• Mittwoch, 23.09.2020

    1 ALLGEMEINER IRRTUM

    Mit Kochschinken in der Hand trat ich aus dem REWE, da wurde ich schon direkt von der Seite her attackiert mit: “vielleicht ein bisschen Kleingeld?” Sorry – “Alles Gute dir”. Mir also ALLES GUTE, für heute oder für immer, für alle Tage? Ich sah hoch zu JAHWE: waren dort jetzt die vom Jetstream hertransportierten Rauchschleier der kalifornischen Waldbrände zu sehen?

    Der langhaarige Mann trug ein Sakko, sah nicht nach bedürftig aus. Wie sich solche Leute präsentieren, das interessiert mich. Manchmal wollen Leute ganz konkrete Summen: “Haben Sie mal 3,60″, manche fügen noch einen Grund mit an: für ein Ticket, für Wasser, für Hundefutter. Auch da die Frage, ob das eine ganz natürlich sich entwickelnd habende Technik ist, auf den pauschalen Alkohol/Drogen-Vorwurf zu reagieren, eine Art Programming. Vor dem REWE beim Atelier sitzen immer öfter Jungpunks, die Mädchen mit komplett gecutteten Armen, die Jungs im zeitlosen Assel-Look courtesy 1977 – 2020, oft mit den echt süßesten Hunden. Evocative Images.

    Aber Herr Duchamp, woher die anti-retinale Haltung? “Aus der übersteigerten Bedeutung, die diesem optischen Moment immer beigemessen wurde. Seit Courbet meint man, die Malerei wende sich ausschließlich an die Retina, die Netzhaut – ein allgemeiner Irrtum.”

  • Dienstag, 22.09.20

    21:39h. Nach dem Abendessen nochmal mit dem Galeristen raus. Ein rauchiger Geruch in der Abendluft, es dimmte bereits herab ins tiefe Blau. Der Mond hing blass über uns, like a clipped fingernail in a sea of cotton, wie es bei Craig Zahler heißt.

  • Samstag, 19.09.2020

    ES GILT IMMER NOCH UND IMMER WIEDER: BAD PRINT IS HYPERREAL

    Der eine Baum da, der trägt schon einen gelben Mantel, dem der kühle vorherbstliche Wind die Daunen streichelt –

    und in die Erkenntnis, man lebe hier und jetzt, trotz aller geisteskranken 2020haftigkeit und den damit gleichsam über die ganze Welt ausgekübelten Weltstrukturirritationen, insgesamt ja DOCH in einer mittlerweile auf solidem common sense Fundament errichteten, einer an den vielen Komplexitäten des Gemeinsinns geschulten Gesellschaft, dringt in diesen etwas weitläufigen Gedankenraum ein Gefühl der, ja, Sehnsucht.

    Es ist mein ganz privates Gefühl jetzt, wie ist was wie passiert, wie kam es so, und was hätte ich, obwohl natürlich in jenen Momenten, des Denkens, des Sprechens, nur ein sehr schmales Spektrum der Folgen und Konsequenzen abzuwägen, ja überhaupt vorherzusehen, zu belauern möglich ist, anders machen, oder, wie man sagt, besser machen können.

    Die stark deckend und samtig aufleuchtenden Staubgefäße der Lilien, die hier nur noch als Skelette stehen, ähnlich nach vorne gebeugt und ähnlich tot wie die Skelette der Kapuzinergruft, sind buchstäbliche Borderliner einer Farbe, die zwischen einem tiefen Kadmiumorange und einem oxidierten Rot heraus sendet. Die Blumen hatte ich für L. gekauft, damit es hier nett aussieht, also etwas netter.