Ist doch schön, heißt es, so angeschlagen zu sein ein bisschen, teildemoliert vom Leben. Nur so bekommt man was mit von dem, was bei anderen passiert. Momenthaft anfällig zu sein für Schönheit und Zartheit und Traurigkeit, die aus dem Verborgenen kommt, so daß es mich dummer- aber auch logischerweise auf der Straße, in der Bahn, in der Schlange im Rewe bekommt, oder zumindest als Schock in den Hals fährt, in den Hals hoch, in den Hals runter, ich kenne die Richtung gar nicht, die so etwas nimmt. Hoch wahrscheinlich, von – wie man sagt – HERZEN kommend.
Unvorbereitet losarbeiten. Mittwochabend, nach Atelierarbeit, nehme ich den 132er Bus bis Hauptbahnhof. Der Breslauer Platz lasch erhellt von einer Summe aus Licht, aufaddiert und zusammengemischt streut es aus der nördlichen Glasfront der Ladenlokale heraus. Im Schnellrestaurant “Zur Goldenen Möwe” (siehe Wohnseifer, J.) esse ich einen Cheeseburger, und als ich kauend an den vorherigen Abend kurz zurückdenke, an das Essen zum Siebzigsten meines Onkels, Verwandtschaft, Familie, Dankbarkeit, Alter, Tod, nochmal Familie…. (mit den Eltern ist es so: Aus Vorgesetzten werden irgendwann Kollegen, deren Vorgesetzter man wird.) kommt vom Tisch hinten Information in Form eines Telefonats einer jungen Frau, vielleicht 18, es ist grade laut genug, alles zu verstehen, und es geht mich was an, weil ich ja schreibe. Es geht um prekäre Familienverhältnisse, vielleicht die Mutter am Telefon, es geht um, nehme ich mal an, zu wenig Liebe, Vernachlässigung, Ichsucht, um ein VIELZUWENIG von etwas, was diese sehr junge Frau schon jetzt als große Lücke empfindet, die Sätze, die sie sagt, sind ganz einfach und klar und von Schluchzen durchzogen, und ich sitze da und kaue weiter und merke dann: ich muss JETZT gehen, weil es wird sonst zu viel. Allein, in der Traurigkeit der jungen Frau, in dem Mangel, der deutlich aus ihr heraus zu hören ist, relativiert sich das Eigene. Es ist brutal platt, ich weiß, aber es entfaltet eine reale Schwere, und ich bin froh, daß ich keine Eltern habe, die mich kaputtgemacht haben, noch bevor mein eigenes Leben überhaupt richtig angefangen hat – das denke ich in dem Moment, wenige Sekunden, vielleicht zwei Minuten insgesamt. Ich glaube nicht, daß ich irgendwas für mich grundlegend beantwortet habe, aber es ist richtig, sich immer wieder mal zu fragen: was kann ich wissen von mir und VOR mir.
Geil: die neuen Zeichnungen von David Rappenau bei Queer Thoughts, New York. Nicht geil: bin plötzlich so pingelig, was meine Jacken angeht: zu dünn, zu dick, wo ist die Jacke für den Oktober 2016