• mo, 19.1.2026

    I JOINED THE MONASTERY OF ART FOREVER

    A man has no concept of a straight line unless he has seen a crooked one. Da ist was dran, und da hinten, wo Parkhäuser und riesige hohle Rechtecke aus dem Boden wachsen, da ist ein Gebilde mit dem Namen Marsdorf. Da muss ich hin, mit der Strassenbahn, und der Tag ist noch jung, und das Jahr jung an Tagen.
    Ich fuhr—I was taking a ride in a streetcar named Obdachlosensmell—die Aachener Strasse in westliche Richtung, am Friedhof Melaten vorbei, am Stadtwald vorbei, hinter den Gürtel, wo sich durch grosse Stadtvillen, in denen es grosse Räume hat, das frühe, vorherige Jahrhundert zeigt, und mit ihm die Ahnung von einer Stadt, die niemand mehr kennt.
    Dann kommen generische Kuben, an denen sich Edelstahl rankt, und Flachbauten, mit diesen irren Ideen des Bauwesens aus vorherigen Jahrzehnten, in denen man Häuser mit Kieselsteinen panierte.

    In einem dieser Flachbauten ist ein riesiges Zentrum für Mammografie, ein „Brustdiagnostisches Zentrum“, und später, auf dem Rückweg, steigt an der Haltestelle gegenüber eine Frau mit ihrem Mann zu, sie trägt ein Kopftuch, sie hält ein Schreiben in der Hand und nennt den Namen von etwas, das nur ein Medikament sein kann, und kommentiert es routiniert, lässig, mit Expertise, und dann gehen ihre Augen weiter über das Schreiben, und sie sind völlig ohne Wimpern. Am Himmel ist keine Wolke auf Reisen, und ich bekomme nicht schlechte Laune, aber eine, die mich am Melaten aussteigen lässt, ich bin neugierig, vielleicht self-sabotaging, und ich will sehen, was der Gang über den Friedhof anrichtet.

    Es ist viel zu kalt dafür, dass ich nur mein Sakko trage. Ich atme die Luft tief ein, die einzigen Farben, die nicht ein irgendwie geartetes Grau oder Braun sind, sind die Plastikgiesskannen an der einen Ecke, die fabrikneu-bunt und aneinander gedrängt wie schlafende Fledermäuse einen grellen, lebhaften Jeff Koons-Effekt in das dunkle Spektrum von Erdtönen abstrahlen. Look out for the crooked lines.

    Mein Ziel ist der Ausgang zur Strasse auf der anderen Seite, von dort sind es nur noch 200 Meter zu meinem Atelier. Nach ein paar Minuten überhaupt nicht Tod-beschwerten Gehens, sind an den Rändern des Blicks die Grabstätten doppelt und dreifach so gross geworden wie noch kurz zuvor. Gotische Spitzen, die Breite der Moderne. Ich bleibe stehen und hole mein Notizbuch raus, ich will etwas notieren, ich weiss nur noch nicht, was. Ich schaue nach links und notiere, zeichne, was ich dort lese:

    Dr. Guido
    Westerwelle

    27. DEZ 1961

    18. MÄRZ 2016

    Über dem Stein steht auf einem Sockel, schwarz, eine aus seinen typischen knolligen Formen zusammengesetzte Büste von Markus Lüpertz.

    Ein paar Tage zuvor hatte ich mit umherschweifendem Blick, der mein Maschinengewehr ist, Folgendes gesehen: ein Mann, Typ Handwerker, hatte eine Doppelseite aufgeschlagen, deren Abkunft im Nachhinein zu bestimmen ich mir verbot, und oben prangte in fetter, dezenter Serifenschrift hingedruckt die Schlagzeile: Zukunft der Menschheit völlig unklar

  • sa, 17.1.2026

    VON EITRIGER ANZIEHUNGSKRAFT

    Ich muss, bevor ich hier schreibe, die Fenster weit aufreissen. Der Nachbarin Deodorant verseucht hier das Ghetto. ARMUT hat viel mit Lärm und Gerüchen zu tun.

    Zur gleichen Zeit, an einem anderen Ort: drehen die Cinghiali gerade im Serpentara ihre Runden? Was riechen sie?

    Life is what happens in books, oder? Piloten und Crew des B-52er mit dem Namen Long Tall Sally, way up there, fünfzig Tausend Fuss über und parallel zum Südchinesischen Meer, schreibt DeLillo, Anekdoten, durch den Kriechgang hindurch, über die Stationierung in Grönland und…
    —nee, okay, ich wollte lediglich sagen, feel its rhythm: Serendipität
    yes, I’m taking a dip

    Letzte Woche, im Oxford-Interview mit Conan O’Brien, das ich mir auf YT ansah, sagte er diesen einen Satz, von dem ich denke, oder ahne eher, dass er sehr viel über das Kunstmachen aussagt. Wurde notiert, denke öfter dran.

    „Everything you need to know happens in a small environment, and everything else is just about scale.“

  • mi, 7.1.2026

    RUBBER VOMIT BLOB

    Trat an den in weissem Marmor gehaltenen counter der kleinen Segafredo®-Filiale im Hauptbahnhof und damit direkt in eine riesige und sich gerade öffnende Duftblume von Desinfektionsmittel, das mich kurzerhand durch einen neuronalen Tunnel—Nostos divides, Algos unites—in den Kreißsaal zurück sog, scharf und plastisch und schneller als das weisse Licht, das den counter hier vor mir erleuchtete, hinter dem die Frau in dem schwarzen Polohemd mit besticktem Schriftzug nun meine Bestellung erwartete.

    Der Espresso, den ich dort trank, verursachte für den Rest des Tages eine Flatterhaftigkeit in mir, flache Atmung, hoher Blutdruck (?), eine Art Nervosität, eine wie beständig an meine Nervenenden heran schwappende Ahnung von irgendeiner Schwellenübertretung, die dann aber nie passiert, als körperlicher Gesamtzustand. Als stünde ich den ganzen Tag am Klippenrand zu Etwas.
    Diese Idee, dass es am Espresso gelegen haben könnte—keine besonders gute—kam mir erst später, abends, genau genommen auf Platz 12 der Reihe 15, im Konzertsaal, auf dessen Bühne fast im selben Moment ein Musiker des Ensemble Modern die kleinen runden Köpfe der Schlägel auf die grossen Marimbas hernieder liess, und ich wiederum, für eine lange Sekunde dachte, ob ich jetzt, hier, in gedämmtem Saallicht, eine Panikattacke bekomme.

    Heute vor 1 Jahr Flug nach NY, Aufbau Ausstellung „Tip Jar Mud Flap“.

    Noch liegt der Schnee von Montag. Teils wie gedacht, teils als begehbarer Slush. Die Kälte kommt von unten und von oben.

    Geniesse den Text von Bahners über das neue Frick. Ich geh quasi mit ihm dadurch, womit ich meine: Satz und Raum.
    Du glaubst, auffer Bohrinsel ist harter Job? Sey mal Thomas Cromwell für ne Woche.