• Mittwoch, 24.11.2021

    SCHLUMMERT EIN, IHR MATTEN AUGEN, Teil 2

    Als ich dann Sonntag – Winter frisst ab Mittag schon die Lichter auf –  zum dritten Mal die Kunstmesse aufgesucht hatte, betrat ich den gegen die frühe Dunkelheit anleuchtenden flughafenterminalgroßen Eingangsbereich (darf ich kurz Ihr Impfzertifikat prüfen) bereits wie einen neuen Arbeitsplatz: ohne große EMOTIONEN, aber interessiert daran, wie sich erste Wiederholungen auswirken, wie jetzt hier die Kunst sich zeigte, unter dieser Form der Dauerbeobachtung und Ballung. Es ist erfahrungsgemäß schwierig. “Alte Kunst macht traurig. Es wirkt so in sich stillgelegt”, schreibt Rainald im Abfall, und ich finde: stimmt nicht, finde ich genau gar nicht, aber in extension: Messe macht die neue Kunst nicht tot, aber komisch vulgär, ganz automatisch messebedingt aufdringlich, wie ja eben alles NEUE diese ganz spezifische Behauptung mit sich bringt, diese Zeitgenossenschafts-Ansage, und in Kombination mit der Messe-Situation, da wird dieser Gegenwartsaspekt für mich so zerrüttet und vielleicht sogar haunted. Berührbarkeit nimmt ab, ein breiterer Blick stellt sich ein, eine etwas systematischere Betrachtung, und da wird man ganz nüchtern bei. Für mich aber, da bleibt immer der Gedanke: gut, dass ich das gemacht habe, für mein Arbeits-Ego ist das gut. Probleme der NORMALEREI.

    Enttäuschend war die Echtbesehung von den Sayre Gomez Malereien bei Nagel Draxler. Ich kannte das bisher nur aus dem Internet, diese aktuelle fotorealistische Malerei, und fand es toll, dieser ganzen Emopolitik der durch Hysterie in Aktionismusschock versetzten Kunstwelt einen trockenen Darstellungsrealismus entgegenzusetzen, so ganz kommentar- und sloganlos, und dann, wo ich ganz in echt davorstand, da war leider der Ekel der Airbrushmalerei wieder da: das Zeug ist so dünn, das fällt in zwei Jahren da runter, you can just peel it off. Mechanisch ja wahr: Luft.

    U. erzählte, sie konnte von ihrer Küche aus sehen, wie der Dachstuhl der Schule ihres Sohnes abfackelte. Davon handeln ja Dutzende Nancy-Comics, dass sie träumt, ihre Schule explodierte oder brennt ab. Jetzt aber, im Winter 2021, erzählt U. das mit dezentem Horror, denn für sie, die Mutter und Künstlerin, bedeutet das noch weniger von der kompromisslosen Zeit, die diese Art der Arbeit, die wir Kunst nennen, braucht.

  • Freitag, 19.11.2021

    SCHLUMMERT EIN, IHR MATTEN AUGEN, Teil 1

    ArtCologne, 2021. “Malerei hat mit Erfahrung zu tun”, schreibt mir jmd. als Direct Message bei Instagram, nachdem ich ein paar Minuten zuvor eine Malerei von Mathias Schaufler gepostet hatte, “Schlange” aus 2021, ein schlankes Hochformat, auf dem die Schlange wie eine Einzelform in schmutzigem Orange hingespachtelt und zurechtgeschmiert saß, der dynamisch-flache Kopf ganz unten, wie auf uns zukommend, ultrawach und lauernd, und alles außerhalb dieser geballten Fläche, typisch für Schaufler, bleibt weiße Leinwand. Dieser weiße Negativraum ist elementar für die Betonung dieser Ganzform Schlange, also für die farbige Materie als Form (Schlange) auf einer Form (rechteckiges Hochformat). Viele Entscheidungen sind gefallen, gefallen worden, noch bevor das Auge mit dem Schauen anfängt. Erfahrung. Das stimmte. Und das ist es auch, was mir bei vielen der anderen Malereien unserer sog. JUNGEN KUNST fehlte: erkennbare Erfahrung, von der das Bild, wie auch immer konkret oder abstrakt oder trashy oder akkurat oder 2021ish, auf seine Weise handelt. Truman Capote meinte mal, auf Jack Kerouac’s Writing angesprochen: “That’s not writing, that’s typing”. Und so kommt mir auch vieles vor, nach stundenlangem Umhergehen und Nochmalschauen, leider: Image-Making, Materialplatzierung, that’s not painting, that’s typing. Ich bin streng, weil ich streng zu mir bin, und ich lass mich gern reinziehen. Aber ich bin auch zu jedem NEIN bereit.

    Was anderes: ich stand, ich weiß nicht mehr an welchem Stand, vor zwei Fotografien von Jimmie Durham, “with a black eye”, sowas, und ich schaute das ungewöhnlich lange an, und am nächsten Morgen, da las ich vom Tode Jimmie Durhams. Sein Schluss war nun gekommen.

    Produktidee: ein Adventskalender, auf jedem Türchen das Gesicht von Lothar Wieler haha

  • Samstag, 13.11.2021

    Von weichem Glanz und alabastern, wie Haut auf den mythischen Gemälden des Johann Heinrich Füssli, so lag der Zürichsee belegt von Nebel. Jeder Nebel wie ein Baby, frisch geboren und im Wesen rein. Ich glaube an die Psychosomatik. Ich glaube an die schwarzen Augen der Möwen. Hier rauche ich schon morgens eine Zigarette, und sie schmeckt fantastisch, und ich sauge ihren Rauch ein wie ich den Nebel einsauge. Aber mein Frühstück nenne ich Qualm und Nebel nicht. Wachet auf, lasst euch vom Dunste rufen. Echtes Silber. Ach ja, Füssli: sein Schwarz ist Obsidian.

    Dann die Eröffnung. Thomas kam extra aus Köln, so wie Manou, Joachim aus Berlin, Petronella aus Chur, und da waren freilich noch viele Andere. Was soll ich hier lange rumschreiben, was mit einem Wort zu beschreiben ist. Es war ein wahrhaft SCHÖNER Abend.

    Ins Kunsthaus musste ich zwei Mal gehen, um das alles auch nur halbwegs sehen und verarbeiten zu können, was diese Schweizer dort angesammelt haben. So etwas habe ich wahrlich noch nicht gesehen. Ich ließ mich von einem Vuillard aufs Angenehmste töten. Und stand wieder auf. Ein Rotkohl, eine Schnecke, ein Schmetterling, eine Libelle, eine Biene und eine Assel in einer Landschaft.