasst euch vom Dunste rufen. Echtes Silber. Ach ja, Füssli: sein Schwarz ist Obsidian.

    Dann die Eröffnung. Thomas kam extra aus Köln, so wie Manou, Joachim aus Berlin, Petronella aus Chur, und da waren freilich noch viele Andere. Was soll ich hier lange rumschreiben, was mit einem Wort zu beschreiben ist. Es war ein wahrhaft SCHÖNER Abend.

    Ins Kunsthaus musste ich zwei Mal gehen, um das alles auch nur halbwegs sehen und verarbeiten zu können, was diese Schweizer dort angesammelt haben. So etwas habe ich wahrlich noch nicht gesehen. Ich ließ mich von einem Vuillard aufs Angenehmste töten. Und stand wieder auf. Ein Rotkohl, eine Schnecke, ein Schmetterling, eine Libelle, eine Biene und eine Assel in einer Landschaft.

  • Mittwoch, 10.11.2021

    BIER IN THE OLD CROW

    Grade aus Zürcher Nacht nach “Hause”, ins Hotel. Ich verabschiedete mich von Henri unter den Lichtern von UBS und Credit Suisse am Paradeplatz, und Henri beschrieb mir den Weg, und ich ging diesen Weg, und da sah ich auch schon die Quaibrücke, und auf der anderen Seite das Gebäude mit der Leuchtschrift NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, blassweiss glühend in Schweizer Nacht. Timecode hatte dieses und andere Großlichter der Stadt angeschaltet, mir, ein bisschen zumindest, den Weg zu weisen. Ich verlief mich dennoch. Ich rauchte drei Zigaretten und ging noch etwas, bis mir klar wurde, ich erkenne es nicht wieder, wie war nochmal der Weg. Es war wie mit dem PIN für die Bankkarte: sobald man anfängt darüber nachzudenken, ganz gezielt sich daran zu erinnern, verfranste es mir noch im Denken. Alles wurde FAST, so ungefähr, aber nicht: der Weg. Eine unsichtbare Schwelle war überschritten, und auf einmal erschien mir der Abschnitt der Straße fremd, hier war ich doch niemals? Ich ging in eine italienische Bar, gab mich als verlaufen aus, und dort war ein junger Mann superfreundlich und zeichnete mir den Weg, mein Handy war tot, leer, auf einen kleinen Zettel. Er hatte aber das falsche Hotel eingegeben, der von ihm aufgezeichnete Weg schien mir viel länger als der, den mein Hirn mir in seiner diffusen Art selbst sendete. Ich kenne den Weg zwar nicht, aber das, das ist er nicht. Ich durfte also selbst den Namen des Hotels eingeben, auf seinem Handy, was ich merkwürdig intim fand, das Handy eines Fremden in der Hand zu halten. Dann fand ich aber den Weg, ich war natürlich lächerlich nahe schon, drei Minuten war ich entfernt. Es war Zwingli selbst, der mir den Weg wies, aus fernster Ferne wirkte er, und ich, ich liege hier und jetzt in geschmeidigen Daunen und notiere das hier. Im Fernsehen erscheint das Gesicht von Ursula von der Leyen. Gute Nacht.

  • Dienstag, 09.11.2021

    ÜBERNATÜRLICHE REISE, PERSÖNLICHE BEICHTE

    For all that moveth doth in change delight—eben noch ein deutsches Nebeltal, jetzt die Durchsage, daß die Person, die eben auf der “Toilette in Wagen 25 geraucht hat”, gerne von der Bundespolizei am nächsten Bahnhof abgeholt werden kann. In diesem Moment durchbricht der Zug den Nebelring und wir rauschen in die innige Umarmung mit der Morgensonne, Täler links, Hügel rechts, ein glühender Flaum an den goldenen Rändern der Bäume. Der Kontrolleur sagte eben zu einem original “Hallöchen”, Kippenberger-Stimmung kommt auf, gute Laune, heißer Kaffee, deutschebahnheiß, Leiden Warum Leiden Wozu.

    11:12h. Umgestiegen in Mannheim. Der ICE jetzt ist die aufgeräumte, saubere und sachliche Version des vorherigen, der eher wie eine fahrende Furzkoje daher kam. The decline of the West. Ich erwarte aber auch, dass alles, was südlich kommt, aufgeräumter, ordentlicher, besonnener und weniger larrymässig ist. Im Wagen hier sprechen alle in süddeutschen Zungen. Geil. Jemand sagt grad, er freue sich schon auf usw.. Ich freu mich auch schon auf. In der Ferne Hügel dicht bewaldet, und über Baden Baden lacht die Sonne unverdrossen.

    12:13h. Am Bahnhof Freiburg hängen Blumenkästen auf den Bahnsteigen. Blumenkästen, mit Blumen drin. Unglaublich.