KEINE WELT JENSEITS UNSERER WELT
In der Museumsbibliothek bin ich grade der einzige Customer. Ich bin allein, habe hier ein großes, kostenfreies Büro, ganz für mich, über hundert Quadratmeter groß, der Buchbestand hat über eine halbe Million Bände, und ich kann jederzeit—ich müsste es nur auf einen Zettel schreiben—jeden Band bekommen, und wenn es gar im Hause gelagert ist, geht eine nette Frau es für mich holen und legt es an meinen Platz. Es ist leise, es weihnachtet hier ganz stark, so wie es ist, in: the library.
Montag bei JT im Atelier und mit seiner kundigen Unterstützung siebdrucken (SUBURBAN PROFANE), geglückt und besser und ja, schöner als erwartet (!) ist es geworden, und ganz zum Schluss, nachdem ein Lachs noch sous-vide zubereitet und dazu ein Whiskey Sour („rauchig“) getrunken wurde, schenkte er mir noch seine doppelte Ausgabe von Ad Reinhardt’s Schriften und Gespräche. Selbst schenk ich auch so gern, und ich mag Menschen, die selber auch gern schenken, umso mehr. Als würde ich JT nicht schon genug mögen!
Obwohl ich jetzt gar keinen großen Kenner oder Fan von Reinhardt mich nennen würde, weiß ich, worauf das Interesse beruht: Reinhardt ist eine Art Hardliner/Kommunikator seiner Ideen, seiner Konzepte. Er ist stark opinionated, kann sprechen und schreiben, schreibt es sogar deswegen auch auf, und beschäftigt sich auf zerebrale Art mit seinen sehr konkreten Ideen, wie oder was Kunst, nach seiner Meinung, sein sollte, für die Zeit aus der heraus er schreibt. Und somit, durch seine textbasiert ausdrückliche Art, ist er, aus heutiger Sicht, also die Kunstwelt im Winter 2023, eine absolut perverse Ausnahme. Und natürlich schon längst tot. Die besagten Schriften und Gespräche stammen aus den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts.
Ausgelöst und irgendwie zum brennen gebracht war ich durch den Benjamin Buchloh-Essay Figures of Authority. Ciphers of Regression, der wiederum in einem Text von Michael Krebber zu seiner aktuellen Ausstellung bei Buchholz…..usw., ja.
Jetzt also der Reinhardt hier auf der anderen Flanke, und was ich quasi suche ist: Solidarität. Sowas. Denn ich höchstselbst finde mich hier, in dieser Stadt, in meinem Zirkel, leider bisschen allzu alleine wieder als jmd. der sich so ein bisschen verbal frontal mit der ganzen figurativen Fantasy-Malerei anlegt, bisschen meine Gelangweiltheit und Anklage kundtut weil: ich kann dieses ganze Zeug nicht mehr sehen, und es beherrscht viele Hirne wie ein falscher Glaube. Die tapferen Leute vom Bungacast-Podcast schrieben es gestern ganz gut und pointiert unter ihre neueste Folge:
The long 90s, the „end of history“, was all about inane spectacular art
The post-crash period gave us discourse-driven hyperpolitical art
But increasingly, there’s a retreat – to mysticism, the irrational. What’s going on?
What’s going on indeed, Konsumentenhirn