

OYSTER’S CUPPED MOTHER-OF-PEARL AND COOL SEAWATER
Plötzlich abstoßend warm. Was ziehe ich bloß an? Durch ein Stadt gewordenes, abtauendes Kühlfach lauf ich, es riecht auch so, muffig und gestrig, ranziges Wasser. Aus Trotz friere ich über diese 16 Grad hinweg. Isch bin frei. Dazu hat sich Wonder Boy von Arthur Russell jetzt tief reingebohrt, ich summe es in mich hinein, und das gibt es ja eben doch: Stille UND Melodie, gleichzeitig—you carry it with you.
Mein ehemaliger Professor (wie scheiße klingt das bitte) hat mich und eine Handvoll anderer ehemaliger Studenten (wie scheiße klingt das bitte) eingeladen, nächstes Jahr Kunst auszustellen im Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen. Hat man also schonmal was zu tun.
Jetzt 11:12h, ich mache erstmal einen zweiten Kaffee.
12:43h. Tolle und kühle Doku über Freeports in der arte Mediathek. Ich würde wahnsinnig gerne einen Roman lesen, über diese “Nicht-Themen” (Herrndorf), über die Kunst und das Geld und die Geheimnisse hinter meterdicken Tresortüren und Gläsern. Müsste ich ihn selbst schreiben?
Deutsche Böllerträume
GEFÜHLE IM EINZELHANDEL
Montag und gestern im Plattenladen, also Record-Center. 98% der Kundenmasse sind Holländer und oder Belgier. Sie wollen sich beraten lassen, wie sie ihre Plattensammlung de-kolonisieren können. Dass es Holländer und oder Belgier sind, weiß ich deshalb so genau, weil wir ANGEHALTEN SIND, die Impfnachweise zu überprüfen, und folglich auch die Personalausweise. Geisteskrank anstrengend, das sechs, sieben Stunden machen zu müssen. Dafür kann ich bisschen Namen spingsen. Eine sehr hübsche, große Holländerin heißt Pepels oder Pipels (oder so), mit Vornamen. Sagt man dann “Pipi”? Fand ich cute, Entschuldigung. Die Holländer haben Lockdown, erklärt mir ein Holländer, nur Geschäfte für lebenserhaltende Maßnahmen haben geöffnet. Die Belgier haben keinen Lockdown, wollen einfach shoppen. Okay. Eine Gruppe von Singapurern, Frauen und Männer gleich klein, sprechen alle flawless english und zeigen fast stolz ihre Impfdinger: “I have THREE jabs and THIS is my ID” – thank you, thank you. Was deutlich weniger geworden ist, aber gestern dann doch wieder vorkam: der Typ MANN, der handeln will. Das heißt, er will eigentlich nicht handeln, es scheint irgendwie existenzieller, er will ERSCHAFFEN, nämlich selbst den Preis für das, was er kaufen will. Das Preisschild ist für ihn nur Anregung. Es geht auch oft nur um ein oder zwei Euro, völlig egal, aber kann er seinen Endsieg nicht am Tresen erringen, zieht er mit leeren Hähnchen ab, der scheinbar handelnde Mann. Auch okay – kommen Sie gut ins neue Jahr. Oft versucht diese Art Mann mit dem Zustand der (Second Hand) Platte zu argumentieren, woraufhin ihm erklärt wird, dass der Zustand der Platte im Preis bereits erfasst ist. Man ist ja 1 Plattenladen, macht sowas schon länger usw. Aber alles nicht schlimm, ich bleibe fröhlich. Bei mir selbst setzt folgende Reflektion ein: zuviel Schokolade und Süßigkeiten in den letzten Tagen, muss ich mal wieder sein lassen. Extrem angenehm und fast flach-euphorisch angetan von schon wenigen Takten Arthur Russell, Iowa Dream.