• freitag, 15.12.2023

    BLACK HOLE RETROGRADE

    Der Monitor—hardest worker in the country—schaltet um in Night Shift, genau in dem Moment, in dem man den Kopf wegdreht. Ein kurzes, kaum wahrnehmbares Flackern am äußersten Sichtfeldrand, und die blaue Lichtmischung, sie wird gelblich, rötlich, cool to warm.
    Warum hatte man nochmal den Kopf weggedreht. Man wollte durchs Fenster sehen. Im Fenster hängt ein schwarzes Rechteck.

    Warum kommt das so interessant, so mysteriös, dieses schwarze Rechteck? Wie es da so extrem banal weiß und klobig eingerahmt ist, von Kunststoff. Man weiß, es ist eine Scheibe Glas. Man vergisst kurz, was man weiß.
    Man sieht einen Obsidian-Spiegel, schwarzes Eis, man ahnt die ganze Welt dahinter, millions now living will never die. Man kann es nicht wegscrollen, man will es nicht wegscrollen, man käme nie auf die Idee.

    Dieser Bereich des Sehens, diese Art zu Sehen, sie gehört noch uns, stellt man fest, ein bisschen happy sogar. Mit Betonung auf noch—vielleicht. Fragezeichen. Man weiß nicht, was übermorgen ist.
    Was man weiß, ist, dass man es tatsächlich spüren kann, wenn die Augen aus dem Corporate Seeing ausbrechen, dem Monitor und dem Terrain, das er anzeigt, minenverseucht, signifikantenverseucht, einen Interesselosen jederzeit mit einem lautlosen blast in die Zwischenwelt der content-Affekte zu befördern. Diese Zwischenwelt ist das Gegenteil von Kunst.

    Man öffnet die Systemeinstellungen. Man lässt Night Shift noch mehr Gelb in die Flüssigkristalle pumpen. Mid-Scroll schaut man rüber, zum Fenster.

  • donnerstag, 7.12.2023

    GELIEHENE FORMEN

    It was cold and then it got warmer, and now it is cold again.
    Ein von TIMECODE eingeschobener Herbsttag brachte sein Licht und seine Gerüche mit. Die Straßen wie graue Schwämme und von den großen Pfützen stieg ein feuchter Modder herauf. Wie schnell das geht, wie schnell das alles umgestellt werden kann, eindeutig und unmissverständlich. Und dann dämmert es schon los. Take and Give.
    In der U-Bahn stieg neulich einer ein, und auf einmal roch es nach Orangenschale. Da dachte ich dann wirklich das erste Mal konkret: Krass, ja, Weihnachten.

    Beim Buchhändler bestelle ich das neue Buch über Sargent, ich komme anscheinend wirklich nicht so richtig los vom 19. Jahrhundert, von den late 1800s, und das Schöne, finde ich, dabei ist, dass ich immer noch nicht so richtig gerafft habe, warum. Es geht nicht um Nostalgie, im Gegenteil: mir kommt das alles ziemlich futuristisch vor. Ist das Blödsinn?
    Bei König löse ich den restlichen Gutschein ein—ich schreite sicher eine Stunde die Neuauslage und das große Regal ab, ich weiß, ich WILL etwas, aber ich kann nicht genau eingrenzen was, option paralysis, und dann, als ich schon fast aufgebe, fällt mir Milton Avery ein, und tatsächlich steht der Royal Academy Of Arts Katalog da, und er ist spottbillig.

    Jan-Ole hat, als er letzte Woche bei mir im Atelier zu Besuch war, den ganzen Tag eigentlich, völlig richtig gesagt: ich müsste halt für mich entscheiden, ob ich nun wirklich konzeptuell vorgehe, auch im Sinne der eigentlichen Fortbewegung des Denkens und Ausführens, oder ob ich nun doch „ein Maler“ bin, und dementsprechend Signale sende. Und obwohl ich diese Frage für mich eigentlich schon lange geklärt erachte, wusste ich sofort, was er meinte. Habe ich mich da selbst im Unklaren gelassen? Nein. Ich glaube, ich habe in dem Moment die Außensicht, auf mich und die ARBEIT (ugh), in ihrer Ganzheit begriffen. Die Leute wissen nicht, was sie von mir denken sollen, wie ich einzuordnen bin. Das verwirrt sie. Und ich müsste jetzt mal für mich herausfinden, wie ich damit umgehe, denn eigentlich halte ich diese Verwirrung für gut, und es ist vielleicht auch genau das, was ich will, weil ich denke: so müsste es auch sein. Ich denke im Prinzip: ich mache das so, weil ich es kann.
    Das Problem ist das: die Schwierigkeit der Kategorisierung, bzw. diese vermeintliche Unkategorisierbarkeit, von der rezeptiven und perzeptiven Seite her, ist ein Privileg, das man ausschließlich für den Rückblick, sozusagen den Werkkatalog, die Rückschau bereithält. Fast jeder Catalog Raisonné beginnt mit einer Einführung a la: ihr/sein Werk entzog sich stets jedweder Form der einfachen Kategorisierung, so in dem Sinne. Für den lebenden Künstler aber, für den oder die Kunst-enstehen-lassenden, ist das aber—so lässt es einen die Außenwelt spüren, wenn man nicht den ganzen entsprechenden Lobby-Apparat hat, eigentlich wie ein Hinrichtungstermin.

    His mood was gay, his course laid out without any deviation – direct and seemingly untroubled.

  • Mittwoch, 22.11.2023

    IDEA AS DECORATION

    Die Komposition von Stephen Prina, die die sechs Streicher da spielten, ist gar nicht von Stephen Prina. Das sei Mozart gewesen, sagte mir Boscher einen Tag später, als wir uns unter tief hängender, schwarzer Hallendecke auf der MESSE begegneten—man sagt nur „Messe“ unter uns somewhat Involvierten, ist ja klar, daß wir unsere Branche meinen.
    Später hörte ich noch jemanden sagen, dass die Hallendecke wirklich ermattend tief ins Messedasein hinge, ins Diesseits, und ich wollte dann anmerken, dass es daran liegt, dass auch der Boden schwarz angemalt sei, und man so in eine dunkle Klammer genommen werde, deren Dellen, die sie auf der Psyche zurücklässt, man erst wahrnimmt, wenn man schon wieder draußen ist, in der großen begehbaren, allumfassenden Installation namens REALISM.

    Auf Nachfrage hörte ich mich auf der Messe außerdem antworten, ich fände es ziemlich trashy diesmal, aber schon während ich es aussprach, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich genau das nicht schon die letzten zwei oder drei Jahre gesagt hatte, den selben Eindruck gehabt hatte. Eine matschige Pfütze ist so ein ganzes Jahr, murky waters. Je konzentrierter ich mich zu erinnern versuchte, desto weniger kam da, desto mehr Nichts flimmerte vom Rande der Erinnerungsbemühung her, ein blasses Licht, ein grauer Punkt.
    Man ging von einem Provisorium zum nächsten, man fragte sich, ob das alles nicht nur daran liegt, daß sich dieses schöne Geheimnis der Kunst zu sehr herumgesprochen hatte, ob nicht mittlerweile einfach zu viele davon gehört hatten, und meinten, da mitmischen zu wollen. Auch ich bin schuldig, aber ich habe einen Auftrag, kein Witz.

    Ein paar Tage vor der Messe war ich nachts aufgewacht, gegen halb Fünf. Wusste nicht, warum. Ich schlief auch nicht mehr ein, und las mit müden Augen ein bisschen weiter in Carrère’s Buch V13, über den Bataclan-Prozess. Als ich das Kapitel „Nadia“ gelesen hatte, spürte ich durch die Müdigkeit hindurch, das mir Tränen in den Augen standen. Ich wusste, warum. Ich drehte mich um und schlief sofort ein.