• sonntag, 31.12.2023

    NACH DIR, HERR, VERLANGET MICH

    Ein Müllmann, ein Mitarbeiter der Abfallwirtschatfsbetriebe, kaufte sich in Dienstbekleidung eine Schallplatte. Nachdem er sie bezahlt hatte, packte er sie: in einen Müllbeutel.

    In der U-Bahn sah ich zwei Frauen, und beide, so konnte ich in kurzer Abfolge erkennen, hatten jeweils eine Taube dabei, die sie innig an ihren Körpern trugen. Die eine in einem Tuch vor der Brust, wie diese Top-Knot-Daddies ihre Babys. Die andere Frau hatte ihre Taube scheinbar direkt in ihren BH gepackt—as from her bosom suddenly emerged a pigeon.
    Die Tauben gaben keinen Mucks von sich. Dann stieg ich aus, und betrat somit andere, neue unmittelbare Darbietungen.

    Nachdem ich vor Weihnachten nochmal Barry Lyndon mir angeschaut hatte, war mir aufgefallen, wie ich hernach überall nur noch Tableaus zu sehen begann, in Tableaus. Arrangements von Gegenständen, Personen, die, wie es schien, mir, als speziellem, einzigen Publikum Dinge vorführten, Szenen, Einstellungen—dass diesen etwas
    e n t s p r i n g e n möge

    Tiere des Jahres:
    der Ameisenbär
    das Schuppentier

    Abnehmender Halbmond
    Beleuchteter Anteil heute: 81-85%

  • mittwoch, 20.12.2023

    KEINE WELT JENSEITS UNSERER WELT

    In der Museumsbibliothek bin ich grade der einzige Customer. Ich bin allein, habe hier ein großes, kostenfreies Büro, ganz für mich, über hundert Quadratmeter groß, der Buchbestand hat über eine halbe Million Bände, und ich kann jederzeit—ich müsste es nur auf einen Zettel schreiben—jeden Band bekommen, und wenn es gar im Hause gelagert ist, geht eine nette Frau es für mich holen und legt es an meinen Platz. Es ist leise, es weihnachtet hier ganz stark, so wie es ist, in: the library.

    Montag bei JT im Atelier und mit seiner kundigen Unterstützung siebdrucken (SUBURBAN PROFANE), geglückt und besser und ja, schöner als erwartet (!) ist es geworden, und ganz zum Schluss, nachdem ein Lachs noch sous-vide zubereitet und dazu ein Whiskey Sour („rauchig“) getrunken wurde, schenkte er mir noch seine doppelte Ausgabe von Ad Reinhardt’s Schriften und Gespräche. Selbst schenk ich auch so gern, und ich mag Menschen, die selber auch gern schenken, umso mehr. Als würde ich JT nicht schon genug mögen!
    Obwohl ich jetzt gar keinen großen Kenner oder Fan von Reinhardt mich nennen würde, weiß ich, worauf das Interesse beruht: Reinhardt ist eine Art Hardliner/Kommunikator seiner Ideen, seiner Konzepte. Er ist stark opinionated, kann sprechen und schreiben, schreibt es sogar deswegen auch auf, und beschäftigt sich auf zerebrale Art mit seinen sehr konkreten Ideen, wie oder was Kunst, nach seiner Meinung, sein sollte, für die Zeit aus der heraus er schreibt. Und somit, durch seine textbasiert ausdrückliche Art, ist er, aus heutiger Sicht, also die Kunstwelt im Winter 2023, eine absolut perverse Ausnahme. Und natürlich schon längst tot. Die besagten Schriften und Gespräche stammen aus den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts.

    Ausgelöst und irgendwie zum brennen gebracht war ich durch den Benjamin Buchloh-Essay Figures of Authority. Ciphers of Regression, der wiederum in einem Text von Michael Krebber zu seiner aktuellen Ausstellung bei Buchholz…..usw., ja.
    Jetzt also der Reinhardt hier auf der anderen Flanke, und was ich quasi suche ist: Solidarität. Sowas. Denn ich höchstselbst finde mich hier, in dieser Stadt, in meinem Zirkel, leider bisschen allzu alleine wieder als jmd. der sich so ein bisschen verbal frontal mit der ganzen figurativen Fantasy-Malerei anlegt, bisschen meine Gelangweiltheit und Anklage kundtut weil: ich kann dieses ganze Zeug nicht mehr sehen, und es beherrscht viele Hirne wie ein falscher Glaube. Die tapferen Leute vom Bungacast-Podcast schrieben es gestern ganz gut und pointiert unter ihre neueste Folge:

    The long 90s, the „end of history“, was all about inane spectacular art
    The post-crash period gave us discourse-driven hyperpolitical art
    But increasingly, there’s a retreat – to mysticism, the irrational. What’s going on?

    What’s going on indeed, Konsumentenhirn

  • Sonntag, 17.12.2023

    KETAMIN-AUSWIRKUNGEN

    All is calm. Fast. Bei RadioGarden gibt es den Sender Smart Christmas. Standort Bukarest, Rumänien.
    Eine Wintersonne war auf einmal aufgetaucht, die Alu-Schornsteine blenden grellgelb zurück. Vom Blau des Himmels geht so eine Schläfrigkeit aus, angenehm. Überhaupt: der Spirit des Fading Lights —bevor es dann wirklich finster wird, und man ganz allein gelassen wird mit seinen Dunkelheitsgefühlen—ist heftigst uplifting, muss daran denken, wie es, analog zum Schall, der von den Knochen aufgenommen wird, auch bei mir irgendwo anders noch als auf der Netzhaut oder im Hirn ankommt und eindringt, um von dort aus sich auszubreiten. Jetzt fliegt, ganz nah, eine Lufthansa-Maschine durch die sanfte blaue Fläche, die weiße Lackierung strahlt – a mirror to that winter sirup sun. Zwei Vögel verschwinden als Ministriche am Horizont.

    Wieder Besucher im Atelier, ich glaub, ich will das jetzt öfter. Das Gequatsche tut mir gut. Machs den Leuten schmackhaft mit: habe jetzt eine Kaffeemaschine! Natürlich eine billige Filtermaschine, nicht so einen verchromten Lamborghini. Mit einem Besucher wurde es politischer, was ich eigentlich gerne vermeiden möchte, weil mir das alles zu prismatisch geworden ist. Mir fällt aber immer wieder auf, wie viele der Leute hier, ich bin fast geneigt Westler zu sagen, Schwierigkeiten mit der Idee haben, dass Dschihadis sich aus Glaubensmotiven zur ultimativ und finalen Bescheuertheit hinreißen lassen. Das lassen sie wohl, vor allem vor sich selbst, nicht gelten? Oder ist das so unvorstellbar geworden?

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