• mi, 25.6.2025

    VERSUCH ÜBER DIE HOCHSTUFIGE IDENTITÄT EINES SOMMERS

    Postkarten: mind. 23.

    Die letzte Woche hier, sie beginnt heute.

    ALTEUROPA:
    Ein neuer Vogel machte hier in den letzten zwei Nächten neue Geräusche. Sie kamen mit der kühlen Luft der Nacht durchs Fenster herein.
    Erinnern: ja, ich kann mich erinnern, dass A. mal erwähnt hatte, dass sie zur gleichen Zeit in Italien sein würde. War das nicht sogar schon im Februar oder März gewesen? Aber wie genau—diese Frage stellte ich mir bisher nicht—verhielt sich eigentlich A. zu mir? Nicht nur die Wüste breitet sich aus. Technisch gesprochen: das Kontingenz-Gewebe breitet sich aus.
    What If, Can we?, We can, Let’s do it, Come over

    Man könnte es auch so sagen: Ich kenne mich nicht völlig, treffe Entscheidungen, die der, der ich war, zu dem machen, der ich nicht mehr sein werde.
    Und dann war ich, komischerweise, auf einmal ganz ruhig geworden, entschlossen. Nachdem sie alle Strapazen der Reisen und Mühen der Ebenen auf sich genommen hatte, holte ich sie vom Bus ab. Grünes Kleid, gebräunte Beine. Küssten uns sofort, küsste sie mich sofort, ganz kurz, nein, nicht „kurz“, das war es nicht, es war

    der Build-Up.

    Uno, Nessuno, Centomila. Dann habe ich ihr viel erzählt, ohne das Gefühl gehabt zu haben, sinnlos eine Stille überbrücken zu müssen. Für manche Sachen habe ich mich entschuldigt, das Alter, the situation etc. Gelacht natürlich, lächerlich. Ich habe mich manchmal auch, durch den schieren Moment, durch die wunderschöne CRAZINESS all dessen, was da gerade passierte, marginalisiert gefühlt, so dass ich mich fragte: spielt sie das – ist das ein Spiel für sie? Ist es ein Spiel für mich, um dann, wie man vielleicht später feststellen würde, von der Ernsthaftigkeit der Wirkung wieder etwas mehr in Richtung Abgrund gezogen würde? Sehr gute Bits habe ich für sie kreiert. Einmal hat sie sogar mit den Füssen gestampft vor Lachen.

    DIE NEUE WELT:
    mit Komplimenten klarkommen. Ungehörte Komplimente und Beschreibungen. O Boi, was ist eigentlich Sprache?

    Andernorts, in Rom, kennt der eine Typ im Cafe noch meine Bestellung, obwohl ich anderthalb Wochen nicht mehr da war, und er jeden Tag tausend Gesichter sieht. Lang lebe Italien.

  • fr, 20.6.2025

    SIAMESE CAT

    Eine kurze Zwischenmeldung. Wundervolle Tage hier. Ein kleines Leben im Leben führen. So würde ich es nennen. In diesem Moment fällt wenig Text an, auf die schönste Art. Er wird kommen, der Text, und ich will versuchen, so viel ich kann festzuhalten.

  • mo, 16.6.2025

    ROM und MONTCLAIR, NEW JERSEY

    Ein junger Italiener, Fabio, spricht mich an. Es ist Mittwochabend, Kunstfest in der Villa Massimo, tausend bis zweitausend Menschen bewegen sich sirupartig über den knirschenden Kies des weitläufigen Geländes, folgen den Wegen und Abzweigungen, die sich vor ihnen auftun, zuerst von einem Studio zum anderen, in manchen stand noch die Hitze meterhoch, dann, weiter vielleicht zu den kleinen Bars und Aufbauten, wo es etwas zu essen und zu trinken gibt, es ist immer noch sehr warm, denn es war ein heisser Tag, und das Licht wird weniger, die künstlichen gelben Lichter preschen nach vorne, setzen überall Punkte in diese picture plane, man schaltet kurz von Weitsicht auf extreme Kurzsicht und sieht das Flirren direkt vor sich, des Tages, der Tiere, ein Geruch weht herüber, und oben sind die düsteren, düsteren Kronen der zehn Meter hohen Zypressen, die eine Art Mantel über all das halten, all dem etwas—ja, was ist es—Thomas-Mann-Artiges mitgeben?

    Fabio fragt mich nach „den Deutschen“, und warum, das verstehe ich erst ein paar Sätze später: Fabio fühlt sich unitalienisch, er lebt in Neapel und erlebt, so verstehe ich es, jeden Tag den Effekt der Entfremdung von den eigenen Leuten. Er ist nicht so, Ich bin nicht so, sagt er, und er fragt ausgerechnet mich, er fragt nach einem Rat, und ich bin ganz gerührt ob seiner Offenheit, Fabio, mit seinen sad eyes. Wir unterhalten uns eine halbe Stunde, dann geht er seiner Wege. Ich sage ihm, er solle hoffnungsvoll und aktiv bleiben. Was rede ich da?

    Etwas früher, nachdem die sog. Weimarer Delegation durch die Studios geführt war, stand man mit anderen Leuten und Borsisti im Garten hinter der Galeria. Pinien, Magnolien, Agaven. Weisswein, mit etwas Wasser. Gespräche am Stehtisch, bzw. so maskierte Monologe, die man gegenseitig auf sich abfeuert. Mir war aufgefallen, schon die Tage vorher, dass manche Künstler, und ich weiss nicht genau, ob es mit dem Status, den sie haben und von dem sie auch wissen, zu tun hat oder ob es einfach Teil ihrer Natur ist, latenter oder performter Autismus whatever, aber es gibt diese sehr ausgeprägte und sehr spürbare Art des Nicht-wirklich-Zuhörens, des überspannten Blicks, der ständig etwas zu suchen scheint. I don’t know.
    Die Eidechsen hier, die schert es wenig. I want. to be like them, green and quick.

    Ein schöner Moment von einigen: das kalte Bier, frisch gezapft.