• Montag, 13.6.2022

    ICH, FÉLIPE

    Es gibt, neben den anderen, zwei wichtige Frauen in meinem Leben: die beiden Ladies von Tantuni-Haus Ehrenfeld. Diese Frauen ernähren mich oft. Diese Frauen sind immer am arbeiten, immer am wuseln. Aber manchmal frühstücken sie auch erst um halb Zwölf, da erwisch ich sie bei. Dabei wuseln und kochen sie weiter. Sie bieten mir an, dann auch noch was zu frühstücken. Jedes Mal, wenn ich was bestelle, lächeln sie, als sei es meine erste Bestellung überhaupt. Eigentlich gibt es keinen Nachtisch dort. Neulich beschwerte ich mich ganz niedlich deswegen. Sie öffneten die Äuglein weit. Ich fragte, richtig lieb: würden sie mir Milchreis machen? Sie berieten sich laut. Sie meinten okay, ich solle Freitag kommen. Das war neulich. Am neulichen Freitag ging ich hin, und sie hatten tatsächlich Milchreis für mich gemacht. “Ja, natürlich”, sagte die Jüngere fröhlich, als ich fragte. Ich freute mich diebisch. Ich schleckte die kleine Schale leer. Wir verhandelten 3 Euro für das Schälchen. Die Ältere fragte, ob der Milchreis auch gut war?

    Grad ist die eine in Urlaub, die Jüngere. Die, die noch da ist, die Ältere, bereitete mir ein Lahmacun zu (mit Salat, dem zwei eingelegte Gürkchen beigelegt sind – bestes Lahmacun der Stadt usw.), und ich hörte, wie sie der anderen, aushelfenden Frau anwies, das sei für “Felipe”. Sie meinte Philipp. Und sie meinte mich! Ich fragte sie, wer denn dieser Felipe sei?! Sie öffnete die Äuglein weit. Ich musste meinen Namen nochmal aufsagen, bzw. hatte ich ihn jemals erwähnt, hatte sie mich jemals gefragt? Aber wer mich sieht, weiß, daß ich kein Philipp bin, ja sein kann. Ich bin Félipe.

    Ist nun, neben meinem echten Namen, und André, auch Félipe mein Name? Ich bin dreifaltig benannt.

  • Mittwoch, 8.6.2022

    LE SUD

    Manchmal im Bad beide Mischbatterien gleichzeitig laufen lassen. Oder eben, manchmal, ins Journal schreiben, während ich in dem Griechen-Café sitze, beim Atelier ums Eck, gegenüber von Kaufland, wo sie jetzt den Spielplatz abgerissen haben, die Bagger brüllen noch herum, kratzen mit ihren Baggerschaufeln die letzten Mauerreste weg. Favorit bei den freundlichen Griechen hier, soundtechnisch, ist eine bouncy und uplifting, aber irgendwie auch von wehmutsartigen Vokalpassagen durchwelkte African Pop-Sache, bei der ein, ich tippe, westafrikanischer Dude in einer eher höheren Stimmlage so kurvenartig hinsäuselt. Im Osten geht die Autotunesonne auf. Ich sehe sein weißes Lächeln quasi vor mir. Ich finde auch, griechische Frauen haben spezielle Gesichtsanmutungen. Neben mir, in einem dekorativen Grünpflanzenarrangement, steckt eine Schweinchen mit Krone auf aus Emaille. Daraus ausgestanzt ein äußerst freches Viel Glück. 

    Am Morgen zog ich eine Postkarte aus dem Briefkasten, von Friederike und Joachim aus Marokko. Das Motiv ist eine von zarter Gischt umspülte Gesteinsformation, die, wenn ich das richtig einschätze, von den Einheimischen als Elefantenfuß bezeichnet wird. Die Postkarte ist Motivnummer 553, als Fotograf wird hier ein gewisser Osfouri M angegeben? Könnte das googeln, tue es aber nicht. Die Druckerfarbe scheint bereits wie von den sandigen Winden, wie Friederike und Joachim sie beschrieben hatten, leicht abgeschliffen, abgetragen und selbst zu feinstem Sand geworden. Was eigentlich, nehme ich an, eher ascherotes Gestein sein soll, schimmert jetzt eher blassviolett, nahezu blasspurpur, von der Karte ins Auge. Die ganze Karte hat sich in ein tonalist painting verwandelt, beherrscht von einer subtilen Abstufung eigentlich nur eines Farbtons, den man, wie ein zufälliger Zeuge, beim Schwinden erwischt.

  • Sonntag, 5.6.2022

    125th STREET SHOE STORE AFTER THE RIOT

    Massige Wolken hängen träge. Sie verstecken Gewitter in ihren aufgeblähten dunklen Formen. Geheimnisse, die keine sind. Wie auf den gefiederten Bäuchen verfetterter Tauben verläuft ein Graublau in ein tiefes Graphit, und am Scheitelpunkt der Wölbung liegt eine fastschwarze Sichel, mit der Klinge nach oben. Der Geruch in seinen mikroskopischsten Einzelteilen, die Witterung von herannahendem Regen, dringt ein in unsere primordialen Knospen, und man ist verwandelt in eine tausende Jahre alte Kreatur, die die unmittelbare Zukunft riecht. Yes.

    Schreib ich “zu viel” über das Wetter? go fuck yourself <3.