• Mittwoch, 9.3.2022

    MIT TROCKENEN HÄNDEN GESCHRIEBEN (AN DIE SONNE)

    Gut ist, wenn die Tage länger werden, so wie jetzt. Wenn sich eine Phase von blassem, wie ausfliessendem Türkis zwischen die Schichten schiebt, wo es sonst scheinbar direkt ins dunkle Vlies der Nacht übergeht.

    Gestern wie heute, da wollte ich das prachtvolle, also das prächtige und volle Licht der Mittagssonne, die ihr Werk nicht vergessen hat, selbst zu einer Beschäftigung machen, bevor der Drall ins Atelier einsetzt–and the ass would follow. Darin, in der schönen Sonne, sitzen wie in einer Mulde, die man sich selbst gegraben hat, geschützt und abgeschirmt gegen das, was man Laune nennt, Wissen, Erinnerung, all diese Insolvenzware aus dem obersten Stockwerk, und dabei einen Kaffee trinken und das Ganze aufs Anregendste ankontrastieren lassen, von Denis Johnson und den nach Zitronenschalen riechenden Junkies

    –er schreibt heftig, stark, schwelgerisch–

    und ja, es ist gut, am Leben zu sein.

    Die Filmlust kommt auch wieder. Dazu muss man gute Filme sehen, dann kommt die Lust. Letzte Woche The Card Counter von Paul Schrader, und als nächstes muss ich doch noch mal ein Kino finden in dieser Dildostadt, in dem man noch Licorice Pizza sehen kann.

  • Samstag, 5.3.2022

    THINGS YOU CANNOT SHOW

    Deutschland. Das Internet. Deutsche im Internet. Erstaunlich, schrieb mir Phips, dass so viele Menschen in Deutschland Ukraine-farbene Kleidungsstücke in der Garderobe haben. Eigentlich nicht. Regelmäßig landet DER DEUTSCHE auf den vorderen Plätzen, wenn es darum geht, wer sich besonders stillos kleidet. Das sagt ja nicht irgendwer, das sagt EUROPA. Dass sie all diese Kleidungsstücke noch haben, ließen sie mich und jeden, der es nicht wissen will, absolut erbarmungslos wissen–Instagram heißt dieser Kanal, die Fortführung der Sprachlosigkeit mit anderen Mitteln. Vorgestern schrieb ich Olga an, kam mir dabei ein bisschen komisch vor, hatte Probleme bei der Formulierung, weil mich der Darstellungswahnsinn der Leute so selbstreflektiv gemacht hatte, fragte sie, ob sie mir eine Adresse empfehlen könne, bei der eine Spende für die ukrainische Sache direkt und sinnvoll käme, und sie antwortete mir, und meinte, diesen von ihr genannten Adressen “vertraue die lokale ukrainische Community”, und das war genau die Art Formulierung, die ich selber gesucht hatte, aber die hinzuschreiben ich irgendwie schamhaft blockiert war, weil es, von mir kommend, so daneben und phony klang. Die Sprachnervosität ist scheinbar immer auf on.

    Quentin Crisp beschrieb in einem Interview, das 1992 aufgezeichnet wurde, eben jene Phase, aus der heraus er sprach, und die zu seiner, Crisps, eigenen medialen Inszenierung, dem daraus erwachsenen Interesse an ihm und seiner Geschichte (als ein echter Outsider der Gesellschaft, mit echter lebensvernichtender Konsequenz und Ausgrenzung) beigetragen hatte, als eine Zeit der “Recorded Degradation”. Weil er selbst, als “Degradierter”, von dieser Aufmerksamkeit der Medien profitiert habe, gar nur durch diese überhaupt so etwas wie Popularität habe erfahren können. Kameras und Mikrofone wurden nun auf diese Menschen und Phänomene gerichtet, ein frühes Beispiel von “Content-Werdung”. Diese Idee des “Age of Recorded Degradation”, als Beschreibung eines thematischen Kerns der Massenmedien, eine Art Epochenbegriff, folgte, so Crisp weiter, auf eine Zeit des “Age of Recorded Suffering”, das mit den Bewegtbildern aus den befreiten Konzentrationslagern, mit den körnigen und schwarzweissen Leichenbergen seinen Anfang nahm, und über den Korea- und Vietnamkrieg fortgeführt wurde.

    Erleben wir heute eine eigentlich unverarbeitbare und nie aufhörende Überproduktion und Gleichzeitigkeit solcher Suffering und Degradation-Momente, erstellt von Milliarden unabhängiger content creator, die dem Menschen zwingend alle Humanität entziehen muss? Selbst der ganzen demonstrativen Solidarität und Hilfsbereitschaft für die Menschen in der Ukraine traue ich nicht so recht, und ich wünschte, es wäre nicht so.

  • Donnerstag, 3.3.2022

    Beobachtung einer Französischen Bulldogge, die mit müden Augen in meine Richtung schaut, und gleichzeitig leise schnaubt und schnarcht, als mich das in die fahrende Bahn einfallende Sonnenlicht und die harten Schlagschatten, die es in den Raum zeichnet, an die sanfte Schläfrigkeit erinnert, die ein intensives Mittagssonnenlicht im Frühling auslöst, direkt hinter den Augen spürt man es. Begleitet wird es meist von einer Stille, die allein das Strömen der Luft als Geräusch zulässt. Aus dem gleichen Fenster heraus, durch das das strahlende Licht in das fahrende Objekt hereinströmt, sehe ich den ganz gleichmäßig hingegossenen und ultrablauen, wolkenlosen Himmel, von dem sich jedes Gebäude fast ganz automatisch aufs Schärfste abhebt, allen Objekten eine ganz neue Interessantheit verleiht. Und diese Niederschrift endet hier, ist irgendwie völlig genug, mehr als genug.