• Dienstag, 19.4.2022

    VIA BOLZANO

    Ob er, frage ich Philipp, wüsste, dass da, gleich in der Bozener Straße, Gottfried Benns Wohnhaus steht? Sicher weiß er das. “Und Benjamins in der Prinzregentstrasse”. Ich bin jedenfalls etwas verknallt, das ist grade meine Lieblingsstraße. Gehe ich zum Bayerischen Platz runter, bleibe ich jedes Mal an der Mündung der Straße stehen, und schaue da rein wie in so eine Schatulle, oder gehe da einmal hoch und runter, wie andere einen Song hören würden, der ihnen gute Laune macht. Jetzt, im Frühling, wenn die Sonne hoch steht und sich absolut zügellos in dieser Straße ausbreitet, wird jedes Haus in so einen Zustand gehoben, die Rundheit und Bogenhaftigkeit, Schartenfenster wie Kiemen, durch die das Haus atmet, die schattigen Balkone und Nischen hinter den Säulen, wo schwere Haustüren locken, so brutal schön und geheimnisvoll. Und eben nicht nur ein Haus, alle Häuser. Stelle mir vor, träume, wie sich die Leben in der Straße anfühlten, ob selbst diese Schönheit, die gebaute und künstliche, von Routine eingeebnet würde, die Aufmerksamkeit dafür nachlässt, broke on Sinnlichkeit, weil es so läuft, weils normal ist.

    Gestern fand ich mich auf anstrengende Art von zwei entgegenwirkenden Kräften in meinem Kopf in einer Mitte gehalten, hineingepresst eher. In solchen Momenten fühle ich mich, ein vierzigjähriger Mann, wie ein achtjähriger Junge, erfahrungslos, chaotisch, leicht zu irritieren. Dabei tauchte irgendwann eine Katze auf, ein fremder Kater, den niemand kannte, und der sich offenbar ähnlich orientierungslos fand, wie ich, der neugierig, lieb und zutraulich war, und ich fragte mich, wieso kann der das, und ich nicht.

  • Sonntag, 17.4.2022

    VOM VERFASSUNGSSCHUTZ BEOBACHTET

    Als ich dann im Bett lag, am Ende eines Tages, an dem ich auch für immer hätte wach bleiben können, glühten mir Gesicht und Lippen noch etwas nach. Es war der Tag als solcher, der über den Umweg des Sonnenlichts einen besonders prägnanten Auftritt hingelegt hatte, and now my heart is full (?), und der mir jetzt als erhitztes Gesicht noch nachhing, alle Momente gleichzeitig. Inshallah, ich habe Zeugen. Hätte ich alles morgens, noch bevor ich das Haus verließ in Richtung Gauguin, nicht ahnen können. Warum hieß diese Ausstellung eigentlich “Why Are You Angry?” Hatte Andreas Kilb das auch erwähnt, in seinem Text? Man war jedenfalls überhaupt nicht mehr angry, als man vor den Manets stand.

    Ich weiß noch GENAU, wie es damals war, gestern: ich saß nämlich unter einem dermaßen blauen Himmel, vor der AN, die wie eine ausgeschnittene Schablone vor dem ganzen Blau sich abhob, rauchte eine Zigarette, da kam auch schon meine Verabredung und flötete Hallöchen, während überall um uns herum geheiratet wurde und Hunde herumliefen und Girls in kleinen Schwadronen sich gegenseitig abfotografierten, mit der Hüfte so GNTM-mässig eingeknickt, und Spanier ihre 90er-Jahre Frisuren trugen. Manches bleibt einfach für immer. Danach gab es Lachs und Aal, dazu Bier am Mittag, und richtig gute Laune, und dann gab es einen Plot twist, der in der Outline der Geschichte nicht erwähnt war, nicht vorgesehen, und was man feststellen kann, ist, dass es viele Arten des Schreibens gibt, der Verfassungsschutz hat nichts gegen uns in der Hand, und ich fühle Zuneigung, für die ich noch keine Form gefunden habe, aber ich fand, dass du traurig aussahst, und das hat mir auch etwas weh getan, und es ging mich irgendwie mehr an, als ich es vermutet hatte.

  • Freitag, 15.4.2022

    HIMALAYASALZ

    Im Food Court des KaDeWe, sechste Etage, einen Tag vor Karfreitag–ein Schmerzens-DJ. Ein Mittvierziger in Jeansklamotten, der hinter einem mit graphischer Folie beklebtem Pult stand, pumpte Musik in die Ebene. Eine Form von Traurigkeit wehte mich an, wenn es weht ist es Wehmut, ich fühlte unendlich viel Zeit vergangen, seit––

    Die Musik speiste sich so aufdringlich aus dem sog. kollektiven Gedächtnis, daß ich schon nicht mehr weiß, was für Musik es genau war. Vertrieben wie Parfum. Dem Tageslicht, dem echten Licht der echten Welt draußen, das durch eine Glasfront zu sehen war, haben die besten Ingenieure des Westens mit unsichtbaren Folien im Glas die Ablesbarkeit der Zeit entzogen, wie eine ungewollte Frequenz. Leben in der Gnade des Equalizers.

    Ich beobachtete diese Landschaft und die Personage von einer orangenen Theke aus, an der ich einen mittelmässigen Espresso einnahm, es war bereits später Nachmittag, wie ich trotz des Lichts wusste. Zwischen mir und DJ Dolorosa hoben und senkten die Rolltreppen immer neue multiracial Menschenmassen in die Fläche. Ein einziges Geschleuse in die Zustände. Ich lief dann noch eine Zeit durch die Etage, dann durch die Etage darunter. Mehr noch als früher, ist mir heute schnell alles zu viel. Am Tag zuvor, in der Neuen Nationalgalerie, reichte mir das eine Ölbild von Lotte Laserstein völlig. Es reichte mir, weil es genug war, weil es alles aus- und erfüllen konnte, was ich zu “suchen” glaubte. Ich sah es mir vielleicht vier Mal an, ging immer wieder dran vorbei, löste fast den Alarm aus, ein berlinischer Museumswärter machte schon eine Handbewegung, dann kam er näher zu mir, und ich gab offen zu, dass ich wusste, ich bin zu nah, aber ich erklärte ihm meine Gründe, und dann er so “Ahjaa? Is dit so?” und dann standen wir zu Zweit zu nah an dem Lotte Laserstein-Bild, ich spürte, ich hatte den Mann jetzt in meinem Griff, das Saallicht ließ die Höhen der Ölfarbe aufschimmern, wie eigentlich auch ich aufschimmerte in diesem Moment, und das Bild trägt den Titel Abend über Potsdam, und mir kamen die schwarzen Haare von Lidia in den Sinn, dumm von mir, aber auch so schön, weil überraschend, und dann hörte ich eine kleine imaginäre Friederike in meinem Kopf sagen, wie “echt dumm” oder “volldumm” doch jetzt diese Gedanken an Lidia wieder wären, und ich erwiderte “Ok ok” und ich ging und draußen blendete mich das von den Granitplatten reflektierte Sonnenlicht.