• Donnerstag, 5.4.2022

    196 KM/H

    Punkt 9 Uhr betrete ich das BordBistro, direkt linke Hand sitzen drei Jungmänner, teigige Almans, und haben vor sich drei Dosenbiere im Tallboy-Format. Vorne, an der Plexiglasblüte, also dem Ausschank des Bistros, steht eine Art Rockergreis am Stehtisch, vor ihm ebenfalls ein Bierchen, im Glas, die Blume noch am aufperlen. Darum beherrschen Männer die Welt. Deutschland am Erwachen dran. Am Sitz, vor mir, sitzt ein ausländischer Mann mit seinen drei Kindern, leider trinken sie RedBull-Nachbau aus einer Riesenflasche, der Gestank des Getränks ist ekelhaft. Grad seh ich eine Laptoschtasche, ich meinte Laptoptasche, oben in der Ablage, die wird gleich noch runterfallen, das seh ich schon. Ich bin fast sicher, der andere junge Mann, der hier ganz rechts von mir am Fenster sitzt, hat Corona. Er hustet so rhythmisch. Etwas trubelig heute Morgen hier. Jetzt ist es 9:13 Uhr.

  • Mittwoch, 4.5.2022

    NICHT DER LIEBENDE IST PERVERS, SONDERN DAS RECHTECK DER LEINWAND, AUF DER ER LEBT

    Am Telefon gestern mit Marc, eigentlich waren wir schon bei der Verabschiedung, öffnete sich bei mir plötzlich ein Ventil, und ich musste noch erzählen, was mir da bei Ishin passiert war, nach der Gauguin-Ausstellung mit Friederike. Was sind denn eigentlich die Motive, für meine Empfindungen und Gedanken? Muss man sich ja auch fragen, wenn es um ehemalige Beziehungen geht, deren Ende vielleicht eher wie ein voreiliges Abbrechen als ein wirklicher Endpunkt, als ein Scheitern aus Erschöpfung empfunden werden: gehts hier um Aspekte der Selbstaffirmation, Eigensinn, Eitelkeit, um ein Bemessen von Selbstwert? Ist das alles nur für einen selbst? Ist da Tiefe oder ist es ein Relief? Ich kann das, zu diesem Zeitpunkt, nicht beantworten. Aber was ich sagen kann: I do care, ich weiß auch nicht warum. Marc erzählte, er und seine Frau waren ja schonmal zusammen, früher, vor vielen Jahren als junges Paar, und dann, ich glaube, sieben Jahre lang getrennt, um dann wieder usw. Ich fragte Marc, ob er sagen könne, dass in diesen sieben Jahren der Trennung ein Zeitpunkt da war, wo er jedweden Gedanken an die schiere Existenz des anderen, von ihr, aus seinem Bewusstsein verschwunden war, tief abgesackt in den dunkelsten Morast der Dinge, die Tatsache waren, so überhell und grundlegend. Er sagte ja, diesen Punkt gab es. Und so normal und “vernünftig” das klingen mag, so unbedingt notwendig das für das Weiterleben erscheinen mag-als er das sagte, war es, als spürte ich ein metaphysisches Schwert durch den Kopf von oben in meinen Rumpf getrieben. Das alles völlig verständlich und doch unendlich traurig und mörderisch finden, wie man zu sein hat, um einfach nur weiterzuleben.

  • Samstag, 30.4.2022

    GRUNDLEGENDES VERHALTEN IN DER ÖFFENTLICHKEIT

    Saß eben bei einem herrlichen Croissant draussen, vorm Cafe, und las im John Williams, da kam so ein Typ, schätze um die 60, und quatschte mich ohne wirkliche Anrede oder dergleichen in einem schon unschön aufgeladenen Tonfall an: er mache eine Umfrage, er würde gerne “EU-Bürger” befragen, keine weiteren Details oder Erläuterungen, er ließ das so als Cliffhanger stehen: befragen. Insgesamt, für die wenigen Sekunden, ein jämmerlicher Opener und Auftritt dieses bebrillten Greises in blauer Daunenweste. Ich schaute zu ihm auf und sagte, dass ich gerade lese. Das seh ich, daß Sie lesen, sagte er dann. Ich sagte: gut. Dann vergingen drei Sekunden. Das schien er nun zu begreifen, was ich ihm damit mitteilen wollte, und er trollte sich, nicht ohne jedoch noch einen Gesichtsausdruck aufzusetzen, der einen brutalen Mangel an Selbstreflexion anzeigte. Wird der ältere Herr noch im hohen Alter lernen können, daß ihm good form nahezu alle Türen öffnen könnte?