Samstag, 5.3.2022
THINGS YOU CANNOT SHOW
Deutschland. Das Internet. Deutsche im Internet. Erstaunlich, schrieb mir Phips, dass so viele Menschen in Deutschland Ukraine-farbene Kleidungsstücke in der Garderobe haben. Eigentlich nicht. Regelmäßig landet DER DEUTSCHE auf den vorderen Plätzen, wenn es darum geht, wer sich besonders stillos kleidet. Das sagt ja nicht irgendwer, das sagt EUROPA. Dass sie all diese Kleidungsstücke noch haben, ließen sie mich und jeden, der es nicht wissen will, absolut erbarmungslos wissen–Instagram heißt dieser Kanal, die Fortführung der Sprachlosigkeit mit anderen Mitteln. Vorgestern schrieb ich Olga an, kam mir dabei ein bisschen komisch vor, hatte Probleme bei der Formulierung, weil mich der Darstellungswahnsinn der Leute so selbstreflektiv gemacht hatte, fragte sie, ob sie mir eine Adresse empfehlen könne, bei der eine Spende für die ukrainische Sache direkt und sinnvoll käme, und sie antwortete mir, und meinte, diesen von ihr genannten Adressen “vertraue die lokale ukrainische Community”, und das war genau die Art Formulierung, die ich selber gesucht hatte, aber die hinzuschreiben ich irgendwie schamhaft blockiert war, weil es, von mir kommend, so daneben und phony klang. Die Sprachnervosität ist scheinbar immer auf on.
Quentin Crisp beschrieb in einem Interview, das 1992 aufgezeichnet wurde, eben jene Phase, aus der heraus er sprach, und die zu seiner, Crisps, eigenen medialen Inszenierung, dem daraus erwachsenen Interesse an ihm und seiner Geschichte (als ein echter Outsider der Gesellschaft, mit echter lebensvernichtender Konsequenz und Ausgrenzung) beigetragen hatte, als eine Zeit der “Recorded Degradation”. Weil er selbst, als “Degradierter”, von dieser Aufmerksamkeit der Medien profitiert habe, gar nur durch diese überhaupt so etwas wie Popularität habe erfahren können. Kameras und Mikrofone wurden nun auf diese Menschen und Phänomene gerichtet, ein frühes Beispiel von “Content-Werdung”. Diese Idee des “Age of Recorded Degradation”, als Beschreibung eines thematischen Kerns der Massenmedien, eine Art Epochenbegriff, folgte, so Crisp weiter, auf eine Zeit des “Age of Recorded Suffering”, das mit den Bewegtbildern aus den befreiten Konzentrationslagern, mit den körnigen und schwarzweissen Leichenbergen seinen Anfang nahm, und über den Korea- und Vietnamkrieg fortgeführt wurde.
Erleben wir heute eine eigentlich unverarbeitbare und nie aufhörende Überproduktion und Gleichzeitigkeit solcher Suffering und Degradation-Momente, erstellt von Milliarden unabhängiger content creator, die dem Menschen zwingend alle Humanität entziehen muss? Selbst der ganzen demonstrativen Solidarität und Hilfsbereitschaft für die Menschen in der Ukraine traue ich nicht so recht, und ich wünschte, es wäre nicht so.