• Sonntag, 13.2.2022

    Am Rhein entlang. Dort, nah an den Ufern, am frühen Nachmittag schon ein bronzenes Licht auf den vom Hochwasser der letzten Tage plattgedrückten, blassgrünen Gräsern, die nun, dicht und anliegend gewachsen, wie merkwürdige Frisuren aus brüchigem Haar aussahen. Das bronzene Licht verlieh diesem Anblick ein anderes Alter, als habe er sich aus der Zeitenlinie gelöst.

    An manchen Häusern, die das Ufer dort säumen, sind kleine Tafeln oder Hinweise in unterschiedlichen Höhen angebracht, die mich schon als Kind fasziniert haben: zB Hochwasserstand April 1548. Ich ging die Uferböschungen ab, in der Erwartung, dort vielleicht etwas Interessantes finden zu können, was sich beim Rückzug des Wassers im Geäst oder im sandigen Boden verfangen hatte. Ich fand nichts. Ich schaute noch ein bisschen auf das Wasser des Rheins, wo sich im Krakelee der wieder fahrenden Schiffe das Sonnenlicht zu einer stechend hellsilbrigen Form ballte, die Hüften und Taillen hatte, und die mich an das Buch dachten ließen, das ich gerade lese. Nicht, weil dieses Motiv dort vorkäme, sondern weil dieses Buch mir so echt und wahr erschien, wie dieses gleißende Licht.

  • Dienstag, 8.2.2022

    YOU’RE TUNED TO CLADRITE RADIO

    Böse klingt der junge Februar. Er faucht aus grauem Schlund durch Baum und Busch und über Wiesen hinweg, die Straßen entlang. Gestern hatte ich frei von der ganzen alltäglichen Asozialität des Öffentlichen. Ich fuhr mit dem Auto herum. Es war dementsprechend schön.

    Und wenn der Tag der Nacht gewichen–
    dann fährt ein jeder durch seinen eigenen Vorspann, ein Stück Straße vor sich, hell erleuchtet von weit aufgerissenen Augen aus Licht. 

  • Freitag, 4.2.2022

    KÄFERBERG CONFIDENTIAL

    Kein Sonnentag. Die zwei gestrigen Selbsttests, gekauft bei Rossmann für jeweils 3,49 EUR und auf der Liste des Paul-Ehrlich-Instituts mit einer achtzig prozentigen Sensibilität ausgewiesen, zeigten beide den roten Strich bei C und nicht bei T. Trotzdem heute krank im Bett. Den Houellebecq gestern ausgelesen, hänge ich hier jetzt wieder verstärkt in Mike Kelley-Interviews. Es gab dafür keinen richtigen Anlass, mein Gehirn hatte das so entschieden. Offensichtlich gefällt mir die Abwechslung aus stilisierter Form – also Buch, Roman, Film, Kunst – und freier Rederei. Durch das freie Sprechen und öffentliche Denken erfährt man oft erst, wie die Stilisierung überhaupt sein soll, was sie will, nichtwill, auschließen oder auslassen will. So geht es mir jedenfalls. Oder natürlich durch das Schauen, das Anschauen. Bei den Manets zb, letzte Woche, da war es so, daß ich dachte: es ist wahnsinnig gut (und man könnte sehr viel dazu sagen, was es alles eben NICHT ist, im guten Sinne), und es ist eben auch machbar. 

    Es fällt leicht, oder drängt sich vielmehr auf, an die wunderschönen anderthalb Wintersonnentage in Zürich letzte Woche zu denken. Wie man da stand, im dritten oder vierten Stock dieses merkwürdigen Parkhausgebäudes in der Zahnradstrasse, nachdem man grade noch Carroll Dunham bei Eva Presenhuber gesehen hatte, und ein sehr kräftiges Spätnachmittagssonnenlicht, wie mit Soßenbinder angedickt, ergoss sich über den Käferberg, auf der anderen Seite der Limmat, und gelblich-weiße Hilights funkelten wie als Antwort herüber, traten in einen ergiebigen, stillen Dialog mit meinen Augen, die Gallertbällchen sind. Manchmal hört man von Hunden, die ihre eigenen Augen auffressen, uninformiert und hungrig.