ER TWITTERT LAUT, SCHNELL UND SCHMUTZIG
10:49h. Überall grade Chemnitz, in Wort Bild Ton. Verständlich. Chemnitz. Vor ein paar Wochen starb dort die 13-jährige Tochter meines Cousins an Leukämie, und jetzt gehts hier die ganze Bundesrepublik an: Unmengen bewegte und unbewegte Bilder aus Karl-Marx-Stadt, Neonazis in ihrer dann doch irgendwie immergleichen Neonazikleidung, manche blass, manche tanned, beschissene Pullover beschissene Sonnenbrillen beschissene Crew cuts, “Wir sind das Volk” und “Ich schieß euch ab ihr Kanacken”. Darüber ein Himmel, klar: indifferent, Natur, trotzdem beschissenfarbig. Ich google kurz: Chemnitz ist gut 480km entfernt. Keine Ahnung, warum ich diese Zahl brauchte. Aber auch “während der Nazizeit war zwölfmal Spargelzeit” (Max Goldt), darum geht auch hier weiter: NORMALITÄT
Donnerstag Besuch in Bonn, Make-Over-City 2018, diese merkwürige Airbnb-Zeitkapsel im Norden, in der M. und A. wohnen. Aluschienen zum Bilderaufhängen, ein Loewe-Röhrenfernseher, der betörend schöne Ausblick. Ich war sofort schläfchenmüde geworden ob der ganzen Naturschönheit, der Ruhe, die Fliessgewässer einfach ausstrahlen.
Viel gelaufen, das kaputte Knie, Tiramisu-Eis, plus 1 Wasserleiche, wovon ich später auf Express.de las. Beim Laufen viel über Rutschky, Kurt Scheel, generell: Personal.
M. lieh mir den Rutschky-Merkur, noch im proppevollen Zug zu lesen begonnen. Zuvor einen ganz frisch zubereiteten Doppel-Cheeseburger: geil. Mir gefallen diese neuen McDonalds-Filialen mit den Abhol-Schaltern, das Burgeressen wird sachlicher, entsifft, die Mitarbeiter wirken würdevoller, weniger hineingepresst in so Situationen, in denen sie Sklaven von irgendwelchen hungrigen Arschgeigen mit Rollkoffern sind.
“Die Herrschaft der Allgemeinbegriffe über die individuelle Erfahrung zu brechen” Jörg Lau in seinem Rutschky-Text
Mir fallen jetzt wieder häufiger DEUTSCHE auf, die im Supermarkt die Fahrradhelme auflassen, die neuerdings mit Lycra-Stoffen überzogen sind. Ich weiß nicht, ob es wirklich Lycra ist, aber für mich ist SOWAS immer Lycra.
21:39h. Nachtrag zu Bonn: im Regional-Zug saß mir ein junger Typ gegenüber, ca. 16 oder 17, er hatte die weißen Apple-Kopfhörer drin, hörte jedoch laut genug, daß ich es entschlüsseln konnte: Nirvana.
Interessant, wie immer wieder neue Teen-Jahrgänge mit Nirvana, Iron Maiden und noch ein paar anderen “unverwüstlichen” Bands – gegen die Zeit – in Richtung Adoleszenz segeln.
Otto: “Mein Konzept ist: FAUL”