• Do, 20.06.2019

    NEIN NEIN JA JA 

    Hitze. Gegen frühen Abend füllte sie das Atelier, quoll wie ein Teig von der Mitte aus in jede Ecke, drückte allen Sauerstoff aus dem Raum heraus. Die groß angekündigten Gewitter blieben aus. Much needed eigentlich, blieb so eine merkwürdige Leerstelle. 

    Vor gut vier oder fünf Wochen sah ich O. zuletzt, wollte höchstens “ne Stunde” bleiben im Krankenhaus, es wurden fast drei. Der verschwindende, geschwächte Mensch, und das Ich altert immer noch nicht. Zart und lieb und schwach und böse, so rauchte ich die letzte Zigarette mit ihm gemeinsam, dann schob ich ihn, und irgendwie auch mich, in den Teil der Straße, auf den die Sonne schien, raus aus dem Schatten, den das Krankenhaus warf. Als ich ging, verabschiedete ich mich, stupste ihn mit dem Finger an der Schulter. Jetzt ist diese Schulter, der ganze Mensch, von einem Feuer zu Asche gemacht, in einen ovalen Behälter gefüllt und in die Erde eingelassen. Champagner, Austern, Matisse: für immer faul.

    11:03h, jetzt, Glockengeläut zum Feiertag. Jungbopper feierten Party die ganze Nacht, ich schlief mit Ohrstöpseln. Ihr tragt keine Liebe in euch, HuSos.

  • Sa, 15.06.2019

    PREVIOUSLY IN THE COLLECTIONS OF THREE KINGS OF ENGLAND

    Nachts eine gewaltige Explosion. Gewitter. Mein Bewusstsein löste sich kurz aus der Umarmung des großen schwarzen Oktopus SCHLAF, ich fand mich zum bloßen Widerstandsgefühl der Matratze auf der Unterseite meines Körpers reduziert wieder, und oben, an der Oberfläche, da dachte ich dann etwas sehr Konkretes für fünf, sechs Sekunden, und ich erinnere mich auch jetzt daran, dass ich es tat, aber an was – das weiß nur

    „I have taken
    quite a few shots
    to the dome“

    Jetzt, hier, am Morgen, da liegt das Wetter wie ein grauer Marmordeckel auf, das Grün der Pflanzen leuchtet. Drama Sky und ihre Freunde. Unter demselben Himmel blühen die Erlen und wiederum unter diesen Erlen macht ein blinder Galerist ein Selfie und lacht sich einen. Letzte Woche ging Kenny Schachters Artikel in artnet über den Verbleib bzw. Aufenthaltsort des mittlerweile (es gab zahlreiche Zweifler) dann doch dem Studio um Leonardo zugesprochenen 66 mal 46 Zentimeter messenden Salvator Mundi um die Welt – irgendwie war an der Story ein gewisses Spektakel-Signal gemessen worden, und so wühlte sich diese Meldung selbst in der sonst natürlich kunstfernen und kunstfeindlichen Stumpfpresse nach oben: teuerstes Bild der Welt auf Yacht von Araberscheich, und der Effekt sollte vielleicht sein, dass man da so den Kopf schüttelt über die Exzesse und das GELD usw., und vielleicht dazu im Kopf das Bild, wie diese Yacht träge anschwappt gegen das Wasser, und wie die 450 Millionen an der Wand im Gleichmaß der Wellen bouncen.

    Joyce Pensato gestorben. 

    Pauline Kael erklärt in zehn Sätzen den amerikanischen Film nach Vietnam: “We have a different approach to guilt now”.

    Ab 17 Uhr Bodypercussion für Interessierte.

  • So, 09.06.2019

    UNDER THE SILVER LAKE

    Sam, man könnte sagen: ein amerikanisch-faustischer Slacker Anfang 30 mit weicher Stimme, lebt in einem Apartment in Silver Lake, Los Angeles. Durch seine Jalousien sieht man Palmenblätter sachte von Wind bewegt. Manchmal beobachtet Sam, Zigarette rauchend, durch ein Fernglas seine Nachbarin, auf dem Balkon schräg gegenüber. Sie ist eine schlanke Frau um die 60 oder 70, die mit nackten Brüsten und einem aus ihrem Bewusstsein entspringenden Hippie-Trance-Lächeln ihren fünf oder sechs Vogelvolieren auf dem Balkon entgegen tanzt, bis sie wieder hinter einem Seidenvorhang im Innern ihrer Wohnung verschwindet. Was Sam sonst macht, weiß man nicht.
    Überall ist Licht und Atmosphäre und die wunderschöne, symphonische Noir-Musik von Richard Vreeland zieht mich tief in den Film, passiert ist nicht viel. Nach zwölf Minuten denke ich das erste Mal an Hitchcock.

    Und weiter? In großen schwarzen Buchstaben, gemalt auf die breite Fensterfront eines Diners, warnt jemand vor dem Dog Killer. Ein Milliardär verschwindet. Ein Stinktier entleert seine Analdrüsen auf Sam. Ein blondes Girl mit weißem Hündchen badet im Pool der Wohnanlage von Sam, und sie lernen sich kennen. Am nächsten Tag ist sie verschwunden, ihre Wohnung komplett leergeräumt, keine Spur, nichts. Sam entdeckt in einem Laden einen Comic, Under the Silverlake, und in diesem Comic spiegeln sich die Ereignisse der letzten Tage. Sam beschließt, den Comiczeichner zu kontaktieren, und von dort an zieht über dem Film eine spezielle Finsternis herauf, ein großer Schatten, dessen Hell-Dunkel-Grenze unwiderstehlich leuchtet, nostalgisch, komisch, zart, böse, albern und todernst.
    Am Ende des Films gibt es keinen blauen Schlüssel, der auf einem Tisch liegt.