• Sonntag, 17.4.2022

    VOM VERFASSUNGSSCHUTZ BEOBACHTET

    Als ich dann im Bett lag, am Ende eines Tages, an dem ich auch für immer hätte wach bleiben können, glühten mir Gesicht und Lippen noch etwas nach. Es war der Tag als solcher, der über den Umweg des Sonnenlichts einen besonders prägnanten Auftritt hingelegt hatte, and now my heart is full (?), und der mir jetzt als erhitztes Gesicht noch nachhing, alle Momente gleichzeitig. Inshallah, ich habe Zeugen. Hätte ich alles morgens, noch bevor ich das Haus verließ in Richtung Gauguin, nicht ahnen können. Warum hieß diese Ausstellung eigentlich “Why Are You Angry?” Hatte Andreas Kilb das auch erwähnt, in seinem Text? Man war jedenfalls überhaupt nicht mehr angry, als man vor den Manets stand.

    Ich weiß noch GENAU, wie es damals war, gestern: ich saß nämlich unter einem dermaßen blauen Himmel, vor der AN, die wie eine ausgeschnittene Schablone vor dem ganzen Blau sich abhob, rauchte eine Zigarette, da kam auch schon meine Verabredung und flötete Hallöchen, während überall um uns herum geheiratet wurde und Hunde herumliefen und Girls in kleinen Schwadronen sich gegenseitig abfotografierten, mit der Hüfte so GNTM-mässig eingeknickt, und Spanier ihre 90er-Jahre Frisuren trugen. Manches bleibt einfach für immer. Danach gab es Lachs und Aal, dazu Bier am Mittag, und richtig gute Laune, und dann gab es einen Plot twist, der in der Outline der Geschichte nicht erwähnt war, nicht vorgesehen, und was man feststellen kann, ist, dass es viele Arten des Schreibens gibt, der Verfassungsschutz hat nichts gegen uns in der Hand, und ich fühle Zuneigung, für die ich noch keine Form gefunden habe, aber ich fand, dass du traurig aussahst, und das hat mir auch etwas weh getan, und es ging mich irgendwie mehr an, als ich es vermutet hatte.

  • Freitag, 15.4.2022

    HIMALAYASALZ

    Im Food Court des KaDeWe, sechste Etage, einen Tag vor Karfreitag–ein Schmerzens-DJ. Ein Mittvierziger in Jeansklamotten, der hinter einem mit graphischer Folie beklebtem Pult stand, pumpte Musik in die Ebene. Eine Form von Traurigkeit wehte mich an, wenn es weht ist es Wehmut, ich fühlte unendlich viel Zeit vergangen, seit––

    Die Musik speiste sich so aufdringlich aus dem sog. kollektiven Gedächtnis, daß ich schon nicht mehr weiß, was für Musik es genau war. Vertrieben wie Parfum. Dem Tageslicht, dem echten Licht der echten Welt draußen, das durch eine Glasfront zu sehen war, haben die besten Ingenieure des Westens mit unsichtbaren Folien im Glas die Ablesbarkeit der Zeit entzogen, wie eine ungewollte Frequenz. Leben in der Gnade des Equalizers.

    Ich beobachtete diese Landschaft und die Personage von einer orangenen Theke aus, an der ich einen mittelmässigen Espresso einnahm, es war bereits später Nachmittag, wie ich trotz des Lichts wusste. Zwischen mir und DJ Dolorosa hoben und senkten die Rolltreppen immer neue multiracial Menschenmassen in die Fläche. Ein einziges Geschleuse in die Zustände. Ich lief dann noch eine Zeit durch die Etage, dann durch die Etage darunter. Mehr noch als früher, ist mir heute schnell alles zu viel. Am Tag zuvor, in der Neuen Nationalgalerie, reichte mir das eine Ölbild von Lotte Laserstein völlig. Es reichte mir, weil es genug war, weil es alles aus- und erfüllen konnte, was ich zu “suchen” glaubte. Ich sah es mir vielleicht vier Mal an, ging immer wieder dran vorbei, löste fast den Alarm aus, ein berlinischer Museumswärter machte schon eine Handbewegung, dann kam er näher zu mir, und ich gab offen zu, dass ich wusste, ich bin zu nah, aber ich erklärte ihm meine Gründe, und dann er so “Ahjaa? Is dit so?” und dann standen wir zu Zweit zu nah an dem Lotte Laserstein-Bild, ich spürte, ich hatte den Mann jetzt in meinem Griff, das Saallicht ließ die Höhen der Ölfarbe aufschimmern, wie eigentlich auch ich aufschimmerte in diesem Moment, und das Bild trägt den Titel Abend über Potsdam, und mir kamen die schwarzen Haare von Lidia in den Sinn, dumm von mir, aber auch so schön, weil überraschend, und dann hörte ich eine kleine imaginäre Friederike in meinem Kopf sagen, wie “echt dumm” oder “volldumm” doch jetzt diese Gedanken an Lidia wieder wären, und ich erwiderte “Ok ok” und ich ging und draußen blendete mich das von den Granitplatten reflektierte Sonnenlicht.

  • Mittwoch, 13.4.2022

    ZWEI MEERSCHWEINCHENFRAUEN

    Als der Zug schon fast in Spandau einfuhr, kam ich mit meiner relativ neuen Sitznachbarin ins Gespräch, einem vielleicht 9- oder 10-jährigen Mädchen. Sie war mit ihren Eltern und ihrem etwas älteren Bruder zugestiegen, ich weiß nicht mehr wo, und sie saß die ganze Zeit superruhig und mit ihrem großen Stoffhasen im Arm neben mir, las irgendwann recht lang in einem Buch. Sie schien mir so altmodisch mit ihrer Ruhe. Vielleicht, weil sie kein ADHS hat. Die ganze Familie war so ruhig. Ich war am Computer und arbeitete an einem Poster herum. Auffällig war des Mädchens Pulli, auf dem ebenfalls überall kleine Häschen drauf waren, aber im Bambi-Stil, mit Manga-Augen.

    Irgendwann fragte sie mich, ob ich das Buch geschrieben hätte. Buch? Sie meinte das Poster auf dem Laptopbildschirm, das wie ein Buch-Cover aussah. Da hatte sie mich natürlich schon für sich gewonnen. Ich fragte sie im Gegenzug, ob sie so etwas wie ein Häschen-Fan sei? Sie gluckste auf, als sei ihr dieses Fashion Statement jetzt erst selbst aufgefallen (Frauenlüge, meine Meinung), und gab dann aber zu, dass Hasen schon sehr süß seien, sie selbst habe aber zwei Meerschweinchen, die aber, im Prinzip, ja so etwas “wie Hasen” sind, und die Meerschweinchen seien beide “Mädchen, also Frauen”, so daß – schon klar, hab ich voll verstanden. Jetzt, wo wir bei Tieren waren, fand sie von einem Satz zum nächsten, und sie begründete ihre Faszination für Skorpione zB damit, dass sie selbst “Sternzeichen Skorpion” sei. Spinnen mag sie aber, nur weil sie Skorpione gut findet, deswegen nicht. Für Schlangen brennt sie aber, wie sie mir versicherte, und ich gab ihr den Tipp, vielleicht mal in den Berliner Zoo zu gehen, ins Terrarium, da ginge skorpionmässig vielleicht was (auf Pfefferminzgarnelen kamen wir gar nicht) , da fragte sie gleich bei den Eltern nach, ob man das noch in die Planungen einbauen könnte.

    Irgendwann mittendrin, da bekam sie einen selbstreflexiven Moment, vom vielen Sprechen. Sie wunderte sich darüber, dass sie mit mir redete. “Eigentlich bin ich schüchtern”, sagte sie. “Ich auch”, antwortete ich wahrheitsgemäß.