• Mittwoch, 27. April 2016

    Play with real atoms!” (FAZ, 27.4.’16, Natur und Wissenschaft, Seite 1)

    Im Craquelé des Kielwassers der Schiffe ist keine Spiegelung zu sehen, nur braungraue matte Furchen sieht man aufschlagen, die dunkle Seite des Wassers. Ein fließendes Gewand aus stumpfem und blindem Silber. Durch den starken Regen und die Strömung brandet Flusskies über den Grund. Wie ein loser Rechen durchfährt er die Sohle, wirbelt Erde auf und zerstäubt sie, und der Fluss färbt sich wie Schlamm. Was auch immer auf den Grund gesunken war, wird umströmt, wird abgerieben, wird geschliffen, wird über Jahre hinweg aufgerichtet. Manchmal schlitzen durch Wasser bewegte Anker den Rumpf eines Schiffes auf. 

    Bekomme über einen Email-Verteiler eine Einladung zu einer Ausstellung: Anrede “Hi” – ungelesen gelöscht. Freude, auch Mitleid. Diese formelle Schlaffheit raubt einem manchmal den Atem. Sortieren sich selbst aus. Darum dann doch: Freude.

    Prince ist gestorben und es stimmt, daß es manchmal im April schneit.

  • Sonntag, 24. April 2016

    Kaum bin ich aufgewacht, fällt mir auch schon auf, daß es erstens viel zu früh ist und zweitens, daß ich noch betrunken bin. Der Schmerz im Rücken, der, darüber habe ich gestern viel nachgedacht, wahrscheinlich muskulärer Ursache ist, scheint ein bisschen weniger asi als noch gestern. Ich kann sogar ohne wie ein Greis zu atmen auf dem Rücken liegen… Ich denke, in drei Tagen habe ich auch das erfolgreich weggelebt. Ich bin schon auch Aazt.

    Ich muss an dieser Stelle an die hinter dicken Brillengläsern auf Kaffeebohnengröße geschrumpften Augen von der kleinen fünfjährigen Nichte des jungen Mannes denken, auf dessen Geburtstag ich gestern als Programmpunkt 1 des Abends war. Ich schlug vor, sie möge doch mal Brillen tauschen mit M., dessen iranische Augen fast komplett hinüber sind und deshalb mit allerlei Dioptrien gewürzte Brillen trägt. 

    Gestern holte ich in der Postfiliale Sudermanplatz das Philip Guston Buch ab, für dessen Erwerb ich mich auf der ArtCologne in eine Liste eintrug, die junge Frau am Stand des Sieveking Verlags sagte mir zuvor, sie würden mir das Buch zuschicken, Rechnung läge bei, wenn ich jetzt nicht genügend Bargeld…. – Ich kann leider bei Büchern sehr schlecht bzw. fast gar nicht NEIN sagen, weshalb ich viele Bücher zu kaufen mich qua Impuls gezwungen sehe. Zugegeben: es ist ein Buch, das ich schon länger haben wollte. Es sind die Memoiren von Guston’s Tochter Musa Mayer, in denen sie vor allem über ihren berühmten Vater schreibt. Bisher gab es nur eine etwas läppisch aufgemachte amerikanische Version des Buches, jetzt also hat der Sieveking Verlag in Zusammenarbeit mit der Blockbuster-Galerie Hauser & Wirth (die den Nachlass von Gustons Werk von der McKee Gallery übernommen hat) eine deutsche Version herausgegeben*. Ist ein schönes Buch geworden, in dem es viele Fotos mit und über Guston gibt, die ich noch nicht gesehen habe. Und ich habe schon viele gesehen. Auf einem Foto, schwarzweiss, Jahr 1930, ist Guston gerade mal 16 oder 17 Jahre alt, nahes Profil mit Schulter, sehr gutaussehend, sehr männlich, aber auf keinen Fall sieht er aus wie 16 oder 17, sondern wie 40. Ich habe das drei Mal hin und her geprüft, ob das sein kann, ob die da vielleicht die Jahreszahlen, unter dem Foto, vertauscht….? Den Titel des Buches hat man, thank god, nicht angerührt: Night Studio

    People: “Das geht doch gar nicht!” – “DAS geht sogar relativ leicht”, ist dann meine aufrichtige Replik auf die Behauptung der vermeintlichen Unmöglichkeit, der ganzen Böhmermann-Sache komplett aus dem Weg zu gehen. Die Instant-Ödnis, die mich am ersten Tag überkam, als es losging mit dem Schlamassel, ist auch im Zuge der ebenfalls vermeintlich auf das Größere hin ausgerichteten Diskursen und Diskussionen und Diesdas nicht abgeklungen, oder einem anderem Gefühl gewichen. Null Impuls dahingehend, was Satire ist und kann und darf und usw usw. Ist doch scheißegal? Ja, und es ist super, daß es scheißegal ist. Mich hat Böhmermann noch nie interessiert, auch DAS geht, auch das sehr easy übrigens, wenn man das ganze Zeug einfach nicht sonderlich komisch oder erbaulich findet. Wisst ihr noch, Bubble Tea? Das mein’ ich

    Jetzt geht es hier los mit den Vogel-Songs. Vom Cover des Buches kuckt Philip Guston zu mir herüber, wie Jemand, der Seriöses anzubieten hat. 11:14 Uhr. Out to lunch

    (* Zwar eine deutsche Version, wenn man so will, aber keine Übersetzung. Man hat das Buch eher erweitert und aufgewertet, mit sehr vielen Fotos und Abbildungen von Gustons Werken, Layout usw.)

  • Samstag, 23. April 2016

    “Eine feste Burg ist unser Gott” (Teaser zum Reformationsjahr 2017. In diesem Zusammenhang auch zu beachten: das kaputtgeile Wort Gesamtdeutschland, Anm. d. Verf.)

    Kahle, regennasse Äste hier vor dem Fenster, schimmern wie graue Aale, die man aus dem Tümpel gezogen hat… Gestern, beim Abendessen in dem kleinen marokkanischen Restaurant, sagte mir A., als sie mich eine Zeit wortlos beobachtet hat: “Eben war noch so ein gutes Licht, da waren deine Augen so schön blau”. Mit A. gibt es keine amourösen Verstrickungen, was den Satz für mich in dem Moment umso schöner machte, weil sie ihn ja nicht sagen muss. Ich kann es nicht zugeben, nicht vor einem anderen Menschen, aber ich brauche solche Sätze – für mein verdammtes Seelenheil – öfter. Eine ganz profane Bemerkung, ein ganz normales nettes Wort. Von jemand ANDEREM gedacht und dann gesagt. Besser, wenn es von einer Frau kommt. Klar. Mein lächerlich volatiles Verhältnis zu mir selbst ist, sehr wahrscheinlich, mein größtes Problem. Ich hoffe, ich ruiniere mich nicht damit. Ich arbeite dran. Aber ich brauche, wie jeder Mensch, auch ein bisschen Hilfe von Euch, folks. (Blick ins Publikum, Tonfall neutral – Tendenz: heiter, facial expression fatal-lässig)