Sonntag, 09.05.2021
DAFOE, DALÌ, NAPOLEON
Ein Spalt öffnet sich, ein Schwundsommer windet sich hindurch. Ich gehe zum Baguetteholen raus, der Wind, der von hinten gegen mein Hemd bläst, trägt schon eine Ahnung dieser Pelzigkeit in sich, die die harten Hitzetage einer klimawirren Welt wie eine unsichtbare, viskose Masse über alles ausgießen. *Ächz*
Talking pandemic: ich mache ja im Prinzip jeden Blödsinn der Seuchenfolge mit, aber was ich sicher n i c h t mache, ist, mich in diese traurigen trümmersozialistischen Schlangen zu stellen, um für ein Ecler anzustehen, oder gar für den Einlass beim REWE. No fucking way. Und so tat ich es auch am Freitag. Ich ging weiter zur nächsten Filiale, und das ist nicht weit, denn jede deutsche Innenstadt ist eine große Franchise-Kralle. Und ich war mir sehr sehr sicher, in diesem, anderen Markt den Schauspieler Willem Dafoe gesehen zu haben, schon zum zweiten Mal übrigens, dass ich ihm in Köln begegnete. Der Mann trug unauffällige Kleidung, eine schwarze Jogginghose, dazu ein schwarzes Oberteil und eine schwarze Daunenweste, Sneaker, natürlich einen Mundschutz, Sorte Operationssaal, und unsere Blicke trafen sich kurz, und ich war ganz sicher (und bin es immernoch), dass er es gewesen sein musste, die Augenpartie, die Haare, und auch die Statur und Größe passten, denn ich erinnerte mich ja an den Moment, von vor 11 oder 12 Jahren, als Dafoe mit seiner Frau an mir vorbeigelaufen war, auf der Aachener Straße, als ich mit einem Kunden vor dem Plattenladen stand und wir uns über Filme unterhielten. Ein eher kleiner, drahtiger Mann. Damals drehte Dafoe mit Lars von Trier in Bonn und Umgebung zu “Antichrist”, und auch jetzt, mutmaßte ich, würde ja wohl was ähnliches abgehen? Ich bin dem nicht mehr weiter nachgegangen, aber noch ein paar Stunden danach, bemerkte ich, wie ich die Qualität meiner Intuition zu bewerten versuchte. Vielleicht für die Zukunft?
Mein Buchhändler verkaufte mir aus seinem privaten Bestand das Dalí-Buch, Das geheime Leben des Salvador Dalí, in einer wuchtigen Softcover-Ausgabe von 1984, Verlag Schirmer/Mosel. Der Prolog beginnt so:
Im Alter von sechs Jahren wollte ich Koch werden. Mit sieben wollte ich Napoleon sein. Und mein Ehrgeiz ist seither stetig gewachsen.
Da fällt mir ein: ich WAR Napoleon, mit sieben oder acht. Es gab dieses Karneval an der Grundschule, und ich wollte unbedingt als Napoleon gehen, und ich GING als Napoleon, meine Tante nähte mir sogar eine schöne, große Tricolore, die ich an einem Stab mitführte. Auch nicht ganz koscher, oder? Immerhin war diese Stadt mal zwanzig Jahre Frankreich.