• Mittwoch, 22.11.2023

    IDEA AS DECORATION

    Die Komposition von Stephen Prina, die die sechs Streicher da spielten, ist gar nicht von Stephen Prina. Das sei Mozart gewesen, sagte mir Boscher einen Tag später, als wir uns unter tief hängender, schwarzer Hallendecke auf der MESSE begegneten—man sagt nur „Messe“ unter uns somewhat Involvierten, ist ja klar, daß wir unsere Branche meinen.
    Später hörte ich noch jemanden sagen, dass die Hallendecke wirklich ermattend tief ins Messedasein hinge, ins Diesseits, und ich wollte dann anmerken, dass es daran liegt, dass auch der Boden schwarz angemalt sei, und man so in eine dunkle Klammer genommen werde, deren Dellen, die sie auf der Psyche zurücklässt, man erst wahrnimmt, wenn man schon wieder draußen ist, in der großen begehbaren, allumfassenden Installation namens REALISM.

    Auf Nachfrage hörte ich mich auf der Messe außerdem antworten, ich fände es ziemlich trashy diesmal, aber schon während ich es aussprach, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich genau das nicht schon die letzten zwei oder drei Jahre gesagt hatte, den selben Eindruck gehabt hatte. Eine matschige Pfütze ist so ein ganzes Jahr, murky waters. Je konzentrierter ich mich zu erinnern versuchte, desto weniger kam da, desto mehr Nichts flimmerte vom Rande der Erinnerungsbemühung her, ein blasses Licht, ein grauer Punkt.
    Man ging von einem Provisorium zum nächsten, man fragte sich, ob das alles nicht nur daran liegt, daß sich dieses schöne Geheimnis der Kunst zu sehr herumgesprochen hatte, ob nicht mittlerweile einfach zu viele davon gehört hatten, und meinten, da mitmischen zu wollen. Auch ich bin schuldig, aber ich habe einen Auftrag, kein Witz.

    Ein paar Tage vor der Messe war ich nachts aufgewacht, gegen halb Fünf. Wusste nicht, warum. Ich schlief auch nicht mehr ein, und las mit müden Augen ein bisschen weiter in Carrère’s Buch V13, über den Bataclan-Prozess. Als ich das Kapitel „Nadia“ gelesen hatte, spürte ich durch die Müdigkeit hindurch, das mir Tränen in den Augen standen. Ich wusste, warum. Ich drehte mich um und schlief sofort ein.

  • dienstag, 14.11.2023

    IT WAS ALL WHIRLWIND, FLESH AND HOSPITALS

    Windhosen-Icon, Wetter.de, zeigt jetzt an 27 Km/h, gestern Abend 57 km/h. Mehr noch als die Zahlen erzeugt das Geräusch, ein Schäumen und Anschwellen, wie die unruhige See, und man schwimmt mittendrin, in seinem Bett, mit dem ganzen Haus. Ich mochte das immer schon, zu wissen, dass die Grenze so nah verläuft an mir, nur die Wand zwischen mir und dem Sturm gestern Nacht, und pathetischerweise (?) verbinde ich das auch ganz direkt mit dem Schreiben. Es gibt da diese eine ganz konkrete Erinnerung, ich sitze in Deutz in einem Cafe, draussen, unter einem großen Schirm, und es beginnt abzuregnen, nur ein paar Zentimeter trennen mich von dem Schauer, und ich habe ein Notizbuch vor mir und fange an, genau diesen Gedanken festzuhalten, und ich wusste wahrscheinlich damals schon, dass das bisschen behämmert ist, aber gerade MIT dem Bewusstsein geht man durch etwas Wichtiges hindurch, glaube ich, wird mitgenommen, nimmt sich selbst mit. Das war 2003 oder 2004, und es war vielleicht der Anfang von: ich SCHREIBE jetzt. So ganz offiziell.

    Diese Lindenbäume hier, im Innenhof—ich glaube, es sind Linden—sind jetzt in diesem Gelb-Stadium, das mich extrem anspricht, dieses Gelb meine ich. Glaube, früher war mir Gelb egal, jetzt merke ich, wie mir diese Farbe, speziell dieses Mittnovembergelb der Lindenblätter direkt reingeht ins Auge. Es entzieht sich auch noch meiner Bestimmung: es ist weder eindeutig warm noch kalt, bzw. es trägt sowohl eine Tendenz zu einem kalten, bläulichen Ocker in sich, wie auch das strahlende Warmgelb von blühenden Rapsfeldern, von der hell leuchtenden Jahresmitte. Drag me to both sides.

    Eine neue Form von Grunge wäre eine schöne Sache.

  • freitag, 3.11.2023

    Jetzt doch nochmal ein Morgen mit schrägem Einfall von Sonnenlicht, ein ausgerichtetes Spotlight, direkt auf das grüngelbe Blattwerk der Bäume. Zeigt an, was bald genommen werden soll.
    Die Website der Zeitung zeigt an ein Bild von Tim Cook, dem Apple-CEO, und alles daran ist very 2023 hoch Zehn.
    Bodytheologisch aufwendig konzipierte Fitnessprogramme haben ihn, diesen 60jährigen, in einen von diesen zeittypisch aufgebufften Männern verwandelt, deren jede Bewegung akzentuiert wird von sich aufpumpenden Muskelkissen an den Gelenken, den Beugestellen des Oberkörpers, Rund- und Kugelformen, Ovalen, eine non-subtile Harmonie akzentuierter Muskel- und Gewebepartien. Der erfolgreiche Mann ist eine muskulöse Raumforderung.
    Dieser männliche Körper wölbt sich tiefer hinein in die Wahrnehmung und die Sphäre menschlichen Wirkens, und sendet so seine Ansprüche an Weltfläche.

    Das Apple-Logo, hinter dem CEO, ist auf diesem Foto zu einem biomorphistisch stilisierten Ensemble aus geschwungenen Linien redesignt, dahinter eine Leere, unendlich schwarz. Ein Team von Designern hat sich die Bilder von William Baziotes angeschaut, und zu recht dazu gedacht: what is old will be new again.
    Der Körper des Apfels hat sich aus weiß und blau irisierenden grains zu seiner Apfelform materialisiert, aufmassiert aus einer ständigen Dynamik heraus, und in diesem, einen Moment ist die vermeintlich chaotisch umherirrende Masse farbiger Nano-Partikel zu einem Bild von unglaublicher Klarheit erstarrt: Apple Inc.