• Dienstag, 06.07.2021

    THE ELASTIC BAND OF CREDIT

    Nein, sagt die Arzthelferin am Telefon, am Termin für die zweite Impfung ändert sich nichts, es bleibt bei dem für AstraZeneca angedachten 12 Wochen-Intervall, aber sehr wahrscheinlich wird dann Biontech verimpft werden, beim zweiten Mal. Nein, sagt sie auch, man könne den Abstand auch schon rein organisatorisch nicht verringern, weil sie, also sie und ihre Kolleginnen, “wollen auch nochmal ihre Familien sehen”. Ich raffe erst gar nicht, was sie meint. Wie, ihre Familien sehen? Sie verwendet diese Formulierung dann nochmal, so demonstrativ, wie es Leute tun, die eine gewisse Zufriedenheit über diese kreative Eigenleistung nicht verbergen wollen. Ja gut, klar, ich meine, niemand möchte ihnen ihre “Familien wegnehmen”, erwidere ich nicht, sondern bin so ein bisschen belustigt darüber, dass direkt so eine Art von Gegnerschaftsszenario aufgebaut wird. Aus ihrer Sicht bin ich wahrscheinlich der Hundertste Anrufer, der Astra bekommen hat und jetzt nachfragt, wie man weiter vorgeht, ob sich was ändert usw, und sie sieht dann vor ihrem geistigen Auge die Leute zu Tausenden zu einem Blob sich vor der Praxis aufreihen, gelbe Heftchen wedelnd, während ihre Familie, in Gestalt einer großen, aber niedlich dampfenden Kartoffel, von einem Gewusel aus Stiefeln zu Brei zerdrückt wird. Sie kann nicht sehen, wie ich mit den Äuglein rolle, darüber, wie hier son ganz basales Geltungsbedürfnis mit Drama hingezeichnet wird, mit etwas groben Wachsmalern. But I get it, ist viel zu tun, und in Deutschland, da gilt die ARBEIT noch was, zur Not auch als der ewige Kampf zwischen Integrität und Menschlichkeit. Ich muss an “Arzthelferin Kimberley Wötzel” von Katz + Goldt denken, die, die eine Inkontinenzberatung durch die Patienten-Klotür durch vornimmt.

    Aus Versehen – auf einmal ploppte es da auf – las ich, versuchte ich zu lesen, bei SZ-Online einen Text über den neuen, auf Deutsch erschienenen Scott McClanahan, aber nach ein paar Sätzen konnte ich schon nicht mehr. Warum ist das immer so? Ich erinnere mich, daß in einem deutschen Feuilleton jemand die Literatur von McClanahan als “punkig” bezeichnete. “Punkig”. Das ist genau das, was mich immer wieder umhaut, wie arm und unfassbar piefig und flau das Vokabular ist, mit dem da an die Kunst herangegangen wird, der sie in ihren lauwarmen Uni-Proseminaren natürlich nicht begegnen. Man sieht ja förmlich das arme Kerlchen da sitzen, in seiner WG in der Bonner Innenstadt, von den Adjektiven träumend, die er später, bei der “Zeitung”, dann endlich hinschreiben darf. Auf einmal klingelt es an der Tür. Er öffnet sie. Ihm überreicht wird der Staffelstab der deutschen Literaturkritik. Daran hängt ein Zettel. Er entfaltet den Zettel. Eine extrem akkurate Tabelle ist darauf. Mit Excel auf WINDOWS 95 erstellt. Mit einem Bleistift macht er sich direkt eine punkige Notiz: “Kübra Gümüsays Sachbuch Sprache und Sein ist zu einem der wichtigsten und einflussreichsten Werke unserer Zeit geworden.”

  • Samstag, 03.07.2021

    “To titillate with tit.” George Kuchar

    Ich hätte ja
    Lust, mich hier wieder in ein sog. Großstadtleben einzugliedern, die
    Hektik, die Dringlichkeit des Lebens wieder bisschen in mich
    aufzunehmen, durch die Menschen in meinem Sichtfeld, und den Dingen, die
    sie TUN, und sei es nur, um zu sagen: gehts ein bisschen weniger
    doof/laut/performativ?, aber: man ist noch nicht so weit, ich denn? So
    bleibt es erstmal bei der Beobachtung von Kleidung, und Jugend. Ich sitz
    da also in der Ubahn, und bin wohl noch in einer Phase, in der ich
    selbst noch nicht weit genug entfernt bin von meiner eigenen Jugend, ich
    habe diese Übersetzungsprobleme – nicht mehr länger einer von euch, unter euch, mit euch, oder?

    Als
    ich aus dem REWE komme, sehe ich gegenüber vor dem Italiener die Leute
    das Spiel Schweiz – Spanien gucken, Elfmeterschießen, und ich bleibe
    auch einfach stehen und sehe mir das bis zum Schluss an, von der anderen
    Straßenseite aus. Über mir ein grau und weiß marmorierter Abendhimmel,
    der nicht ganz sicher schien, soll ich heulen oder lachen. Die Schweizer scheiden aus. Mit ihnen, ihre schönen Namensschriftzüge und Trikotnummern, geschnitten in einer schweizerischen Grotesk. Hashtag Authoritative Design. 

    Gestern
    dann den ganzen Tag über eine aus Übersättigung entspringende
    Fundamentalgenervtheit von der Stadt, Fernweh, nein: Wegseinwollen, von mir
    aus auch, flüster, Berlin. JA MEI. Es fließen Tränchen.

    Um 13h lade ich zu einer
    hochemotionalen Presse-Konferenz
    und äußere mich
    zu den Gerüchten

    15:32h. Trends in Deutschland:

    Cengiz

    Cannabis

    Sozialismus

    Baerbocks Kandidatur

    Tor zur Hölle

  • Sonntag, 27.06.2021

    THERE’S A MAN, IN BACK OF THIS PLACE

    Sonne und Angst

    Heute morgen war ich aufgewacht, und paar Minuten später wieder eingeschlafen, und träumte dann fast 2 Stunden heftig. Jetzt hier, im AFTERMATH, im Nachklang dieses Traums ist mir wieder klar, was ich an Träumen so verdächtig finde: ihre viszerale Wucht, die Kostümierung von Eindeutigkeit als Wirrnis, ihr merkwürdig verstärktes Signal, das so tief in den Kopf hinein reicht bzw. aus ihm heraus, als Angst in den Arm, als Sehnsucht in die Brust, als Wunsch in die Schultern, als die Summe der Gefühle gegen einen selbst. Schlimme Feinde, die das Leben in Finsternis hüllen wollen. Der von Wasser umschlossene Teil des Eisbergs, der tief zum Graben hin fällt, dem schwarzen Spalt im Boden, ebenfalls von Schwärze  umgeben, engulfed in darkness. Es ist übertrieben, ja fast widerwärtig spektakulär. Denke an diese Diner-Szene in Mulholland Drive – der Mann hinter der Mauer. To get rid of this god-awful feeling. Und ja, ich glaube, ich glaube an den Tod durch den Albtraum.

    Er isst immer das Gleiche.
    Brokkoli, Huhn und Reis

    Wenn die Weltzeit vorbei ist, dann kommt die Weltnachspielzeit, wegen den Trink- und Verletzungspausen, zB der zweite Weltkrieg usw.