• Mo, 22.07.2019

    ZUMINDEST IN DER WAHRNEHMUNG DER ENGLISCHSPRACHIGEN WELT

    Erster Tag der “erneuten Hitzewoche” (Deutsche Medien), es ist die Kalenderwoche 30. Man begegnet vielen Menschen, denen das Wetter irgendwie auf den Kopf drückt, das Gehirn. Mit zugekniffenen Augen zeigen sie auf ihren Kopf: da, kaputt. Ich nicke nur: versteh ich. Im HASE an der Theke sitzen und einen schwarzen Kaffee trinken, die heutige FAZ schnell durchblättern. Wieder ein Artikel über eine junge Autorin mit “Erstlingswerk” (was ist das eigentlich für ein Wort?), 31 Jahre alt ist sie, und die arme Frau wird als diesmal WIRKLICH neue “Stimme der Generation irgendwas” bezeichnet, man weiß ja nie, wer damit angefangen hat, hinterher will es nie jemand gewesen sein. Can she sell in Germany? Tilman Spreckelsen rezensierte, 52 Jahre alt, geboren im Taunus-Kreis. Es geht, in dem Buch, um eine Dreiecksbeziehung, so wie ich es verstanden habe, oder jetzt vielleicht falsch erinnere. Die zitierten Textstellen daraus fand ich komplett uninteressant, aber Spreckelsen fand es, glaube ich, ganz gut. Weiter geht’s.

    Auf der GMX-Startseite steht – ganz nach der vorgefertigten Formel “zeigt sich im sexy Bikini” etc. – lasziv mit eingeknickter Hüfte: Lena. Lena, “sexy Lena”, die eine halt, mit dem Doppelnamen, und sie hat mal wieder ein sexy Posting gemacht, wie man sagt, diesmal, ja, “im Bikini”. Und sie steht da, wie alle diese Frauen da immer stehen, in der Pose verschieden, im Gestus ewiggleich, und mir und allen hier durch das direkte Fenster Instagram in ihr symbolisches Kapital Einblick gewähren, wenn man denn will. Lena also posiert hier vor dem Spiegel in einem knappen, aber nicht geisteskrank knappen Bikini, und was auffällt ist, dass sie eine sehr schmale Taille hat, aber im direkten Anschluss daran eine relativ feste und breit-muskulöse Hüfte, die fast wie aus Marmor gehauen plastischen Eindruck macht, nicht richtig rund und nicht richtig eckig, und ich würde mir das von Manet in Öl deutlich GERNER ansehen, und zwar: von dunkel nach hell, so lässig wie es keiner sonst macht.

    „The idea of relief from pain has something to do with ambiguity. Ambiguity supposes eventual resolution of itself, whereas certitude implies further ambiguity. I guess that is why so much “depressing” modern art makes me feel cheerful.“ sagte John Ashbery in der Paris Review.

  • So, 21.07.2019

    DER MARKT, IN BEWEGUNG

    Ich browse in der Bibliothek des PocketBook, das ich seit Monaten von meiner Nachbarin geliehen habe. Die Bibliothek hat 82 gefüllte, digitale Seiten. Kurz zuvor noch habe ich in “Americana” weitergelesen, aber dann keine Lust mehr gehabt, das Kapitel hatte mich anscheinend kurzzeitig entfremdet vom Buch, aber das muss nichts bedeuten, das ist NORMAL, ich hatte nur das Gefühl, speziell in diesem Kapitel einem Schriftsteller beim Schreiben zuzuschauen, und nicht selbst ein Buch zu lesen. Zwischendurch sah ich mal hoch, durchs Fenster, immer dann, wenn der Text direkt durch die Augen in die Wand hinter mir ging, um dort unprozessiert zu zerschellen. Am Himmel eine Formation von Vögeln, die einzeln jeweils unregelmäßig im Kreis flogen, aber alle zusammen regelmäßig im Kreis. Auch keine Lust in “Hitch 22″ weiterzulesen, das ich vor ein paar Tagen begonnen hatte. Ich las ein paar Zeilen des Stücks “Die Schwärmer” von Musil, aber ohne ernsthafte Absichten. Zurück in die Bibliothek, option paralysis. Ab und zu liest man, dass historische Persönlichkeiten die option paralysis vermieden haben, indem sie zB immer dieselbe Kleidung trugen, oder bestimmte Abläufe im Alltag immer gleich hielten, ein solides Protokoll. Heute ist option paralysis ein Posten im Internet. Wenn Freunde mir Serien empfehlen, dann tue ich mich schwer damit, weil ich es eigentlich brauche, selbst auf die Dinge zu kommen. Von einem Punkt aus zum nächsten. Der Startscreen von Netflix ist ein philosophisches Problem.

    Das Problem von Too Old to Die Young von Nicolas Winding Refn ist ein zu dogmatischer Glaube (festhalten an schlecht Begründetem) an das Bild und den Stil allein, bzw. der Glaube, Stil bedeute formale unerweiterte Wiederholung. Refn’s Neon-Schtick und der Effekt, wie hier Langsamkeit verramscht wird, machen den Regisseur, den Macher dahinter etwas zu sichtbar, und wer 2 oder 3 Filme von Refn gesehen hat, weiß genau, was das bedeutet. Er kann es auch durch exzentrische Dialoge nicht auflösen, weil er keine Dialoge schreiben kann, er ist nicht Tarantino oder Solondz, oder Jerry Stahl, und ich glaube, er findet sich ein bisschen zu geil. Langsamkeit richtig: Escape at Dannemora, mit Benicio Del Toro und Paul Dano, von, wer hätte das gedacht: Ben Stiller. 

  • Do, 18.07.2019

    THIS IS FRESH AIR

    Auf dem Weg zum Badezimmer kommen mir die Ausläufer des AXE-Deodorants der Nachbarn unter mir entgegen. Durch den Türspalt. Das bedeutet, sie haben das Haus verlassen und jetzt breitet sich dieses ätzende Proll-Gas im ganzen Treppenhaus aus. Verstehe nicht, daß das noch erlaubt ist, AXE-Deo. Vorgestern, beim Anwalt zur vegetarischen Lasagne, wurde auch schon diskutiert, bzw. ich sagte, dass mich der nahezu allgegenwärtige Weed-Geruch in Kreuzberg nervt, I get it, aber ich hätte gerne die Wahl. Vielleicht nervts mich, weil ich dahinter so ein Berlin-Lockerheits-Statement verstehe, dass man mir (und jedem) das so etwas unangenehm reindrücken will. Ist eben immer ein bisschen souveräner, und SCHÖNER, wenn man seine Freiheiten nicht allzu ostentativ ausbreitet immerzu, das kommt son bisschen klein rüber, Weltenge. Stichwort “Bielefeld”. 

    Aus der Welt der Ausschreibungen: der PRIX DES ART CONTEMPORARY des Rotary Club Strasbourg. Thema: “Alle Menschen werden Brüder”, kein Witz:
    “„Alle Menschen werden Brüder“ – „All men become brothers“
    Is a call for the renunciation of violence, taken from the „Ode to Joy“ by Friedrich Schiller. It has reached worldwide prestige and recognition through the fourth movement of Beethoven‘s 9th symphony (d-Moll, op. 125) – and also as anthem of Europe. Fraternity (and sisterhood) as well as its opposite, fratricide – already described in the story of the fatal brothers Cain and Abel –, set the range of topics for the Contemporary Art Prize, now in its sixth year. Rotary Clubs from Bonn (Germany), Novara (Italy) and Strasbourg (France) invite to participate in this award ceremony, held in Bonn on the occasion of Beethoven’s 250th anniversary. The Clubs originate from countries that were repeatedly at war with each other thoughout history. Could the desire for universal human brotherhood expressed in the exclamation be understood as a wake-up call, as utopia, even as an excessive demand on men, since it ignores the dark sides of human nature? This opens, at any rate, a broad range of subjects for contemporary art – in Europe and beyond. A reference to the person of Ludwig van Beethoven and his work, also with regard to synaesthetic phenomena in the border area between music or sound and visual art, would be welcome but is not mandatory.”

    Brutaler Eindruck der Infantilisierung, dass man jetzt ständig zu irgendwelchen Themenvorgaben arbeiten soll/kann, ausgerechnet in der Kunst. Ich meine, klar, finden ganz viele wahrscheinlich total schön und spannend. Okay, dann ist es so.

    Das Wort “woke”, dass das eigentlich aus dem Bereich der Konversion kommt, haha.

    Every time a male french politician goes out to give a speech,
    he puts on his jacket and he tightens his tie and goes out and gives it,
    no matter where he is.
    When an American male politician goes out,
    he take off his jacket,
    loosens his tie
    and rolls up his sleeve.