• Donnerstag, 28.4.2022

    IM HERZEN VON EUROPA

    Bevor sich der blau leuchtende Abendhimmel völlig in Nacht aufgelöst hat, kann ich mit ihm als Grundierung noch die flatternden Silhouetten der kleinen Fledermäuse sich abzeichnen sehen, tiefstes Dunkelblau, das sich als Schwarz gibt. Sie huschen einmal quer durch die Aussicht. Grade hat die heldenhafte Frankfurter Eintracht den Ausgleich bei West Ham United kassiert, 1:1, zweiundzwanzigste Spielminute. Im Wappen der Eintracht prangt der Adler, nicht die Fledermaus. Für eine Fledermaus im Wappen wenden Sie sich bitte nach Spanien, an den FC Valencia, oder U.D. Levante.

    West Ham United hab ich selbst mal gesehen, im Ost-Londoner Stadtteil Upton Park, im mittlerweile abgerissenen Stadion Boleyn Ground, est. 1904, benannt nach Anne Boleyn, der zweiten Frau von Henry VIII., und somit Königin von England. Zumindest war sie’s ein bisschen. Dazu eine Empfehlung, fällt mir grade ein: die Mini-Serie (6 Folgen) Wolf Hall, BBC Produktion, ich schätze so 2014. Nach den Büchern von Hilary Mantel, wenn ich mich recht erinnere. Wahnsinnig gut. Denke ich heute noch dran manchmal. Mark Rylance als Thomas Cromwell. Einen kleinen Cameo hat, wie man als Freund des geladenen Pinsels hoffen, aber nicht unbedingt erwarten konnte, niemand geringerer als Hans Holbein der Jüngere. Heute holte ich, auf Friederikes Anregung hin, das Manet-Büchlein von Foucault ab und fing direkt zu lesen an – den ersten Satz les ich noch im Laden Frau Lange. Darin spricht Foucault von Manet als einer Art Erneuerer der Malerei. Das ließe sich auch über Holbein sagen, für die Porträtmalerei der Renaissance. Isso.

  • Dienstag, 26.4.2022

    A STREET NAMED DESIRE

    My parents wanted me to experience it all – also kam ich als Einzelkind zur Welt.

    Eine Zähmung. Manchmal bleibe ich stehen, warte, und nehme mir Zeit, um einem schönen Frauenarsch hinterher zu schauen. Selbst auf der anderen Straßenseite. Ich mach es mir bewusst, absolut und klar, und dann macht es Spaß und es ist schön. Keine gesellschaftliche Idee kann dem Schaden zufügen. Nichts daran ist falsch, alles richtig. Ways of Seeing. Ich nehme jedes Kunstbuch ernst. Ich bin unfrei in dem, wie ich die Qualität meiner Aufmerksamkeiten verteile. Einem Hintern hinterher, einer Blume in den Kelch, einem Ölbild auf die Oberfläche, es ist alles dasselbe. All that heaven allows. Ich will es meine Fähigkeit nennen, und nicht anders.

    Ich musste noch den blauen Mantel von der Reinigung abholen. Ein grüner Zettel erinnerte mich daran. Ich ging ohne Jacke, es ist direkt an der Ecke, den Mantel wollte und konnte ich dank des 26. Aprils direkt anziehen. Ich würde die Frau bitten, die Folie direkt wieder abzumachen, und das kleine Schildchen. Sie half mir in den Mantel, dabei sagte sie, daß eigentlich kein Mantel-Wetter mehr sei, und in der Art, wie sie es sagte, merkte sie vielleicht selbst, dass sie hier grade bewies, wie sehr sich die Welt, wie sie war, von dem unterschied, wie man sie sehen wollte.

  • Sonntag, 24.4.2022

    HEAVEN’S GATE

    Geweckt vom lauten Summen einer Biene, die hier zwischen Fenster und Jalousie irrte. Ein dünner Bratpfannensound. Ich deute diesen Auftritt, diese erste Biene der Saison, als Hinweis auf einen noch jungen Sommer, den jungen Sommer der Konzeption. Jetzt sitzt sie schweigend unten auf dem Fensterrahmen, nur ihr Hinterleib pumpt etwas. Aus fleckigem Himmel kommen Kirchenglocken statt blaue Strahlen, aber ein bisschen Sonne findet durch einen Riss, den ich nicht sehen kann. Ist ein bisschen Psychowetter, dieses volatile Sonne-Schatten-kühler Wind-Ding.

    Gestern Nachmittag anderthalbstündiger Schlaf, völlig k.o. von Irgendwas, danach den ganzen Tag etwas neblig und high vom Schlafen und Träumen mitten am hellichten Tag, bin aber noch in den Gereonswall, zum Künstlergespräch, das Olaf führte. Olaf war etwas tanned und hatte so eine Andeutung von einem Schnurrbart im Gesicht, ich fand, er sah wie ein Stummfilm-Star aus, Michael Casagrande, so in der Art, der Name kam einfach.

    Lesen in Butcher’s Crossing und anschauen Heaven’s Gate. Heaven’s Gate beginnt mit der Harvard-Graduierung 1870, und in Butcher’s Crossing verlässt ein junger Mann Boston, meaning Harvard, in Richtung Westen, um “das Land kennenzulernen”, ebenfalls um das Jahr 1870. Völliger Zufall, mal wieder, aber wirklich: ich glaube dran, an diese sog. zufälligen Konstellationen. Außerdem: wenn ein Buch oder ein Film anfängt mit sowas wie “Wyoming, 1890”, wie neulich bei Stoner, dann bin ich schon drin, dann bin ich sold. Jetzt klart der Himmel auf, öffnet sich, die Wolken sind weitergezogen.