• Samstag, 30.4.2022

    GRUNDLEGENDES VERHALTEN IN DER ÖFFENTLICHKEIT

    Saß eben bei einem herrlichen Croissant draussen, vorm Cafe, und las im John Williams, da kam so ein Typ, schätze um die 60, und quatschte mich ohne wirkliche Anrede oder dergleichen in einem schon unschön aufgeladenen Tonfall an: er mache eine Umfrage, er würde gerne “EU-Bürger” befragen, keine weiteren Details oder Erläuterungen, er ließ das so als Cliffhanger stehen: befragen. Insgesamt, für die wenigen Sekunden, ein jämmerlicher Opener und Auftritt dieses bebrillten Greises in blauer Daunenweste. Ich schaute zu ihm auf und sagte, dass ich gerade lese. Das seh ich, daß Sie lesen, sagte er dann. Ich sagte: gut. Dann vergingen drei Sekunden. Das schien er nun zu begreifen, was ich ihm damit mitteilen wollte, und er trollte sich, nicht ohne jedoch noch einen Gesichtsausdruck aufzusetzen, der einen brutalen Mangel an Selbstreflexion anzeigte. Wird der ältere Herr noch im hohen Alter lernen können, daß ihm good form nahezu alle Türen öffnen könnte?

  • Donnerstag, 28.4.2022

    IM HERZEN VON EUROPA

    Bevor sich der blau leuchtende Abendhimmel völlig in Nacht aufgelöst hat, kann ich mit ihm als Grundierung noch die flatternden Silhouetten der kleinen Fledermäuse sich abzeichnen sehen, tiefstes Dunkelblau, das sich als Schwarz gibt. Sie huschen einmal quer durch die Aussicht. Grade hat die heldenhafte Frankfurter Eintracht den Ausgleich bei West Ham United kassiert, 1:1, zweiundzwanzigste Spielminute. Im Wappen der Eintracht prangt der Adler, nicht die Fledermaus. Für eine Fledermaus im Wappen wenden Sie sich bitte nach Spanien, an den FC Valencia, oder U.D. Levante.

    West Ham United hab ich selbst mal gesehen, im Ost-Londoner Stadtteil Upton Park, im mittlerweile abgerissenen Stadion Boleyn Ground, est. 1904, benannt nach Anne Boleyn, der zweiten Frau von Henry VIII., und somit Königin von England. Zumindest war sie’s ein bisschen. Dazu eine Empfehlung, fällt mir grade ein: die Mini-Serie (6 Folgen) Wolf Hall, BBC Produktion, ich schätze so 2014. Nach den Büchern von Hilary Mantel, wenn ich mich recht erinnere. Wahnsinnig gut. Denke ich heute noch dran manchmal. Mark Rylance als Thomas Cromwell. Einen kleinen Cameo hat, wie man als Freund des geladenen Pinsels hoffen, aber nicht unbedingt erwarten konnte, niemand geringerer als Hans Holbein der Jüngere. Heute holte ich, auf Friederikes Anregung hin, das Manet-Büchlein von Foucault ab und fing direkt zu lesen an – den ersten Satz les ich noch im Laden Frau Lange. Darin spricht Foucault von Manet als einer Art Erneuerer der Malerei. Das ließe sich auch über Holbein sagen, für die Porträtmalerei der Renaissance. Isso.

  • Dienstag, 26.4.2022

    A STREET NAMED DESIRE

    My parents wanted me to experience it all – also kam ich als Einzelkind zur Welt.

    Eine Zähmung. Manchmal bleibe ich stehen, warte, und nehme mir Zeit, um einem schönen Frauenarsch hinterher zu schauen. Selbst auf der anderen Straßenseite. Ich mach es mir bewusst, absolut und klar, und dann macht es Spaß und es ist schön. Keine gesellschaftliche Idee kann dem Schaden zufügen. Nichts daran ist falsch, alles richtig. Ways of Seeing. Ich nehme jedes Kunstbuch ernst. Ich bin unfrei in dem, wie ich die Qualität meiner Aufmerksamkeiten verteile. Einem Hintern hinterher, einer Blume in den Kelch, einem Ölbild auf die Oberfläche, es ist alles dasselbe. All that heaven allows. Ich will es meine Fähigkeit nennen, und nicht anders.

    Ich musste noch den blauen Mantel von der Reinigung abholen. Ein grüner Zettel erinnerte mich daran. Ich ging ohne Jacke, es ist direkt an der Ecke, den Mantel wollte und konnte ich dank des 26. Aprils direkt anziehen. Ich würde die Frau bitten, die Folie direkt wieder abzumachen, und das kleine Schildchen. Sie half mir in den Mantel, dabei sagte sie, daß eigentlich kein Mantel-Wetter mehr sei, und in der Art, wie sie es sagte, merkte sie vielleicht selbst, dass sie hier grade bewies, wie sehr sich die Welt, wie sie war, von dem unterschied, wie man sie sehen wollte.