CATHARINA VAN HEMESSEN: SELBSTBILDNIS AN DER STAFFELEI, ÖL AUF EICHENHOLZ, 1548
Die Morgenstunden. Nebelschleier, im Fensterblick wie eine Vignette aus Quecksilberdampf. In der Mitte drängeln sich nichtgraue Dinger wie zu einem Gruppenfoto, Bäume, die schwarze Plane, aschrotes Gemäuer. Es ist der Ausblick des jungen und aufstrebenden Künstlers Renato Campini, 39, den soeben eine Email erreicht, daß seine Bahn-Card teurer wird. Gleichmütig betrachtet er nun das Porträt der heiligen Barbara.
Gestern, in der Ausstellung über Maltechniken der letzten Jahrhunderte, interessierte mich, neben einigen Bildern (fast alle Gemälde waren aus der eigenen Sammlung), vor allem die Kupferplatte als Trägermaterial. Das wurde mir gestern erst offensichtlich, wie klar und satt und dicht die Farben auf diesem Träger kommen, und gleichzeitig fragte ich mich, wie man diese glatte Oberfläche überhaupt gut präpariert kriegt, damit solche Ergebnisse überhaupt möglich werden, Grundierung usw. Ok, aber jetzt wirds zu technisch. Fast am Ende der Ausstellung ein geiler Vuillard: “Bildnis der Schauspielerin Lucie Belin (Frau im Atelier)”, 1914/15 – mit Leimfarben gemalt, von betörender Mattigkeit, gedrosselte und matschige Grüns, Brauns und Ocker.
Hier direkt zwei Häuser weiter, wo vorher der Frozen-Yoghurt-Laden war, hat jetzt ein Donut- und Kaffeeladen eröffnet, mit einer von diesen brutalen LED-Beleuchtungen vorne, die bei Dunkelheit eine extrateresstrische Invasion suggeriert. Ich habe leider die Befürchtung, daß der nette junge Mann in drei Monaten wieder dichtmachen muss, darum kaufte ich eben aus stiller Solidarität, und auch irgendwie aus Scham darüber, dass wir die Welt zu so einem kapitalistischen Terrorspielplatz haben verkommen lassen, einen Donut mit Schokolade und Krokant. Es gab noch zig andere Donut-Modelle, einige mit skulpturalem Appeal. Zerbrochene Mini-Bretzel lagen wie Brocken des Parthenon auf einer Schicht aus Glasur! Andere sahen aus wie das, was sich manche Frauen auf die Nägel machen lassen. Draußen schien die Sonne. Die Nebelschleier waren weitergezogen.