• Dienstag, 07.12.2021

    DEM SCHUTZPATRON NIKOLAUS VON MYRA GEWEIHT

    Der Langmut, den ich beim Mantelkauf letzte Woche aufbrachte – ließ ich doch noch sozusagen in letzter Sekunde das braune Teil im Laden – sollte Samstag sein Dénouement finden, eingecasht werden: nachdem ich graphische Arbeit im Plattenladen geleistet hatte (Stichwort TopTen), es regnete da bereits doppelt feucht ab, ging ich bei M. Courbet vorbei, sah dort auch Pascal arbeiten, den ich nicht SO gut kenne, er mich aber immer überfreundlich behandelt und mit allerlei preislichen Abschwächungen beschenkt (warum eigentlich?), und wolllte eben die Mantelsuche ein bisschen fortsetzen. Setzte den Mundschutz auf, wie man früher vom Pferd abstieg, und ging rein. Und tatsächlich ging ich dann, wie automatisch, auf den blauen Mantel zu, der da als letztes Stück seiner Bauart auf der Stange hing, auch in meiner Größe. Probierte ihn an, und wußte! Es war aber kein Preisschild zu finden und ich befürchtete schon Heftiges, wobei – nein, das stimmt nicht, ich spürte eine unbegründete Zuversicht, dass hier UND jetzt diese Verbindung eingegangen werden könnte aufgrund günstiger Zeichen und Vorraussetzungen, und da flötete Pascal mir entgegen, der liege bei 179 Euro, aber es gibt Vierzig Prozent noch drauf, also runter. Und so wurden die notwendigen Handlungen vollzogen und ich tütete ein und war tatsächlich ein bisschen stolz, dass ich da letzte Woche verzichtet hatte.

    Dagegen gestern Flashbacks der Erinnerung, zur strahlendsten und schönsten Wintersonnenzeit, als ich am Rheinufer entlang ging, in kalter und klarer Luft, gewaschen in der Strömung. Dieses Licht lädt wirklich noch jede Baumsilhouette im Gegenlicht, jeden Grashalm mit dieser unerklärbaren Entstehung auf, aus der heraus sich ganze Erzählungen winden. Gestern war es die kleine Erzählung von: als ich Charlotte, so hieß sie, mal eine Blume schenkte, ich war keine Ahnung wie alt, es war auf jeden Fall schon zu Gymnasialzeiten, und Charlotte war ein bisschen älter, aber, glaube ich, nicht mal auf meiner Schule? Ich bekomme die genauen Umstände nicht mehr zusammen, da sind echte Krater, aber eine Art Koordinatensystemchen bleibt, Punkte sind lose und nur teilweise verbind- und nachvollziehbar, aber das Hauptthema dieser Erinnerung war, wie ich mich an diese zarte Verknalltheit erinnerte. Aber war ich überhaupt wirklich verknallt in diese Charlotte, damals? Ich weiß es nicht mehr. Ausgelöst wurde das durch den Ort, diese Ecke, zu der eine nunmehr sanierte kleine Treppe herauffürt, vom Rheinufer, hoch zu dem Pfad, an dem die kleine Nikolauskapelle liegt. Eine mehr oder weniger wahllos vom Gehirn abgespeicherte Detailaufnahme eines Augenblicks, ich, als wahrscheinlich Jüngster, inmitten Älterer, in deren Kreis ich wahrscheinlich dank meines losen Mundwerks Eintritt fand, und dann dieser kleine Moment, wie ich Charlotte diese Blume schenke, wofür man mich wahrscheinlich dann aufzog, und die arme Charlotte, die hatte ich damit sicher in eine merkwürdige Situation…? Charlotte war ein blondgelocktes, schlankes und großes Mädchen, deutlich größer als ich, und ihr Gesicht habe ich heute als bloße Annäherung vor mir, genau und ungenau gleichzeitig, und wie eine Künstliche Intelligenz füllt mein Gehirn Lücken mit “wahrscheinlichen” Pixeln auf, während ein anderer Teil des Gehirns dazu die angehefteten Emotionen mitliefert, oder sie hier, in dieser herrlichen und scharfen Nachmittagssonne, neu überschreibt. Ich denke: Gott, war die süß, und es war richtig von mir, ihr durch eine Blume zu sagen, dass ich sie, so jung ich doch war, süß und schön fand.

  • Donnerstag, 02.12.2021

    EN NORSK MÅLARE

    Schockbriefe – we deliver your horror: die Post. Leider. Diesmal ist aber auch Post aus der Mengelestrasse dabei, mit blauglitzerndem Delfin-Aufkleber, groß wie ein Schmetterling! Es ist ein kleiner Adventskalender, und somit auch meine einzige Dekoration für das sog. Fest. Ich hätte hier gern, für diese Wochen, den Duft von Tannenzweigen in der Wohnung, so dieses bisschen Holzige, geht das, ohne Kranz, ohne Zweige? Ich würde auch selber gerne wie ein Tannenzweig riechen. Das kann ich auch, ich müsste mir einfach das Issey Miyake-Parfum nachkaufen. In diesem Moment dringt der Pestgeruch des AXE-Deos der Nachbarn in meine Wohnung und kündigt an: sie haben jetzt das Haus verlassen.

    Von einer Titelseite, aus einer Zeitungsauslage heraus, flüchten aus der Diastema-Zahnreihe von Jens “Eigenkapital” Spahn unhörbar die Worte Lockdown für Ungeimpfte. Mittags zu fiebach minninger, die Zeichnung für die Auktion des NAK abgegeben, da traf ich dann auch direkt U. und wir unterhielten uns noch etwas vor der Tür, wo das Wetter jede Menge Spirenzchen veranstaltete, von Regen auf Wind auf Graupel und wieder Regen umschaltete, bisschen hysterisch und needy, für meinen Geschmack. Sehnsucht nach Munch’schen Landschaften. Beim Plissee-Laden wurde ich vertröstet, ich solle später nochmal wiederkommen, die neuen Aufnäher abzuholen.

    Erste Etappe eines Mantelkaufs. Mein geliebter Brauner hat ein neues Loch, oben an der Schulter, und ich befürchte, die Zeit für die Trennung ist gekommen. Fast hätte ich schon einen gekauft, aber er hatte diesen merkwürdigen Schimmer, den ich, quasi im letzten Moment, als “billig” wahrnahm. In Dunkelblau hätt ich ihn genommen. Ich denk auch an den wunderschönen Tweed-Anzug, den ich auf der Kunstmesse gesehen hatte, aus der Tiefe kam er zu mir zurück.

  • Montag, 29.11.2021

    WITH YOUR KISS MY LIFE BEGINS

    Es zieht überall in dieser Wohnung. Aus irgendwelchen durch Materialauflösung vergrößerten Ritzen und Schlitzen dringts hier rein, und ich weiß auch, daß hier, in diesem Haus, nichts mehr passieren wird, diese Situation zu verbessern. Ich muss natürlich auch mehr anheizen gegen diese latente Quälerei. Provisorisches Wohnen, jahrelang. Man IST nicht sein Körper, man HAT einen, und man IST nicht seine Wohnung, man HAT eine. Und dann, auf dem Ebertplatz, da liegen die Obdachlosen jetzt vor den Ladenlokalen, manche nur mit einer kleinen Isomatte und einem Schlafsack, und ich raffe nicht – erstens: wie das überhaupt geht, in dieser Kälte, die ja noch nicht mal die kälteste Kälte ist (es geht natürlich NICHT, aber was unaushaltbar ist, das hält man offensichtlich lange aus), und zweitens: wie soll das eigentlich weitergehen. Es ist so brutal deutlich, wie viel MEHR Obdachlose es gibt, hier direkt in meiner fußläufigen Umgebung, und wie viel näher das alles kommt, wie diese Leute sich in diese kleinen Fluchten und Nischen zurückziehen, manche mit immer mehr fahrendem Hausrat und Gerümpel, das sie ihren Besitz nennen, und dann schlafen sie neben Dreck und Kotze auf dem eisigen Stein dem Tod entgegen oder was? Die Würde des Menschen – natürlich eine absolut perverse Lüge.

    Gestern ging ich dann einfach raus, und meine Beinchen trugen mich wieder ins Museum. Da stand ich dann, wieder mal, vor dem Kienholz War Memorial, und rief die Geister des Advents an—aber jetzt, 11:07h, fällt Schnee oder Graupel kräuselnd vom Himmel herab. When Attitude Becomes Weather.