• samstag, 28.10.2023

    DAYLIGHT SAVING

    Im Internet—diesem noch relativ jungen Teil unserer Welt—gehen in kürzester Zeit tausend Sonnen unter und tausend neue auf.

    Am Ebertplatz immer öfter neues, weirdes Personal.
    Zu den afrikanischen Dealern—ihre Schichten und Anwesenheiten wechseln nach einem System, dessen Muster ich nach drei Jahren immer noch nicht erkannt, geschweige denn verstanden habe—kommen weitere Figuren, neue periphere Körper, in unklaren Umlaufbahnen, meistens irgendwie drauf und kaputt, unklar am Anfang ob selbst Dealer oder Kunden.
    Die zwei, drei von den Jungs, mit denen ich gelegentlich spreche, schütteln den Kopf über diese neuen Gestalten, die sie abwechselnd „crazy“ oder „behindert“ nennen.
    Manchen dieser neuen Gestalten kommt bereits Vormittags ein böser, tiefsitzender Rausch aus dem Gesicht, unangenehm offensichtlich, mit dieser ihm eigenen Binarität im Blick, entleert und gefräßig.
    Wenn man länger hinschaut, sieht man, wie der Rausch im Inneren wirkt, arbeitet, Bewegungen ausführen, abbrechen lässt, Zeit und Wahrnehmung zerteilt, ein Moment folgt auf keinen Vorherigen. Die ganz eigene Verdauung des Highs, das ständig Hunger und Sättigung selbsterzeugt.

    In der Museumsbibliothek, mit zwei Catalogue Raisonné von Ed Ruscha, die frühe Phase, seine beste, 1958-1970. Finde ich eigentlich immer gut: Abbildungen/Faksimiles von Notizbüchern oder, wie hier bei Ruscha, studio-notebooks. Studien und Skizzen lieber nicht in eine Ausstellung packen, künstlich erhöht, sondern so versuchen abzubilden, wie es ihrem Status, ihrer Funktion entspricht.

  • mittwoch, 25.10.2023

    K.I.R.J.B. (Keeping-It-Real-Journal-Beiträge)

    In deutschen Wäldern lauern Schakale, Goldene, las ich, und die Erkältung ist in ihrer letzten Phase, und deren Gesetz lautet: der letzte Schleim hält sich besonders fest an den Nasenwänden, in schleimiger Umarmung weiß er, daß die Zeichen auf Trennung stehen.

    Killers Of the Flower Moon läuft schon im Kino, hab ich zufällig mitbekommen, nachdem ich neulich, im The Guardian, der vielleicht infantilisiertesten Zeitung des Westens, gelesen hatte, wie eine sog. Kulturkritikerin sich in einer Art Beschwerton äußerte, „male directors“ würden ständig zu lange Filme machen, drei Stunden, vier Stunden, das sei ihr, der Kritikerin, zu lang, und ließ so eine Kulturkritik der flachsten Art folgen, die so niveaumässig ganz knapp über dem unausgesprochenen Vorwurf der big dick energy eierte. Für sowas gehen Leute echt studieren, auf Unis, während in ihren Körpern, die in dorm rooms sitzen, die Zellen sterben.
    Chantal Akermans Film Jeanne Dielman, seit 2022 der „beste Film aller Zeiten“ (Sight & Sound Magazine), hat eine Spielzeit von drei Stunden und 21 Minuten.

  • montag, 16.10.2023

    SOME DIZZY WHORE, 1804

    And who do you think crafted this place anyhow? The loyalist Tories? The floating diplomats?

    Gut, dass ich einen großen Friedhof in der Nähe habe. Wenn mir nicht mal mehr das Gewicht eines Meisenknödels in den Sinn kommen will, gehe ich dorthin. Falls er mir einfällt, der Friedhof.
    Zwei Dinge: die Italiener mögen es, ihren Toten noch ein kleines Porträt-Foto direkt auf den Grabstein mitzugeben, in ovaler Vignette. Sempre sei nostri cuori. Von einem hellen, pervers rundgeschliffenen Marmorklotz her wird man dann angeschaut. Die „Flachheit“ des Bildes, die e w i g e Flachheit des Bildes wird einem dann schlagartig klar.

    Der Friedhof ist wie ein Wald im Wald, ein geheimer Ort.

    Die andere Sache: in den großen, bauchigen Drahtkörben, die auf Friedhöfen die Mülleimer für Blumen und Unkraut sind, und deren extravagantes, geräumiges Format das deutsche Din-Norm versaute Hirn naturgemäß leicht erregen muss, liegen vereinzelt Sträuße, zerknickt und wild, die Blüten jedoch noch von starker Farbe, leuchtend. Sie sind die nächste Verwandtschaft an diesem Ort.
    Vorbei an zweihundert Jahre altem schwarzen Stein, in den kalkweiße Namenstafel eingelegt sind, zweihundert Jahre alte Fraktur, von Tannennadeln bestreut, braun und trocken.
    In einer Allee, die von den hohen, selbst schon greisenhaft gebeugten Tannen in ein unbeschreiblich andersartiges, aber nicht ZU andersartiges Licht getaucht werden, bleibe ich viele Minuten stehen. Obwohl es taghell ist, ist es hier, in dieser Allee, auch dunkel, und die wachsigen Rinden der Bäume, die aus der Nähe wie Pappmaché wirken, haben ein extrem schönes Rotbraun, warm und wie das Leder der schönsten Schuhe.