• fr, 11.7.2025

    PUTTO CON DELFINO

    „Ein Tag verstreicht.“ H.D. Thoreau, Tagebuch 1, 23. Januar 1841.

    Dies sind—guarda!—die letzten Bilder der Zeit in Italien™: hinter dem Vorhang der Wohnung in der Via Por Santa Maria, da teilt sich das tableau vor mir dergestalt auf, dass dort eine schmale, hohe Gasse sich nach rechts hin windet, die Dächer und Flanken der historischen Häuser leicht schief, in braun und grau, und was da unten weiss leuchtet in der schmalen Gasse, das sind Menschen, Touristinnen, die in heller Leinenkleidung, in weissen und beigen Bermudashorts, von der Sonne angestrahlt, jetzt grade in diesem Moment wieder in die grosse, flache Geometrie einer Schattenfläche laufen, und hinten, ganz hinten, im Fluchtpunkt, liegt, selbst an so einem sonnigen Morgen, die UNWIDERSTEHLICHE Düsternis der Stadt.

    Als der Anwalt und ich in Florenz eintreffen und beschliessen, direkt in die Giardini di Boboli zu gehen, auch, um die Zeit zu überbrücken bis wir in die gemietete Wohnung können, ziehen bereits tiefdunkle Wolken heran. Seit Wochen, fällt mir dann ein, hatte ich hier keinen Regen mehr gesehen. Donnerschläge, weiter hinten in der purpurnen Masse ferne Blitze. Die ersten Tropfen, als wir über den Kies der endlos langen Zypressenallee auf eine Anhöhe zugehen. Eine wahnsinnige Renaissance-Lushness, vom gedämpften Licht des schwer dunkel behangenen, florentinischen Himmels betont. Psycholighting. Nymphen, Gewänder, Sex, Grotten, Zitronen.
    Und während es dann heftig und nicht nachgebend abregnet über den Gärten mit uns in ihnen, und wir uns für eine ganze Weile stillgelegt finden, von der Schwelle einer Herrentoilette aus hinaus in die Landschaft schauend, über die der dichte Regen einen weichen und kühlen Filter legt, ist das doch alles—ganz normal—von: großer, großer Schönheit.

    Auf Armen und Beinen die langsam abklingenden Mückenstiche, die wir noch aus der stehenden Hitze des Steinhauses in Radda zuvor mitgebracht hatten. Die sahen jetzt wie AIDS-Läsionen aus, sehr präsent und an den Rändern blotchy, von in unsern Ländern noch ungekannten lautlosen Flugbestien zusammengestochen oder -gebissen.

  • so, 6.7.2025

    GIARDINI DI BOBOLI

    Heute Weiterfahrt nach Florenz.
    Ich gehe Bilder von Sargent durch, die er in Florenz gemacht hat. Ich möchte sehen, was er gesehen hat, möchte diese Orte besuchen, wenn es geht, sollten sie noch existieren.

    Die Valéry/Proust-Dialektik der Kunsterfahrung. Der sich fortbildende und kultivierende „Erwachsene“ mit Interesse an einer Idee von Objektivität/der stets subjektivistisch „Erfahrende“ und „Assoziierende“, der l’éternel amateur. Wie Sean richtig beschreibt, genau die Trennung zwischen dem Blick eines Künstlers auf Kunst und dem des Kritikers auf Kunst. Will der Künstler AUCH Zweiteres, muss die Beobachtung der Beobachtung ins Spiel kommen. Behauptung vllt. Folgende: ein Valéry-Type kann ein Proust-Type sein, aber ein Proust-Type kein Valéry-Type. Vorteil Valéry. Der narzisstische Knast der Gefühle.

    Neben mir, im Bett, eine von mir im Schlaf (?) zerdrückte Spinne. 09:35h.

  • fr, 4.7.2025

    „IMMER WENIGER BESTIMMTEN LOKALE GEGEBENHEITEN DIE LEBENSFÜHRUNG“, SEITE 18

    That was it. Drei Monate, in Wirklichkeit 83 Tage, im Latium sind vorüber.

    Sergio, von Pizzeria Da Sergio, sagte: niemand schreibt mehr Postkarten. Ich hob mein Hähnchen, Widerspruch anzuzeigen.

    Das ist jetzt schon 2 Tage ins Genre der Erinnerungen herüber gefiled. Monetizing Time: in London spielen Oasis das erste Reunion-Konzert.

    Mit der Villa S. verliess ich auch eine klimatische Rückzugszone, die selbst bei 34 Grad noch immer kühl genug blieb, tagsüber, um sich der Hitze zu entziehen. Des Nachts blies der dunkle dunkle Wald seine frische Luft in mein Schlafzimmer (ich berichtete). Passa.

    Jetzt sitze ich in einem Haus in der Toskana, es ist aus Stein gebaut, und der Stein ist nicht kühl, er ist warm, und ein feiner Film aus Schweiss liegt zwischen mir und der Wirklichkeit. Schmetterlinge wollen durch die Glastüre herein. Mücken kommen herein, und sind jetzt ein echtes Problem. In den Steckdosen hier stecken Digitalanzeiger mit gut lesbaren Displays, die den Gas- und CO2-Wert der Luft nach gefährlichen Schwellenwerten durchdringen. Ich habe bisher, glaube ich, 3 Kamine gezählt. Ich habe einen Ventilator neben dem Bett stehen. Bekannte Gegenstände, mit denen man wenig zu tun hat im Leben, Teil 1.

    Keine Ausnahme: das Elend der Toskana ist gleichzeitig auch sein grösster Förderer: der Tourist. Der Italiener hier, scheint es, ist latent genervt vom Touristen, vom Polohemd und kurze Hosen tragenden Amerikaner, Holländer, Deutschen, Engländer, Franzosen, hat, wie es scheint, gewisse Freundlichkeiten und Offenheiten bereits eingespart, fährt eine gewisse Austeritätspolitik im Umgang, und das Spektrum des Austauschs ist klar umrissen. Versuche ich, italienisch zu sprechen, wird man mir auf Englisch antworten. Schade. Ich würd’s ja gerne lernen, aber der Tourismus zerstört, neben all den anderen Dingen, auch die Geduld. Darum der Effekt, dass mir das Latium, was mir im voraus als Gebiet mit rechtslastiger Bevölkerung bzw. Wählerschicht beschrieben wurde (als ob das eine tiefer beschreibende Qualität hätte) als das nettere, offenere, normalere Italien vorkommt. Ja, langweilig, aber: es ist FALSCH, Tourist zu sein.