• Samstag, 16.10.2021

    CATHARINA VAN HEMESSEN: SELBSTBILDNIS AN DER STAFFELEI, ÖL AUF EICHENHOLZ, 1548

    Die Morgenstunden. Nebelschleier, im Fensterblick wie eine Vignette aus Quecksilberdampf. In der Mitte drängeln sich nichtgraue Dinger wie zu einem Gruppenfoto, Bäume, die schwarze Plane, aschrotes Gemäuer. Es ist der Ausblick des jungen und aufstrebenden Künstlers Renato Campini, 39, den soeben eine Email erreicht, daß seine Bahn-Card teurer wird. Gleichmütig betrachtet er nun das Porträt der heiligen Barbara.

    Gestern, in der Ausstellung über Maltechniken der letzten Jahrhunderte, interessierte mich, neben einigen Bildern (fast alle Gemälde waren aus der eigenen Sammlung), vor allem die Kupferplatte als Trägermaterial. Das wurde mir gestern erst offensichtlich, wie klar und satt und dicht die Farben auf diesem Träger kommen, und gleichzeitig fragte ich mich, wie man diese glatte Oberfläche überhaupt gut präpariert kriegt, damit solche Ergebnisse überhaupt möglich werden, Grundierung usw. Ok, aber jetzt wirds zu technisch. Fast am Ende der Ausstellung ein geiler Vuillard: “Bildnis der Schauspielerin Lucie Belin (Frau im Atelier)”, 1914/15 – mit Leimfarben gemalt, von betörender Mattigkeit, gedrosselte und matschige Grüns, Brauns und Ocker.

    Hier direkt zwei Häuser weiter, wo vorher der Frozen-Yoghurt-Laden war, hat jetzt ein Donut- und Kaffeeladen eröffnet, mit einer von diesen brutalen LED-Beleuchtungen vorne, die bei Dunkelheit eine extrateresstrische Invasion suggeriert. Ich habe leider die Befürchtung, daß der nette junge Mann in drei Monaten wieder dichtmachen muss, darum kaufte ich eben aus stiller Solidarität, und auch irgendwie aus Scham darüber, dass wir die Welt zu so einem kapitalistischen Terrorspielplatz haben verkommen lassen, einen Donut mit Schokolade und Krokant. Es gab noch zig andere Donut-Modelle, einige mit skulpturalem Appeal. Zerbrochene Mini-Bretzel lagen wie Brocken des Parthenon auf einer Schicht aus Glasur! Andere sahen aus wie das, was sich manche Frauen auf die Nägel machen lassen. Draußen schien die Sonne. Die Nebelschleier waren weitergezogen.

  • Donnerstag, 14.10.2021

    OLAF SCHOLZ (SPD) DER ÄLTESTE MENSCH IM ALL

    Im Book-Center reißt Verkäufer C. für mich die Folie vom neuen Houellebecq-Reader-Klotz, Dumont Verlag, und ich blätter ein bisschen. Preis 44 Euro. Ich kaufe natürlich erstmal nicht, aber mache ein paar Fotos der Fotos im Buch, Houellebecq als Teenboy mit Flanellhemd im Griechenland-Urlaub. Also genau nicht der Künstler, der uns, sichtbar zerstört von der Erfahrung der Welt und der Formgebung dieser Erfahrung in Text, anblickt. Dann schlag ich einfach mittendrin auf—Der Konservatismus, Quelle des Fortschritts

    Später besucht mich eine Freundin in meinem Art-Center. Sie berichtet, dass sie seit ein paar Wochen in eine Tagesklinik geht, für Psychosomatik und Psychotherapie. Das ist eine Art Full time job, die ganze Sache geht jeden Tag, von 8.30 bis in den Nachmittag, sie zeigt mir ihren Stundenplan mit den ganzen Kursen. Gruppentherapie, Kunsttherapie, Körpertherapie, die, so die Freundin, am meisten reinhaut, gerade weil man sich darunter nichts wirklich vorstellt, sagt sie. Es ist ein bisschen wie bei der Massage: die zeigen dir Muskeln, Areale, Punkte, von denen man nicht weiß, das sie in einem existieren, und dann drücken die da drauf (oder sie machen, dass man selbst drauf drückt), und dich haut es um. Sie erzählt mir auch, was da sonst noch für Leute sind: zum Beispiel Männer, Arbeiter bei Großkonzernen, Kaufhausketten, Automobilherstellern, die im Lager oder in der Fabrik einfach zusammengeklappt sind, wo man erst dachte: Herzprobleme, irgendwas Körperliches, und dann bekommen diese stämmigen Arbeiter die Diagnose ANGST, Depression, bekommen Therapie empfohlen, wo sie mit anderen im Kreis sitzen und REDEN, über Dinge, für die sie erstmal eine Sprache finden müssen, nehme ich an. Unfassbare Brutalität. Wie sie das so erzählt, bekommt man wirklich einen guten Eindruck von der Art und Weise der Vernichtungsmaschine Lohnarbeit im Großkonzern. Thomas Bernhard hört auf, der musikalische Hasser zu sein, den man akademisch-abgeklärt und belustigt sich reinzieht. Der Vernichtungs- und Auslöschungs-Drive ist Realität, ist wirklich da, da, wo kein grüneres Gras wächst. Die Therapiezentren in Deutschland sind randvoll. Auf einen Platz wartet man Monate.

  • Montag, 11.10.2021

    KONDOM ERST IM KREIßSAAL ANZIEHEN

    Auf 1 scheußliches, sonniges Sonntagswetter mit guter Luft und dem verlockenden Geruch des Rheins folgt heute endlich wieder echtes Deutschlandwetter: Einmarschier-Stimmung, geduckt halten, Lauterbach-Kommentare. Immer interessant, wie es in den geographisch engen Grenzen dieses Landes mit diesen Media/Personality-Brandings läuft, der ewige battle for eyeballs. Vor ein paar Jahren, nur wenige Schwalben und Sommer ist es her, war Lauterbach noch der lustige Ungefickte mit der Fliege, SPD-Exponat der zweiten oder dritten Reihe. Heuer klappt man das Internet auf, und Lauterbach, vielleicht auch selbst schon ein bisschen verloren bzw. vollends aufgegangen in seiner relativ neuen Rolle als Quasi-Faktotum all things Seuche, sagt was, hat sog. Einschätzungen. Spricht man über die Seuche so spricht man über die Gesellschaft: in 2021 leider, oder lustigerweise wirklich so. Die Dreiteiler hat Lauterbach abgelegt, die Fliege kommt immer seltener vor, ich seh ihn ständig eigentlich in dieser schwarzen Übergangsjacke – diese vielleicht auch eine Art Endpunkt einer postmodernen Chiffrierung, als Kleidung für einen Politiker nochmal theatralisch erhöht. Ich arbeite ja über Bilder JEDER Qualität. Vor zwei Jahren malte ich ein Produktfoto einer Daunenweste der Firma Patagonia ab, weil ich einen super interessanten Artikel im Wall Street Journal, glaube ich, gelesen hatte, und darin wurde über konsensuelle, männliche Kleidungstrends im financial district berichtet, über Markentrends (Canada Goose, Patagonia etc.) und welcher Zauber innewohnt. Die Idee war im Prinzip: neue Darstellungsformen für das erigierte Glied – und wie man erstmal eine neue Opposition zu einem neuen Symbol aufbauen müsste. Und IN diesem Zeitraum passiert die action.

    Der heutige Titel konnte sich in einem extrem knappen Voting gegen DEUTSCHER BESSERWISSER-KATHOLIZISMUS, c/o Kommentar Thomas Jansen bei der FAZ Online, durchsetzen.