DON’T LET A PIG ENTER THE RACOON ROOM
Schöne Tage im Quartier Agnés. Tagsüber ist die Wärme wieder da. Sie versteckt sich nur früher hinter einem dunkelblauen Umhang. golden dreams were shinny days.
10:33h. Den Eintrag zum vergangenen Wochenende verpasst, hab ich grade bemerkt, beim Hinschreiben. Jetzt habe ich schon einigen Leuten detailliert erzählt, was alles passiert war, dass ich jetzt nicht mehr die x-te Version hinschreiben kann. Journal-Problem generell: diese Sperrung schreibwärts, wenn es schon zu oft gesagt, geschrieben, FORMULIERT wurde. Dann nämlich ist es kein Schreiben mehr, sondern Daten-Management.
Stichworte waren:
DC Open Abend, ein Haus in München und die Nichte (?) von Ursula von der Leyen, Jason (14) mit Down-Syndrom ausgebüchst, sein rotes Fahrrad. Einmal fragte ich Jason, ob er wisse, wo in Porz er genau wohne, und er sagte “Ja” und zeigte in ca. 8 Richtungen hintereinander. Faith in humanity restored, zumindest für diesen Abend.
Bevor es Freitagabend losging, nahm ich bei Otto eine Coffeintablette, genauer: ich nahm zweimal eine halbe. Begeistert, powered up. Dann kurz einknicken im KV: der Kölnische Kunstverein muss ein bisschen aufpassen, das er nicht völlig in der objektbasierten Unterdurchschnittlichkeit verödet. Wahrscheinlich aber sehen es alle ganz anders: Nee warum ist doch fantastisch alles. Dann die Frage: ist das die letzte von Wesseler konzipierte Ausstellung, oder ist das die erste von Fr. Dietrich? Kann das zeitlich hinhauen? Wesseler, so drang dann noch im KV die news an mich, jetzt Direktor des Fridericianums. Manchmal glaub ich: alles ist möglich.
Gestern Nacht, Viertel vor Eins, kam die Nachbarin nach Hause, stampfte herum und begann zu singen, laut. In die dunkle dunkle Nacht hinein. Ich verstehe nicht, warum ich nicht runtergehe und der Alten klarmache, dass das nicht läuft. Stattdessen hör ich ihr zu, wie sie singt, wie eine von lauwarmem Pushkin-Red in die Selbstvergessenheit katapultierte Teenagerin, in Kombination mit ihrem Getrampel atemberaubend vulgär in diesem Energieüberschuss durch den falschen Kraftstoff. Echt richtig geisteskrank und asozial und leider auch lustig. Will ich, dass sie weitermacht? Zu 17 Jahren Elfter September passt ihr Gejaule ja wie Arsch auf Eimer.
Min Kamp 6, Knausgard. Mittendrin auf einmal, und als ich das nächste Mal auf die Seitenanzeige sah, stand da 257, und: Noch 1278 Seiten. Ich las grade über eine Szene, er und seine Frau Linda in der Küche, Sprechen in der Ehe, wer nachmittags die Kinder abholt, und ich konnte es kaum lesen, dieses dräuend Problematische und Brüchige, das natürlich niemand sagt, weil man so keine Gespräche führen kann, es diese Schwelle gibt, hinter der so unglaublich Vieles nicht ins Sagbare überführt werden kann, aus Zivilisiertheit einfach, und dennoch ist es natürlich in ihnen, in ihr, in ihm, und ich weiß ja noch, was er zuvor dazu gedacht hatte, und er sagt eben nicht: Linda, ich bin um halb Sechs aufgestanden, habe schon eine Stunde gearbeitet, den Kindern Frühstück gemacht und erwarte nun, dass du sie zum Kindergarten bringst, er sagt es halt nicht, sondern es wird ERWARTET, von ihm, dass Linda es auch parat hat, dass es diese Gerechtigkeit gibt und nur jemand im Raum sie aussprechen muss, sie greifen muss, und es klickt einfach ein, und nichts muss verhandelt werden. Wie oft aber passiert es so? Stattdessen trägt er es wie einen giftigen Pfeil den ganzen Tag in seinem Köcher, und wann wird er ihn abschießen?
15:39h. Joseph “Der Funker, der flunkert” Beuys