• Fr, 23.2.2024

    BLUE SKIES NECROMANCER

    Keine bloße Fürsorgeerzählung ist das Hellblau, das sich da hinten, über den Dächern der fernen Häuser erhebt. Die Wolken darin so richtig van Ruysdael, blaugraue Schatten, langgezogen, Baguettes aus Watte, aber von links her, da deutet sich schon die Sonne an, mit metallischem Strahlen. Vögel, einzelne, mehrere, fliegen ihr jetzt entgegen, und dann verschwinden sie aus meinem Sichtfeld. Das ist doch wahrscheinlich die Übung hier, jeden Morgen, wenn ich will: wie meine Aufmerksamkeit eins ist mit ihren Inhalten. Die Aktivität meines Körpers, die Summe organischen Engagements mit diesem Moment, wie einem Licht und Schatten und Farbe im Sichtfeld begegnen, allerlei weitere Formen der Gegenständlichkeit, Gedanken, Gefühle, wie lange und stark sie bleiben, was folgt auf das Vorherige, und all die geschieht im Raum der Aufmerksamkeit, dessen Wände man niemals sieht, weil sie eben nicht Ichwände sind.
    Und ganz außen, am Rande dieses Raumes, liegt diese merkwürdige Ahnung, dass sich diese Dinge in Summe nach mehr anfühlen als einem ICH. Dieses Ich, so kommt es mir vor und darum bin ich sicher, ist nur ein weiterer Umriss in einer unklaren Ganzheit. Ist es also vermessen, wenn ich wirklich versuchen will, Kunst zu machen, die eben nicht nur Ichkunst sein soll. Denke nicht.

    Die Literatur zB bietet—vielleicht in Analogie für diese Ahnung, vielleicht für die exakt selbe—die Idee einer Pluralität der Ichs, der Selbste an. So wäre jedes Ich als Pluraletantum zu verstehen. Proust: daß jeder von uns nicht ein einziger, sondern eine Unzahl von Personen ist, (die nicht den gleichen moralischen Wert besitzen )(…)

    Noch ein schöner Satz zum Ich-Thema aus Nate Wests Ästhetik der Erniedrigung: Mein vergangenes Ich, das nicht mehr ganz da ist und doch nicht als verschwunden gelten kann, bleibt der ewige Leibeigene meines vergangenen und zukünftigen Ichs und letzteres wird niemals aufhören, unter dem Despotismus seiner Vorgänger zu leiden.



  • Di, 13.2.2024

    SUMPFBLUME

    Berlin, von hier aus betrachtet. Donnerstagabend tauschte man über den Tisch im L’Eustache hinweg den Eindruck aus: die Stadt wirkt seltsam leer. Aber ist sie es auch? Freitagabend, zur besten Sendezeit, fahre ich einmal quer durch, an den Bahnsteigen wenig los, die Wagen wie verlassen, und fast niemand steigt hinzu. Wo sind denn alle hin. Tagsüber, rund um den Alexanderplatz, waren doch scheinbar noch alle da, war alles wie immer.

    Der Himmel, diese Wüste über Berlin, fällt mir erst einen Tag später auf, als ich Richtung Bülowstrasse unterwegs bin, wo in einer Mulde die umgebaute Tankstelle von Juerg Juedin steht, der da nicht mehr wohnt, sondern seine George-Grosz-Sammlung zeigt. Als ich den Ausstellungsraum betrete, merke ich sofort, in freudiger Vorahnung: fuck, ich muss hier alles fotografieren. Ultragut gelaunt verlasse ich diesen schönen Ort, der an einem hässlichen Ort steht.

    Martin meinte Samstag zu mir, nach dem Mittagessen bei Ishin, mein Verhältnis zur Kunst sei „romantisch“. Kann sein, hab ich gesagt, ob ich jedoch dieses Wort wählen würde, bezweifle ich. Zu dem Zeitpunkt wunderte ich mich über die Sinnlosigkeit Berlin-Mittes, mit seinen ewig übersäuerten Kaffees. Aber was war mit der Kunst? Ich glaube an sie. Sie muss nicht an mich glauben im Gegenzug. Sagen wir so: das Buch der Kunst liegt bei mir immer aufgeschlagen herum.

    Gewidmet der schönsten Frau Berlins.

  • Mi, 24.1.2024

    LOVE AND DEATH ARE ALWAYS ON MY MIND

    Fühlte mich diesmal auf der richtigen Seite. Denn schon am nächsten Tag, nachdem man mich für 1 Jahr mit einer neuen Zahl ausgestattet hatte, war der Schnee verschwunden. Weg. Wirklich wie als: wäre er niemals da gewesen. Das war nun also das Produkt der Nacht.
    Me—I’m a product of winter.

    Jetzt umbläst Sturm das Haus, und ich wollte irgendwas gesagt haben, aber ich bin dabei Basslines mitzusummen. Bitteschön, wenn es ohnehin nur den Moment gibt: die ersten vier Lieder, in Reihe, der ersten The Stills-Platte. Jeder Ton, der auf den nächsten folgt. Diese Freude, dabei zuzusehen, wie man von POP manipuliert wird, mit den Pop-Mitteln. Neulich dachte ich das schon, als ich mir abends im Bett die neue, dritte Planet Earth-Reihe anschaute. Diese Leute treiben es zum Teil bis ans Äußerste, mit der Bild-Ton-Manipulation, aber fuck me: sie wissen, dass ihre wirklich spektakulären Bilder das zulassen, die fast schon asozial perfekte Schnittkunst, und man selbst ertappt sich dann dabei, wie man diese Manipulation genießt.
    Während ich das also sah, wie sich irgendein interessant geformter, dunkler Hai in den Meeresboden buddelte, indem er durch ein Winden seines Körpers, von seinem Unterbauch her eine Verwehung des Sandes quasi heraufbeschwor, der Grund unter ihm sich teilte, für ihn eine Mulde zu bilden, in der der Hai dann vollkommen unsichtbar verschwand, lauerte, weil dieser graublauschwarze Sand, der in trägen Schlieren und Wölkchen nun wieder auf ihn niederfiel, wie eine Schrift in Auflösung, und ihn vollkommen benetzte, die EXAKT selbe Farbe hat wie der Hai, da dachte ich, so eine schockierende Sequenz aus Bewegung und Farbe und Licht, keine Fantasie kann so etwas erwirken.

    Im REWE Bücherschrank, eine Picador Paperback-Ausgabe eines Richard Brautigan Buchs: In Watermelon Sugar.