So 27. Oktober 1991
auf der Autobahn
Seit 1,5 Stunden stecke ich im Stau vor dem Elbtunnel. Ich bin wütend, weil sie es nicht einmal im Verkehrsfunk ansagen. Ein holländischer Lastwagen hat sich nicht an die Höhenbegrenzung gehalten. Der mußte rausgelotst werden. Es hat sich niemand vergriffen an dem Mann. Was mich wundert. Den Holländer hat’s nichts gewundert. Insgesamt 2,5 Stunden! Dachte, für den Flug nach Leipzig einen Riesenvorsprung zu haben. Nun reicht es grade noch für ein Bier. Flugzeug nach Leipzig. (W.Kempowski, Somnia, Tagebuch 1991)
27. Oktober (1911)
(…)
Sitte, gleich nach dem Erwachen die Finger dreimal in Wasser zu tauchen, da die bösen Geister sich in der Nacht auf dem zweiten und dritten Fingerglied niederlassen. Rationalistische Erklärung: Es soll verhindert werden, daß die Finger gleich ins Gesicht fahren, da sie doch im Schlaf und Traum unbeherrscht alle möglichen Körperstellen, die Achselhöhlen, den Popo, die Geschlechtsteile, berührt haben können. (F.Kafka, Tagebücher)
27. (Oktober 1958)
Zurück nach Paris. In der Nacht die beruhigenden Stimmen, die die Namen der Bahnhöfe ankündigen. Nation. Sich nicht beklagen. Nicht herausstellen, was man ist oder was man tut. Wenn man gibt, bedenken, daß man empfangen hat. (A.Camus, Tagebuch März 1951 – Dezember 1959)
Dienstag, 27.10.98, Berlin
(…)
1701. Ich lese jetzt den Anfang von Abfall, um kurz Überblick zu gewinnen, was hier eigentlich passiert ist. Ich muß mich an alles sofort ultragenau erinnern. Anstrengend ist das. Dabei habe ich es doch aufgeschrieben, um es los zu sein und vergessen zu können. (R.Goetz, Abfall für Alle)
Fr 27. Oktober 1989
Nartum
Bild: 260 Pfund!/Wird Kohl immer dicker?/Warum?/IRA schoß Baby in den Kopf – tot
ND: Telefongespräch zwischen Egon Krenz und Helmut Kohl
6.30 Uhr. – Es regnet. Klappert auf die Schrägfenster. Angenehm. Da dreht man sich gleich noch einmal um im Bett.
(…)
Dann Menschenmassen unter freiem Himmel. Menschen treten vors Mikrophon, helle Köpfe vor schwarzer Nacht: Das überalterte ZK. Krenz, der sei wenigstens jung…, sagt der Kommentator. Pfiffe. – Modrow dankt dem Herrgott, daß es nicht regnet. Einfache Leute treten ans Mikrophon und dürfen was sagen. Die Preisexplosion der Schrankwände wird beklagt, einer verlangt Entfernung des Schwarzen Kanals. Einer sagt, er will sich nicht kurz fassen, denn “wir haben 40 Jahre nichts zu sagen gehabt!” (…) (W.Kempowski, Alkor, Tagebuch 1989)
27. Oktober (2001)
“Es ist getan”: der nächste große Schritt aufs Ende zu.
Gestern nachmittag habe ich beim Notar den Schenkungsvertrag mit/für das/dem MUSEUM FÜR KUNST UND GEWERBE unterschrieben. Was überwog nun? Eitelkeit und das ewige “den Tod überlisten wollen” – oder Bürgersinn? Ich vermute mal: eine unschöne Mischung aus beidem. Der Gedanke schon sonderbar, daß es also nach meinem Tod eine Art FJRmuseum geben wird, noch sonderbarer, daß eventuell Menschen, die hier bei mir gelegentlich meine Gäste waren, dann dort in “meinen Räumen” sich bewegen werden. Am allersonderbarsten wohl für Gerd, der schließlich dann 2 oder mehr Jahrzehnte in den Dingen (mit-)gelebt hat. (F.J.Raddatz, Tagebücher 1982 – 2001)
Iquitos, 27.10.81
Plötzlich war mein Zimmer voll Licht. Im Dach raschelte es. Auf der Erde ringsum glühten und erblühten die Einschläge von Sternen. Es gab weißen und schwarzen Dampf und dazwischen feste Verknotungen von Blitzen. Die Küchenschaben, wohl ahnend, daß sie als einzige überleben würden, aßen sich an meiner rosa Seife satt. Am Morgen sah ich ihre Spuren in der Seife, wie wenn man mit einer feinen Drahtbürste daran gekratzt hätte. Julian erfand, um mir etwas Gutes anzutun, die Nachricht, daß die Huallaga frei sei, aber sie sitzt nach wie vor fest. Der Regen ist feige. Am Saum des Urwalds schlugen Vögel an wie tollwütige Hunde. Mein Körper ist durstig wie ein vertrockneter Landstrich. In der Erde taten sich feine Risse auf. Ich fuhr zu dritt auf dem Motorrad in die Stadt, nahm dabei Maria-Luisa und ihr kleines Mädchen mit. Dabei schlief das Kind, das zwischen sie und mich geklemmt war, auf dem Rückweg ein; ich spürte den Moment ganz deutlich, wo das Köpfchen auf einmal zur Seite hing und sich gleichzeitig der Griff der kleinen Hände an meinem Körper löste. Als ich einen Zigarettenstummel, der noch glühte, neben mir durch den Eisenrost des Gullys warf, schoß auf einmal etwas aus einem der feuchten, schwarzen Kanalisationslöcher hervor wie eine Schlange, packte die Kippe, ließ sie sofort wieder fallen und zog sich fast ebenso schnell wieder zurück. Es war ein sehr großer Frosch. (…) (W.Herzog, Eroberung des Nutzlosen)