• Mittwoch, 13.4.2022

    ZWEI MEERSCHWEINCHENFRAUEN

    Als der Zug schon fast in Spandau einfuhr, kam ich mit meiner relativ neuen Sitznachbarin ins Gespräch, einem vielleicht 9- oder 10-jährigen Mädchen. Sie war mit ihren Eltern und ihrem etwas älteren Bruder zugestiegen, ich weiß nicht mehr wo, und sie saß die ganze Zeit superruhig und mit ihrem großen Stoffhasen im Arm neben mir, las irgendwann recht lang in einem Buch. Sie schien mir so altmodisch mit ihrer Ruhe. Vielleicht, weil sie kein ADHS hat. Die ganze Familie war so ruhig. Ich war am Computer und arbeitete an einem Poster herum. Auffällig war des Mädchens Pulli, auf dem ebenfalls überall kleine Häschen drauf waren, aber im Bambi-Stil, mit Manga-Augen.

    Irgendwann fragte sie mich, ob ich das Buch geschrieben hätte. Buch? Sie meinte das Poster auf dem Laptopbildschirm, das wie ein Buch-Cover aussah. Da hatte sie mich natürlich schon für sich gewonnen. Ich fragte sie im Gegenzug, ob sie so etwas wie ein Häschen-Fan sei? Sie gluckste auf, als sei ihr dieses Fashion Statement jetzt erst selbst aufgefallen (Frauenlüge, meine Meinung), und gab dann aber zu, dass Hasen schon sehr süß seien, sie selbst habe aber zwei Meerschweinchen, die aber, im Prinzip, ja so etwas “wie Hasen” sind, und die Meerschweinchen seien beide “Mädchen, also Frauen”, so daß – schon klar, hab ich voll verstanden. Jetzt, wo wir bei Tieren waren, fand sie von einem Satz zum nächsten, und sie begründete ihre Faszination für Skorpione zB damit, dass sie selbst “Sternzeichen Skorpion” sei. Spinnen mag sie aber, nur weil sie Skorpione gut findet, deswegen nicht. Für Schlangen brennt sie aber, wie sie mir versicherte, und ich gab ihr den Tipp, vielleicht mal in den Berliner Zoo zu gehen, ins Terrarium, da ginge skorpionmässig vielleicht was (auf Pfefferminzgarnelen kamen wir gar nicht) , da fragte sie gleich bei den Eltern nach, ob man das noch in die Planungen einbauen könnte.

    Irgendwann mittendrin, da bekam sie einen selbstreflexiven Moment, vom vielen Sprechen. Sie wunderte sich darüber, dass sie mit mir redete. “Eigentlich bin ich schüchtern”, sagte sie. “Ich auch”, antwortete ich wahrheitsgemäß.

  • Dienstag, 12.4.2022

    JOHN REED MORE THAN FITNESS

    11:26h. Welche Klingeltöne sportet das VOLK? Einfach mit dem Zug fahren, da erfährt man das.

    Beim Einsteigen am frühen Morgen noch diffuse Befürchtungen, der Bahnsteig voll mit Alman-Jungeltern, die alle so aussahen, als hätte man sie mit einer Kanone in ihre Funktionskleidung geballert. Mehr Arschritzen als beim Handwerker-Ball. Hunderte Kinder. Bisher aber Kinder alle lieb, ich habe sogar echte Bewunderung für diese Mütter, die mit der berühmten Engelsgeduld mit ihren Kindern sprechen.

    Jetzt Hannover and yonder. In den noch kahleren Bäumen jede Menge frische Vogelnester zu sehen. Im Zug mehr Jogginganzüge. Glaube, eben im Bordbistro sah ich die ersten, wo ich dachte: ukrainische Flüchtige? Wahrscheinlich. Der überfreundliche Gay im Bistro wärmte mir den Brownie sogar auf. Das ist keine Metapher, übrigens.

  • Samstag, 9.4.2022

    RATS WITH WINGS

    Vor ein paar Wochen, vor dem Krieg, es war ein sonniger Morgen gewesen und ich war auf dem Weg rüber nach Ehrenfeld, fand ich mitten in einer riesigen Pfütze kräftigen Sonnenlichts, das aus jeder von ihr bestrahlten Oberfläche noch die saftigste Chroma herauszuholen vermag, eine Taube auf dem Boden liegen, direkt vor noch in Preußenzeit errichtetem Mauerwerk, rußig und alt, und die Taube wunderschön tot und hingestreckt, die Taubenaugen geschlossen. Sie sah so aus, als habe ich ihr Ende nur knapp verpasst. Fast metallisch schimmerte es Grau und Braun und Blau, tief bis in die vielen kleinen Schatten hinein, die ihren Körper bedeckten, in den kleinen Schluchten auf den Flügeln. Was geht es auch die Sonne an.

    Das Tier lag verkehrtherum, wie so ein bescheuerter Baselitz, mit dem Kopf zu mir hin. Der Tod wurde dadurch irgendwie anders dargestellt, sanfter, heiliger, ophelier, ich hatte Lust, mit dem Finger die geschlossenen Augen zu berühren, darüber zu fahren, die dünne Haut der Lider. Dann nahm ich mein iPhone und machte ein Foto dieser Szene: Art is what happens to me. So HATTE ich all das schonmal, für mich, und egal wann und ob und wie ich etwas damit mache: es wird diese Schönheit niemals verlieren, niemals. Ich kann es dir auf dem Display zeigen.

    Sometimes I’ll turn on the radio and listen to a talk program from Boston or New York. I can’t stand recorded music if I’ve been drinking a good deal.