• Sa, 6.1.2024

    SIDETRACK MY ENGINE

    I’d like to leave you on a positive note. Will you accept two negatives?

    Es heißt, die ZEIT vergehe anders in dem Maße, wie schnell man sich bewegte. Die Idee eines JETZT sei, so heißt es, im Sinne unserer Existenz, im Sinne des Aufbaus des Universums, nicht von Vergangenheit oder Zukunft auseinanderzuhalten.
    Dem zugrunde liegt, so heißt es, die dunkle Sprache der tiefen Naturbeschreibung: Mathematik. Diese Sprache ist nicht von sich aus dunkel, sie liegt nur dort, im Dunklen. Sie will ans Licht.
    Man ist, heißt es, als Mensch ein Organismus mit nur unzureichend ausgestatteten Sinnesapparaten und Übersetzungskapazitäten für diese Sprache, hinüber vom Universum in die Erfahrbarkeit unserer Welt, der Menscherfahrungswelt. Wir sind, oddly enough, Migranten mit unzureichenden Sprachkenntnissen, verstehe ich das richtig?
    Und jetzt also—kommt das hier, das Journal, mit Hegelscher (war’s Hegel?) Latenz in 2024 an. Hallöchen 2024, ich sehe dich, und ich sehe auch schon dein Ende, überblicke deine Form, und das Ende als solches hat auch schon eine Form, und diese Form ist ein Datum.

    Realismus also eine Formangelegenheit, die diese „Übersetzungsfehler“ mit einbeziehen sollte.
    Ungefähr proportional verhalte sich die Rate von Erfindungen, Innovationen in der Welt zum Volumen der gesamten Weltwirtschaft. Müsste Realismus demnach ungefähr proportional gedacht, versucht werden, zur gesamten Welterfahrbarkeit? Frage für einen Freund.
    Was hatte ich da nochmal notiert, in einem anderem JETZT, weil es jemand so schön formuliert hatte, ins kleine roten Heftchen: there is just conciousness and its contents.

    Hoppla

    Lesen: Helgard Haug, All Right. Good Night. William Burroughs, Junky. Sol Stein, Über das Schreiben.
    Mehr gucken als lesen: Sargent and Fashion, Tate Gallery.

    Beim Gucken von American Gigolo fiel mir auf, wie kaputt, also nicht-existent der Sound zum Teil ist, wie es da wohl beim Dreh enorme Probleme gegeben haben musste, und man es in der Postproduktion vielleicht auch nincht mehr so richtig hinbiegen konnte, im Jahre 1979 oder ’80. In manchen Szenen gibt es überhaupt keinen Ton, Stille, zB wenn Richard Gere irgendein Restaurant betritt, keine Atmo, keine Musik, nichts. Weird, aber auch irgendwie toll, wie das wirkt. Und dann erhebt sich auf einmal, so 80s kokainhibbelig-artig aus der Stille der fizzelige Giorgio-Moroder-Score, man sieht die schwarzen, wie ausgeschnittenen Silhouetten kalifornischer Palmen gegen einen Sonnenuntergang in—for real—cadmium violet.

  • sonntag, 31.12.2023

    NACH DIR, HERR, VERLANGET MICH

    Ein Müllmann, ein Mitarbeiter der Abfallwirtschatfsbetriebe, kaufte sich in Dienstbekleidung eine Schallplatte. Nachdem er sie bezahlt hatte, packte er sie: in einen Müllbeutel.

    In der U-Bahn sah ich zwei Frauen, und beide, so konnte ich in kurzer Abfolge erkennen, hatten jeweils eine Taube dabei, die sie innig an ihren Körpern trugen. Die eine in einem Tuch vor der Brust, wie diese Top-Knot-Daddies ihre Babys. Die andere Frau hatte ihre Taube scheinbar direkt in ihren BH gepackt—as from her bosom suddenly emerged a pigeon.
    Die Tauben gaben keinen Mucks von sich. Dann stieg ich aus, und betrat somit andere, neue unmittelbare Darbietungen.

    Nachdem ich vor Weihnachten nochmal Barry Lyndon mir angeschaut hatte, war mir aufgefallen, wie ich hernach überall nur noch Tableaus zu sehen begann, in Tableaus. Arrangements von Gegenständen, Personen, die, wie es schien, mir, als speziellem, einzigen Publikum Dinge vorführten, Szenen, Einstellungen—dass diesen etwas
    e n t s p r i n g e n möge

    Tiere des Jahres:
    der Ameisenbär
    das Schuppentier

    Abnehmender Halbmond
    Beleuchteter Anteil heute: 81-85%

  • mittwoch, 20.12.2023

    KEINE WELT JENSEITS UNSERER WELT

    In der Museumsbibliothek bin ich grade der einzige Customer. Ich bin allein, habe hier ein großes, kostenfreies Büro, ganz für mich, über hundert Quadratmeter groß, der Buchbestand hat über eine halbe Million Bände, und ich kann jederzeit—ich müsste es nur auf einen Zettel schreiben—jeden Band bekommen, und wenn es gar im Hause gelagert ist, geht eine nette Frau es für mich holen und legt es an meinen Platz. Es ist leise, es weihnachtet hier ganz stark, so wie es ist, in: the library.

    Montag bei JT im Atelier und mit seiner kundigen Unterstützung siebdrucken (SUBURBAN PROFANE), geglückt und besser und ja, schöner als erwartet (!) ist es geworden, und ganz zum Schluss, nachdem ein Lachs noch sous-vide zubereitet und dazu ein Whiskey Sour („rauchig“) getrunken wurde, schenkte er mir noch seine doppelte Ausgabe von Ad Reinhardt’s Schriften und Gespräche. Selbst schenk ich auch so gern, und ich mag Menschen, die selber auch gern schenken, umso mehr. Als würde ich JT nicht schon genug mögen!
    Obwohl ich jetzt gar keinen großen Kenner oder Fan von Reinhardt mich nennen würde, weiß ich, worauf das Interesse beruht: Reinhardt ist eine Art Hardliner/Kommunikator seiner Ideen, seiner Konzepte. Er ist stark opinionated, kann sprechen und schreiben, schreibt es sogar deswegen auch auf, und beschäftigt sich auf zerebrale Art mit seinen sehr konkreten Ideen, wie oder was Kunst, nach seiner Meinung, sein sollte, für die Zeit aus der heraus er schreibt. Und somit, durch seine textbasiert ausdrückliche Art, ist er, aus heutiger Sicht, also die Kunstwelt im Winter 2023, eine absolut perverse Ausnahme. Und natürlich schon längst tot. Die besagten Schriften und Gespräche stammen aus den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts.

    Ausgelöst und irgendwie zum brennen gebracht war ich durch den Benjamin Buchloh-Essay Figures of Authority. Ciphers of Regression, der wiederum in einem Text von Michael Krebber zu seiner aktuellen Ausstellung bei Buchholz…..usw., ja.
    Jetzt also der Reinhardt hier auf der anderen Flanke, und was ich quasi suche ist: Solidarität. Sowas. Denn ich höchstselbst finde mich hier, in dieser Stadt, in meinem Zirkel, leider bisschen allzu alleine wieder als jmd. der sich so ein bisschen verbal frontal mit der ganzen figurativen Fantasy-Malerei anlegt, bisschen meine Gelangweiltheit und Anklage kundtut weil: ich kann dieses ganze Zeug nicht mehr sehen, und es beherrscht viele Hirne wie ein falscher Glaube. Die tapferen Leute vom Bungacast-Podcast schrieben es gestern ganz gut und pointiert unter ihre neueste Folge:

    The long 90s, the „end of history“, was all about inane spectacular art
    The post-crash period gave us discourse-driven hyperpolitical art
    But increasingly, there’s a retreat – to mysticism, the irrational. What’s going on?

    What’s going on indeed, Konsumentenhirn