• Freitag, 21. Oktober 2016

    Sorry role models, I can’t follow you into Buddhism

    Eine ruhige Nacht. Schöner, traumloser Schlaf, und die Aussicht auf eine rundum gelungene und ununterbochene Kühlkette: Tag 3 im Atelier. Pflicht am Donnerstag: Reibekuchen mit Apfelmus bei Metzgerei Stürmer. Die türkische Frau mit dem interessanten Gesicht ist auch wieder im Backshop. Aha. Mit Panik und extremem Formularausfüllwiderwillen dann an den Antrag für Stipendium A1. “Projektvorhaben mit der Förderung (optional)”: die wollen immer Stories hören. Leute, ich möchte einfach nur arbeiten, in Ruhe, ohne Generve, äh geht das?

    Im Podcast von Bret Easton Ellis erzählt Paul Schrader davon, wie er mit 26 Jahren das Drehbuch zu “Taxi Driver” schrieb, wie wild und roh das war, und dass beinahe Jeff Bridges den Travis Bickle gespielt hätte. 

    Beim Menschengucken bekommt jedes Gewächs sein eigenes Gepräge von mir. Auch jedes Hündchen.

    M. rief spät abends noch an, ein Bild nach Teheran verkauft. Mit etwas Anlauf schaffe ich es dann sogar auch, mich etwas zu freuen, erleichtert zu sein. Geld macht Beruhigung. Die Frage ist immer: und wann bezahlt er? 

    In Thailand, derweil, hat man die Fußball-Saison verkürzt, weil der König gestorben ist. Bullshit.

  • Mittwoch, 19. Oktober 2016

    0909h: Regen, Poster-Herbst. Bald wieder in den Charts: der deutsche Laubbläser-Smasher.

    Stilleben: Leuchtweste vor feuchtem Laub, im Stile Morandis. 

    Jetzt müsste es eigentlich diese Zeit sein, über die ich vor Wochen in der Sonntagszeitung gelesen hatte: bis in den Dezember hinein, bei Dräuen des Sonnenuntergangs, fallen Millionen von Flughunden über Bananen- und Mangostauden des Kasanka Nationalparks im Norden Sambias her, und fressen sich an den Früchten satt, bis nichts mehr da ist. Jeden Abend sieht man die Flughunde zuerst als schwarze Silhouetten durch einen Abendhimmel aus Rosa, Violett und Orange herannahen. Die Luft vibriert von Millionen Flügelschlägen. Dem Artikel stand ein wunderschönes Foto bei, das eben kein Agenturfoto war, sondern vom Autor selbst aufgenommen: abendglühende Pastellschichten, staubig umsäumt und geschichtet, wie ein fucking Zuckerbäckertraum, von Zapfen und Stäbchen der Netzhaut erfasst.

    Im Laden gestern eine süße holländische Familie: Frau, Mann, Tochter. Sehr nett und ruhig, die Tochter vielleicht 16, 17, 18, und so hübsch, so süß auf ihre spezielle Art, wie sie unverkrampft mit ihren Eltern, wie sie da konzentriert Platten suchte, mit braunem Pony und der schwarzen Brille darunter. Als sie dann einmal zielsicher Eric Dolphy’s “Out to lunch” aus dem Fach zog, um sie dem Vater zu zeigen, da wusste ich: das ist ein besonderes Mädchen. Was sie wohl mal für ein Leben führen wird? Ich muss das jetzt so hinschreiben, weil in ein paar Tagen werde ich sie wieder vergessen haben. Also Mädchen, achte auf Dich.

    Vielleicht bin ich der Typ “Alleinerziehender Vater”? Was weiß ich, weiter geht’s –

  • Freitag, 14. Oktober 2016

    Ist doch schön, heißt es, so angeschlagen zu sein ein bisschen, teildemoliert vom Leben. Nur so bekommt man was mit von dem, was bei anderen passiert. Momenthaft anfällig zu sein für Schönheit und Zartheit und Traurigkeit, die aus dem Verborgenen kommt, so daß es mich dummer- aber auch logischerweise auf der Straße, in der Bahn, in der Schlange im Rewe bekommt, oder zumindest als Schock in den Hals fährt, in den Hals hoch, in den Hals runter, ich kenne die Richtung gar nicht, die so etwas nimmt. Hoch wahrscheinlich, von – wie man sagt – HERZEN kommend. 

    Unvorbereitet losarbeiten. Mittwochabend, nach Atelierarbeit, nehme ich den 132er Bus bis Hauptbahnhof. Der Breslauer Platz lasch erhellt von einer Summe aus Licht, aufaddiert und zusammengemischt streut es aus der nördlichen Glasfront der Ladenlokale heraus. Im Schnellrestaurant “Zur Goldenen Möwe” (siehe Wohnseifer, J.) esse ich einen Cheeseburger, und als ich kauend an den vorherigen Abend kurz zurückdenke, an das Essen zum Siebzigsten meines Onkels, Verwandtschaft, Familie, Dankbarkeit, Alter, Tod, nochmal Familie…. (mit den Eltern ist es so: Aus Vorgesetzten werden irgendwann Kollegen, deren Vorgesetzter man wird.) kommt vom Tisch hinten Information in Form eines Telefonats einer jungen Frau, vielleicht 18, es ist grade laut genug, alles zu verstehen, und es geht mich was an, weil ich ja schreibe. Es geht um prekäre Familienverhältnisse, vielleicht die Mutter am Telefon, es geht um, nehme ich mal an, zu wenig Liebe, Vernachlässigung, Ichsucht, um ein VIELZUWENIG von etwas, was diese sehr junge Frau schon jetzt als große Lücke empfindet, die Sätze, die sie sagt, sind ganz einfach und klar und von Schluchzen durchzogen, und ich sitze da und kaue weiter und merke dann: ich muss JETZT gehen, weil es wird sonst zu viel. Allein, in der Traurigkeit der jungen Frau, in dem Mangel, der deutlich aus ihr heraus zu hören ist, relativiert sich das Eigene. Es ist brutal platt, ich weiß, aber es entfaltet eine reale Schwere, und ich bin froh, daß ich keine Eltern habe, die mich kaputtgemacht haben, noch bevor mein eigenes Leben überhaupt richtig angefangen hat – das denke ich in dem Moment, wenige Sekunden, vielleicht zwei Minuten insgesamt. Ich glaube nicht, daß ich irgendwas für mich grundlegend beantwortet habe, aber es ist richtig, sich immer wieder mal zu fragen: was kann ich wissen von mir und VOR mir.

    Geil: die neuen Zeichnungen von David Rappenau bei Queer Thoughts, New York. Nicht geil: bin plötzlich so pingelig, was meine Jacken angeht: zu dünn, zu dick, wo ist die Jacke für den Oktober 2016