• Dienstag, 31.10.2023

    WELTBETREUUNG

    Sie würde ihre Bilder „mit dem Rücken zur Welt“ machen, meinte Agnes Martin einmal zu Arne Glimcher, der viel Zeit mit dieser Frau verbracht hatte, all the way through, bis zum Schluss, und ich dachte da: das klingt wunderbar, ich wünschte, ich wüsste, was das eigentlich BEDEUTET.
    Sie drehte sich also ab von der Welt, von allem, was der Fall ist, und was sie dort fand, oder zu was sie dort selbst WURDE, war die Möglichkeit des GELINGENS, die Einzige vielleicht.
    Ich glaube aber, die Abkehr von der Welt bedeutet die Einkehr ins Gehirn. Im Falle Martins also in ein schizophrenes Gehirn. Weder der Welt, noch dem Gehirn will man allein die Verwantwortung für das Machen der Wurst geben, oder? Vielleicht ist man einfach nicht krank genug—und irgendwie freut es mich, dass ich jetzt „man“ geschrieben habe statt „Ich“.

  • samstag, 28.10.2023

    DAYLIGHT SAVING

    Im Internet—diesem noch relativ jungen Teil unserer Welt—gehen in kürzester Zeit tausend Sonnen unter und tausend neue auf.

    Am Ebertplatz immer öfter neues, weirdes Personal.
    Zu den afrikanischen Dealern—ihre Schichten und Anwesenheiten wechseln nach einem System, dessen Muster ich nach drei Jahren immer noch nicht erkannt, geschweige denn verstanden habe—kommen weitere Figuren, neue periphere Körper, in unklaren Umlaufbahnen, meistens irgendwie drauf und kaputt, unklar am Anfang ob selbst Dealer oder Kunden.
    Die zwei, drei von den Jungs, mit denen ich gelegentlich spreche, schütteln den Kopf über diese neuen Gestalten, die sie abwechselnd „crazy“ oder „behindert“ nennen.
    Manchen dieser neuen Gestalten kommt bereits Vormittags ein böser, tiefsitzender Rausch aus dem Gesicht, unangenehm offensichtlich, mit dieser ihm eigenen Binarität im Blick, entleert und gefräßig.
    Wenn man länger hinschaut, sieht man, wie der Rausch im Inneren wirkt, arbeitet, Bewegungen ausführen, abbrechen lässt, Zeit und Wahrnehmung zerteilt, ein Moment folgt auf keinen Vorherigen. Die ganz eigene Verdauung des Highs, das ständig Hunger und Sättigung selbsterzeugt.

    In der Museumsbibliothek, mit zwei Catalogue Raisonné von Ed Ruscha, die frühe Phase, seine beste, 1958-1970. Finde ich eigentlich immer gut: Abbildungen/Faksimiles von Notizbüchern oder, wie hier bei Ruscha, studio-notebooks. Studien und Skizzen lieber nicht in eine Ausstellung packen, künstlich erhöht, sondern so versuchen abzubilden, wie es ihrem Status, ihrer Funktion entspricht.

  • mittwoch, 25.10.2023

    K.I.R.J.B. (Keeping-It-Real-Journal-Beiträge)

    In deutschen Wäldern lauern Schakale, Goldene, las ich, und die Erkältung ist in ihrer letzten Phase, und deren Gesetz lautet: der letzte Schleim hält sich besonders fest an den Nasenwänden, in schleimiger Umarmung weiß er, daß die Zeichen auf Trennung stehen.

    Killers Of the Flower Moon läuft schon im Kino, hab ich zufällig mitbekommen, nachdem ich neulich, im The Guardian, der vielleicht infantilisiertesten Zeitung des Westens, gelesen hatte, wie eine sog. Kulturkritikerin sich in einer Art Beschwerton äußerte, „male directors“ würden ständig zu lange Filme machen, drei Stunden, vier Stunden, das sei ihr, der Kritikerin, zu lang, und ließ so eine Kulturkritik der flachsten Art folgen, die so niveaumässig ganz knapp über dem unausgesprochenen Vorwurf der big dick energy eierte. Für sowas gehen Leute echt studieren, auf Unis, während in ihren Körpern, die in dorm rooms sitzen, die Zellen sterben.
    Chantal Akermans Film Jeanne Dielman, seit 2022 der „beste Film aller Zeiten“ (Sight & Sound Magazine), hat eine Spielzeit von drei Stunden und 21 Minuten.