• montag, 16.10.2023

    SOME DIZZY WHORE, 1804

    And who do you think crafted this place anyhow? The loyalist Tories? The floating diplomats?

    Gut, dass ich einen großen Friedhof in der Nähe habe. Wenn mir nicht mal mehr das Gewicht eines Meisenknödels in den Sinn kommen will, gehe ich dorthin. Falls er mir einfällt, der Friedhof.
    Zwei Dinge: die Italiener mögen es, ihren Toten noch ein kleines Porträt-Foto direkt auf den Grabstein mitzugeben, in ovaler Vignette. Sempre sei nostri cuori. Von einem hellen, pervers rundgeschliffenen Marmorklotz her wird man dann angeschaut. Die „Flachheit“ des Bildes, die e w i g e Flachheit des Bildes wird einem dann schlagartig klar.

    Der Friedhof ist wie ein Wald im Wald, ein geheimer Ort.

    Die andere Sache: in den großen, bauchigen Drahtkörben, die auf Friedhöfen die Mülleimer für Blumen und Unkraut sind, und deren extravagantes, geräumiges Format das deutsche Din-Norm versaute Hirn naturgemäß leicht erregen muss, liegen vereinzelt Sträuße, zerknickt und wild, die Blüten jedoch noch von starker Farbe, leuchtend. Sie sind die nächste Verwandtschaft an diesem Ort.
    Vorbei an zweihundert Jahre altem schwarzen Stein, in den kalkweiße Namenstafel eingelegt sind, zweihundert Jahre alte Fraktur, von Tannennadeln bestreut, braun und trocken.
    In einer Allee, die von den hohen, selbst schon greisenhaft gebeugten Tannen in ein unbeschreiblich andersartiges, aber nicht ZU andersartiges Licht getaucht werden, bleibe ich viele Minuten stehen. Obwohl es taghell ist, ist es hier, in dieser Allee, auch dunkel, und die wachsigen Rinden der Bäume, die aus der Nähe wie Pappmaché wirken, haben ein extrem schönes Rotbraun, warm und wie das Leder der schönsten Schuhe.

  • sonntag, 1.10.2023

    OKTOBER

    Am Normalofenster, morgens.
    Ruhig, wolkenlos, die Sonne kommt milde, gnädig. Zwei kurze Dunststreifen hängen parallel zueinander, völlig allein und horizontal im Blau, wie Fontana-Cuts.
    Vom Licht her mehr noch Sommer, als es der bereits in der Luft liegende Winter annehmen lässt. Das Schöne am Frühherbst, dieses Zusammentreffen. Eben sah ich die weißen Pfoten einer Katze hinter einem Fenster mit Gaze herumwischen, jetzt dringt dumpf die Musik eines Trommelbatallions herüber, und im nächsten Moment ist sie zerstoben und an ihrer Stelle ist die Düse eines Flugzeugs. Das Trommeln wird mit dem Marathon zusammenhängen, damit beschäftigt sich die Stadt heute. Jetzt dringt auch der Deodorant-Gestank von den Nachbarn durchs Fenster rein, und es wird langsam ein bisschen voll hier.

    Vorgestern und Gestern gedacht, jetzt ist es wieder soweit, ein MacBook stirbt erneut. Ich war sehr gefasst, aber auch etwas nervös (kein Backup) und, scheinbar, nicht ohne Widerstand, denn, obwohl man mir bei Gravis schon den nahen Tod so gut wie prophezeite, wollte ich das nicht akzeptieren und googelte, wieder zuhause angekommen, etwas, das Problem betreffend. Und dann las ich was von einem SMC-Reset, und das probierte ich aus, und, siehe da: GENAU DAS war das Problem? Der Computer unterlässt seitdem alle Zickigkeiten, und ich hatte das Gefühl, meine Idee von Zuversicht wurde belohnt.

  • samstag, 23.9.2023

    WOLKENSTUDIEN

    Ohne wirklich zu wissen, warum, ohne meine Absicht irgendwie selbst klar zu sehen, habe ich jetzt sieben Mal ein Bild gemalt. „Das gleiche Bild“ gemalt, müsste es wahrscheinlich, ganz korrekt, heißen. Dasselbe Motiv, nach immer derselben Vorlage (iPhone Foto, selbst geschossen, vom eigenen Fenster aus). Heraus kommt niemals dasselbe Bild. Wie wir Menschen niemals etwas w i r k l i c h reproduzieren können, selbst wenn wir es wollten. Die Maschine ist ein anderer.
    Gerade interessiert mich ein Bild vor allem dann, wenn es motivisch möglichst unoriginell daherkommt.
    Sei es, weil es ein Motiv ist, dass kunsthistorisch überladen, und somit eigentlich komplett entladen ist, oder, weil es in der jeweiligen Einheit von GEGENWART, im volatilen Wertesystem des Optischen Zeitalters, keinerlei Lobby hat. Ich mag diese Idee: dass Bilder eine Lobby in der Kultur haben, es bestimmte Abbildungs- und Darstellungstrends gibt, die durch ein eigenes—ähnlich dem Prinzip eines Overton-Fensters—empfindliches Einigungssystem bestimmten Werten zugeordnet sind. Eigentlich ein bisschen wie Währung, wie Geld, wie Gold.

    Folgendes kann jetzt mit diesen Bildern passieren: ich mache noch weitere, weil ich meine, dass da noch etwas geht, ich auf irgendwas zuarbeite, das ich jetzt noch nicht in Gänze erkennen kann. Wenn nichts mehr damit geht, habe ich zumindest geübt, habe das Material angewendet und allein darüber wieder einmal die Bestätigung erfahren, wie unendlich toll es ist, mit Ölfarben zu arbeiten, dieses buttrige Zeug hin und her zu manövrieren. Da ich immer mehr glaube, dass Malerei eigentlich hauptsächlich daraus besteht, aus der Auseinandersetzung mit dem MATERIAL der Ölfarbe, und nicht so sehr aus den Ideen oder Motiven usw.
    Warum sollte ein Motiv, oder auch kein Motiv (Abstrakte Malerei), nicht bloß Vorwand sein, um sich endlich wieder in den direkten Kontakt mit den Materialien zu begeben?