ALLES WÄR SO KLAR
Zwei Tage hatte ich jetzt die Fenster wirklich aufgerissen, dass es die immer noch aufgewärmte Luft der Hitzetage aus der Wohnung heraus drängt und austauscht gegen die nasse, kühle und lebensunterstützende Luft, die mit dem SAUERSTOFF drin. Es wird wieder geatmet. Nachts wacht man kurz auf, weil es sich lautstark abregnet. Auf dem Weg zum Buchhändler gestern geriet ich direkt in einen heftigen Regenschauer, so dass ich fast komplett nass war, Shirt, Hose, Schuhe, und ich wusste nicht mehr, wann ich das letzte Mal so komplett durchnässt war. Wie sagt man: ewig her (wahrscheinlich).
Jetzt fällt absolut geräuschlos dünner Regen, die Vögel singen drüber.
Unglaublich friedlich, und jetzt schweigen sogar die Vögel.
Unterbrochen natürlich nur von den Nachbarn und ihrem animalischem Trieb nach akustischer Verwüstung. Hass. Jetzt halten auch sie die Fresse.
Seit einer Woche verfolge ich diese nunmehr zur “murder hunt” ausgewachsene Geschichte in British Columbia. Gerade weil die Informationen so alle zwei, drei Tage anhand kurzer Artikel reintröpfeln, es immer nur ein WENIG mehr gibt. Es begann damit, dass man ein junges Touristen-Paar Anfang 20, das mit einem blauen Camper durch British Columbia unterwegs war, erschossen an einem Straßenrand fand. Bzw. nicht Straßenrand: on the side of the road. So klingt es ja erst richtig, weil man sich dann auch erst richtig vorstellen kann, wie das ausgesehen haben muss. Eine von diesen in kanadischer Natur verschwindende, breite Landstraße, an den Rändern, in gelber, schon etwas brüchiger Farbe, die Markierungen. The Alaska Highway. Kanadischer Wald und Fläche. Und “Kanadischer Wald”, dass der Begriff diesen Gigantismus in sich trägt, so wie man auch annimmt, dass, wenn man von einer “australischen Spinne” spricht, man von einer großen Spinne spricht, einer größeren, stärkeren, gefährlicheren Art.
Fast 500km westlich des Fundorts fand man wenige Tage später ein ausgebranntes Auto, sowie eine weitere Leiche, ein älterer Mann, der als Dozent an der University of British Columbia arbeitete. Zu diesem Zeitpunkt kamen auch die ersten Meldungen, dass man diese Morde nun mit zwei ursprünglich als vermisst gemeldeten jungen Männern aus Vancouver Island, 18 und 19 Jahre, in Verbindung bringe. Die beiden gelten nun als Verdächtige, es kommen erste Details zu Hintergründen und Umfeld der beiden heraus, und es klingt alles ziemlich klischeehaft: weiße Unterschicht, Arbeitslosigkeit, Computerspiele und Nazi-Chatrooms. Kalt und hart. Der Vater des 18jährigen meinte, er glaube, sein Sohn befinde sich auf einer suicide mission, und er rechne mit dem Tod seines Sohnes. Die Mutter wiederum äußerte sich Tage später, sie hoffe auf einen friedlichen Ausgang, ihr Sohn sei immer ein liebevoller Sohn gewesen.
Bis heute hält ihre Flucht an. Man vermutete sie am 23. Juli im Norden des Bundestaates Manitoba, fast 2500 Kilometer entfernt von den Fundorten der Leichen, in einer Ortschaft namens Gillam, nicht unweit der Hudson Bay. Auch dort fand man ein ausgebranntes Auto. Sie könnten, so die Ermittler, auch ohne Auto ihre Flucht fortgesetzt haben.
Gestern bewegte sich ein großer Suchtrupp der Royal Canadian Mounted Police durch ein Gebiet, 200 km nördlich von Gillam. Die jungen Männer fanden sie nicht. Aber sie trafen, mitten in der tiefgrünen Wildnis, einen Eisbär.