AUSWERTUNG DER BODYCAM
Halbdunkle Morgen. Das Erste, was ich sehe: das Rot der Ziffern auf dem Grundig®-Radiowecker, und der graue Himmel, wie ein ungewaschenes Duvet, an die Decke genagelt.
Wie auch die Farbe als Material selbst, schieb ich bisschen Mikrofrustrationen hin und her. Ich habs Joachim so erklärt: hab mich viel informiert, viel Neues angepumpt, und jetzt habe ich, auch irgendwie kindlicherweise, das Bedürfnis, all dies neue “Wissen” auch sofort und alles auf einmal anwenden zu können. Eine gewisse Ungeduld, die wohl einerseits meine eigenen Ansprüche an mich selbst darstellen sollen, als auch andererseits dem Welttempo geschuldet ist, weil alles immer schnell und heute und jetzt und sofort usw.
Großen Spaß hats mir gemacht, Thomas und Joachim beim Livesenden zuzusehen. Zwei Stunden vergehen wie im Fluge, nein, wie BEIM SENDEN, und obwohl ich manchmal dachte, ich würds gern hören, wie es alle anderen hören, ohne visuals, war ich doch auch froh, als Körper unter Körpern zu sein, denn so konnte ich sehen, wie zB Joachim einige Male sogar hoppste vor Freude, oder wie alle, wir alle, ganz automatisch zu Schweigen anfangen, wenn schöne Musik gespielt wird, vielleicht sogar die schönste Musik. Später kehrten wir noch in eine Lokalität ein, für ein letztes Getränk. Und jedes Mal, wenn man in dieser neuen und ewigen Ausnahmesituation eine bestimmte Zeitschwelle überschritten hat, fühlt es sich an, als sei man trotz Fliegeralarm noch draußen, während alle anderen den Schutz der Privatheit in ihren gewaschenen Duvets suchen. Und als die beiden schon die nächste konzeptuelle Sendung planten, sah ich, wie am Tisch hinter Joachim, sich eine junge, unterarmamputierte Frau den Stumpf eincremte, dabei selbst in ein Gespräch vertieft.
“Nackter Kampf gegen Rassismus! Linda Nobat ziert das Cover der Februar-Ausgabe des deutschen Playboy” Auch das ist ja Weltwissen, im Sinne von Orientierungswissen. “W e l t heißt, dass ich mir vorstellen kann, was mich erwartet, wenn ich aus diesem Raum herausgehe und die Tür hinter mir ins Schloss fällt.” (Dirk Baecker)