IL LEGNO DI ROVERE METAFISICO
In der Schweiz, d.h. kurz hinter Zürich, da stehen die Häuser nicht sehr nah beieinander. Es wird dort gelebt ein Leben mit etwas größeren Lücken.
Ich–das behaupte ich jetzt einfach–brachte schönes Wetter für zwei Tage mit nach Zürich, und jetzt bin ich schon wieder auf dem Weg zurück nach Deutschland, dem Land, in dem die Leute nah beieinander leben. Soeben fuhr dieser IC der SBB hier an einem kleinen, stillen Gewässer vorbei, dessen Farbe das viridian green, ein kaltes Blaugrün war, von dem es hier (im Tagebuch) schon öfter gehandelt hatte, und das ich eben noch, zwei Stunden zuvor, in einigen paintings im Kunsthaus bei der Sammlung Merzbacher gesehen hatte, zB in dem Matisse, oder, im selben Raum, bei den „Brücke“-Malern und Malerinnen, und auch danach bei Lautrec und van Gogh und Monet. Es hätte nur noch ein de Chirico gefehlt, der für mich, sozusagen symbolisch, für dieses spezielle Grün steht, seiner metaphysischen Himmel wegen, unter denen sich ziegelrote Plätze müde langstrecken. Und jetzt, um halb Fünf am Nachmittag, hier an einem steilen Hang vorbeifahrend, sehe ich dieses viridian green in die fast ganze Landschaft eingebaut, und es ist eben dieser Blauanteil darin, das den Übergang zum Blaugrau des Himmels hin weichzeichnet und eine ich möchte fast sagen erotische Vibration…
Im nagelneuen Museum war auch, leider, mal wieder ein Deutscher für eine neue Episode der beliebten Serie Die Hölle, das sind die anderen verantwortlich, die grüne Erotik der Landschaft war da noch hunderttausende Ellen entfernt. Ganz selbstverständlich wackelte der ansonsten unauffällig gekleidete Mann mit Fahrradschuhen übers sündhaftteure Eichenholzparkett, mit so Hartplastikplateaus unten dran. Erstmals soll beredtes Schweigen in diesem Text gekennzeichnet sein durch —-
Ich sah ihn, ich ENTDECKTE ihn in Unterhaltung mit einer Frau des Aufsichtspersonals, konnte zwar nichts hören, aber sah beide immer wieder auf den Boden schauen, wobei der Deutsche Radheld seine Füße seitlich aufrichtete und die Füße so aufwellen ließ, als wollte er sein unglaubliches Verbrechen verniedlichen. Man muss ja bedenken: mit diesem Schuhwerk wollte dieser Hurensohn einen Raum voller Manets und Degas betreten. Aber was sollte die arme Frau vom Personal auch tun, sie musste ihn gewähren lassen (musste sie?), vielleicht meinte der Idiot, er gedenke “auch aufzupassen”?, jedenfalls, nehme ich an, konnte die Frau nur noch ein “aber beim nächsten Mal…” an dieses Ungeheuer richten. Ich schämte mich dann so dermaßen für diesen erbärmlichen Mann deutscher Zunge, daß ich die Frau danach, aus einem Willy-Brandt-Reflex heraus, kurz ansprach, und sie schien sichtlich gerührt, daß jemand, Ich, purveyor of the Zurich sun, kurz mit ihr in heiliger Solidarität über die beschämenden Situationen, die Aufsichtsdamen- und Herren täglich erdulden müssen, verharrte. Dann küsste ich sie auf den Mund. Ich hätte mich auf den Eichenboden werfen sollen. Ich tat es nicht. Dort waren Dellen drin.