There is something about music that is not visionary. Das Nichtvisionäre, in Musik und Kunst. Der Irrtum des Voraussehens im Kunstwerk. Find ich ja auch… Weiter erzählt Feldman im Interview mit Charles Shere (Juli 1967) von einem dieser verfestigten Kindheitsmomente, der diesen Gedanken über Musik bildlich in sich führt: ganz hinten, im letzten Waggon der Untergrundbahn, in die Haltestelle einfahrend aus dem dunklen Tunnel: getting into the station, in the last moment, by looking backwards. So sei auch Musik für ihn, so Feldman. Denk ich öfter dran jetzt.
Den Tag im Graben verbracht. Nachts wieder im Granatloch.
Mit Michigan-Jon in seinem Garagenatelier. Hinter dem in der Late-Late-Sommerbrise schwimmenden Stück Nesseltuch, das wie als Andeutung eines Vorhangs da hängt.
Die Manhattan Art Review bringt das Tillmans-Problem (das ein Artworld-Problem ist) auf den Punkt: The work still feels like Instagram, i.e. images that seem random but are actually enacting a tightly-delimited mode of variations, and the painfully „playful“ hanging only emphasizes how narrow his apparently liberated parameters are. Gibt aber auch Leute, die würden sagen, braucht keine Lösung weil gibt kein Problem.
donnerstag, 7.9.2023
MATADORIN DER MATERIE
Der Surrealismus in der Bildenden Kunst ist eine Angelegenheit, deren externe Umstände mich mehr interessieren, als seine internen Erzeugnisse. Das fiel mir gestern wieder auf, als ich unter breiter Sonne in gelbem Gelenkbus dahinfuhr, Richtung Charlottenburger Schloss. Im ehemaligen Ägyptischen Museum Berlins befindet sich eine Art outpost der Nationalgalerie, die Sammlung Gerstenberg. Hauptsächlich Surrealismus, viel Max Ernst (zu dem ich eine Haltung habe wie zum Surrealismus generell), aber auch, und das fand ich dann wiederum gut: eine kleine Linie hin, zurück, zu früheren Ideen von, nennen wir es, imaginiertem Realismus, Goya, Manet. Verblüfft war ich ob der Wirkung, die eine Reihe von großen Piranesi-Radierungen auf mich ausübte (aus . Sie zeigten imaginierte, dabei extrem detaillierte Kerker/Gewölbe/Dungeon-artige Szenarios, manchmal mit Figuren, in Vorhölle-Limbo, die Häupter gesenkt in ewiger Damnation, in Ketten, an Pfählen, vor Gruben in denen Bestien warten, oder aber diese Radierungen waren bloße Darstellung von, ja, liminal spaces, Psychoräumen bzw. Psychogewölben. Durch die stramme Schwarzweiss-Optik verlieh das dem ganzen nochmal einen Push hin in Richtung Pathos, aus heutiger Sicht könnte man sagen, auch extrem nah an einer Campness. Ich fühlte mich sehr immersiviert, von ein bisschen Druckerfarbe auf 300 Jahre altem Papier. Die Materie, das Material von Kunst ist vielleicht immer noch der Faktor, den die Digitalität noch nicht überholt hat?
montag, 4.9.2023
WRESTLEMANIA
Eine neue Woche, um bei Sonnenschein durch (hoffentlich) Kunstproduktion Objektivität mit Mitteln der Subjektivität herzustellen, aber: Ich war zu früh im Biomarkt. Eine Frau im grünen Biomarkt-Poloshirt ließ mich irgendwie milde gedemütigt mit dieser Aussage und meinen drei lächerlichen Artikeln im Körbchen da stehen, während sie an irgendwas rum räumte, und mir das so im Weggucken hinsagte, und ich, grade erst sozusagen literally aus dem Bett gefallen, noch so nichtwach, dass ich kurz, Sekunden, nicht wusste, wie es jetzt weitergeht, mit mir und den Einkäufen. Sollte ich das jetzt einfach stehenlassen und für zehn Minuten vor die Tür gehen oder wie? Nie wieder kommen gar? Sie machte mir keine Vorschläge, wie wir das jetzt sauber lösen könnten. Aber der Mann, von dem ich nur noch die Ohr-Tunnel erinnere, machte den Vorschlag, ich könne ja vorne beim Bäcker-Thresen bezahlen, der habe nämlich schon auf—solange ich kein „abzuwiegendes Gemüse“ dabei hätte. Null Gemüse, somit: Ja klar, dann mach ich doch das, vielen Dank. Naheliegend eigentlich. Aber warum hat das die Tussi nicht vorgeschlagen?
Gestern umrundete ich den ganzen beflaggten Entertainment-Trubel am Kulturforum (Soundcheck auf der Musikbühne: „Test Test, Hiphop hat mein Leben gerettet, test test“), um mir die Dürer-Ausstellung anzuschauen (wunderbar morbide, aber etwas zu crowded), und um Visite zu machen bei den Holbeins, den Franz Hals’es, den Van Dycks. Die Ruhe, die diese Bilder umgibt, sind Teil der Bilder selbst.
Tags zuvor traf ich mich mit Martin, und dieses Treffen bewies für mich, dass es das (noch) alles gibt: so eine Art Grundverständnis—nein, nicht Verständnis, aber so eine Grundsympathie, auf deren Basis sich dann schönerweise herausstellt, dass man sich einerseits fremd sein kann, aber andererseits über das Sprechen, den Austausch von Meinungen, Informationen, Sichtweisen, so eine zivilisatorische Nähe herstellen kann, ohne dass man ständig alles gleich, ähnlich usw. finden muss. Die Freude kommt dann eher von dem Gefühl, dass man hier lebhaft sich unterhält einfach, also mitten drin statt nur dabei, gell.
Bei Phips hier stand Hanna Engelmeiers Trost-Buch, und ich habe endlich mal ein bisschen darin gelesen. Und Trost, ob man ihn nun zu brauchen meint, oder nicht, liegt in jedem Feldman’schen Ton, und Trost kam auch aus den alten dunklen und kugeligen Augen dieses alten Hündchens hier unten, HEUTE MORGEN, als ich zurückkam vom Biomarkt, in dem ich zu früh war.