• Sa, 29.06.2019

    I PREFER A MORE CRITICAL ART

    Gestern Abend, Bachmannpreis Update. Tom Kummer sitzt in der Klagenfurter White-Out-Kulisse auf einem sich drehenden Podest und liest. Ich dachte: jetzt haben die echt den Arsch offen. Wartete eigentlich darauf, dass sich Kummer, IM LESEN, umdreht und sagt: das Gedrehe hier, ihr habt doch den Arsch offen. Erschöpft trat ich ans Fenster, am Himmel waren tausende Sterne zu sehen auf dunkelblauem Samt. Sie sind immer da, trotz allem und jedem.
    Bachmannpreis, das ist so eine Demütigungsmaschine geworden, für die Autoren, die ständig content abzuwerfen hat. Statt Texte gibt es immer mehr MENSCH, immer mehr personality, aber da ist ja oft auch einfach NICHTS – und warum auch? In mir stürzen Hütten und Paläste zusammen bei Sätzen wie: “Wir haben hier eine Trennungsgeschichte”. Ah, eine Trennungsgeschichte, okay, aber: bitte bitte nicht. Ich bekomme speziell deutsche Beklemmungen wegen deutscher Prosa, Protagonistennamen jagen wie Flüche durch mich durch. Vielleicht zu Unrecht, klar, aber ich befürchte nicht.
    Kann die Freude am Bachmannpreis von früher nicht mehr aufbringen, es ist eher Elend, wie die da…..egal. Sitzt Tex im Publikum? Kann ihn nicht entdecken. Gibt es “subsexuellen Sexsubtext” dort noch, von dem Goetz einst schrieb?
    Hubert Winkels: “Weltperforation”

    Die französische Spielerin Bussaglia, die doch intern hoffentlich “Bussi” genannt wird, verliert mit den ihrigen das Viertelfinale 1:2 gegen die USA. Ich muss an die Freundin eines Freundes denken, sie hat ein Gesicht wie Alex Morgan, hübsch, irgendwie dabei ambitioniert verbissen. 

    Der winzige und einnehmend derangierte weiße Pudel, dem die Zunge immer raushängt. Sein Gang ist hüpfend und zittrig. Manchmal trägt ihn sein Besitzer, Kippe im Mund, aus dem Spielsalon MAGIC PLAY, an der Ecke, um mit ihm ne Runde zu drehen. Zigarettenlänge. Immer wenn ich den sehe, den Pudel, denk ich: fuck, der Typ ist Hammer.

    Morgens DeLillo, mittags Berlin, abends Pernod.

    17:36h. Post: meine erste VG Wort Ausschüttung, 84 Euro. 

  • Do, 27.06.2019

    Unten, das Knallen der Haustüre, so laut wie Granateneinschläge. Man hört es mit den Knochen, und es ist anstrengend, weil man mich so zum Hass zwingt, wo ich doch grade mit Nichthassen beschäftigt war.

    Im Innenhof, wo mein Atelier liegt, reißen Bauarbeiter den Boden auf, legen, wie ich später selbst sehe, Rohre mir unbekannter Funktion frei. Bevor sie anfangen wird erst mal direkt vor meiner Tür ein Radio positioniert, ein stoßfestes und klobiges Köfferchen, entweder eben für Baustellen oder besonders zerstörerische Knirpse bis 6 Jahre. Der Hersteller ahnt wohl, daß man dieses Scheißteil sofort zertrümmern will, wenn die JUNGS irgendeinen SWR 18 oder WDR 12 Mittagsterror herausblöken lassen, immer so laut, daß es die eigenen Arbeitsgeräusche übertönt, und ähnlich wie bei Hunden somit auch eine Art Revier abgesteckt wird: hier hat sich jetzt wirklich ALLES unserm shit unterzuordnen. Die Tatsache, daß ich selbst schon einen Podcast laufen habe, was sie auch hören, als sie ankommen, interessiert die Jungs nicht, sie walzen einfach drüber, so wie senile Greise einfach stur über Gesprochenes drüberlabern. Auch ein Weg zum Selbstverständnis. Ich gehe Kuchen essen und lese, dass Stephen Fry allergisch gegen Champagner ist.

    Die Kanzlerin, in der Weltpresse zur schwächebedingt zitternden Frau degradiert. Irgendeine ARD-Redaktion arbeitet schon an der zweistündigen Sondersendung heute Abend, ein Arzt soll im Studio sagen, wie das jetzt alles einzuschätzen sei. 

  • So, 23.06.2019

    Gestern zum ersten Mal die Hymne Nigerias gehört, bewusst. Früher am Tag kam von T. eine Email, weitergeleitet, Yorkshire Sculpture International. Weiter unten in der Email, unter der Holzskulptur von Huma Bhabha, waren da eine Reihe von Schnitzereien aus Shea Butter zu sehen, satter lichter Ocker, angeordnet auf drei Holzbrettern, die wiederum auf Maler-Böcken lagen. Rashid Johnson. Shea Butter. SCH SCH SCH – diesen Soundpartikel, diesen Laut hatte ich doch eben schon, als ich ein bisschen was über Sheila Heti las, die kanadische Schriftstellerin. Ich sah ihr Foto und erinnerte mich, dass ich das Foto, das ich da betrachtete, schon mal gesehen hatte, und auch jetzt dachte ich genau dasselbe, wie das letzte Mal: sie sieht ja aus wie. Oh ja, sie sieht total aus wie. Bin für 15 Minuten verknallt. Danach zum Kaffeetrinken, zu den Yogahosen, mit dabei Mike Kelley-Interviews. Bei all den sauber Gebräunten -heller Flaum auf den Armen, im Sonnenlicht gülden aufschimmernd – der Gedanke: ich gehöre dazu nicht. Schade. 

    Post aus dem heiligen Land, 15 Monster Rare Tracks! Junge Frauen und Mädchen sollen an den Panzer geführt werden, mit kleinen bunten, ja frechen Kügelchen in den Panzermotiv-Stickern. Jeder weiß: es funktioniert. Auch ich bin für den Panzer bereit.