SCHLUMMERT EIN, IHR MATTEN AUGEN, Teil 2
Als ich dann Sonntag – Winter frisst ab Mittag schon die Lichter auf – zum dritten Mal die Kunstmesse aufgesucht hatte, betrat ich den gegen die frühe Dunkelheit anleuchtenden flughafenterminalgroßen Eingangsbereich (darf ich kurz Ihr Impfzertifikat prüfen) bereits wie einen neuen Arbeitsplatz: ohne große EMOTIONEN, aber interessiert daran, wie sich erste Wiederholungen auswirken, wie jetzt hier die Kunst sich zeigte, unter dieser Form der Dauerbeobachtung und Ballung. Es ist erfahrungsgemäß schwierig. “Alte Kunst macht traurig. Es wirkt so in sich stillgelegt”, schreibt Rainald im Abfall, und ich finde: stimmt nicht, finde ich genau gar nicht, aber in extension: Messe macht die neue Kunst nicht tot, aber komisch vulgär, ganz automatisch messebedingt aufdringlich, wie ja eben alles NEUE diese ganz spezifische Behauptung mit sich bringt, diese Zeitgenossenschafts-Ansage, und in Kombination mit der Messe-Situation, da wird dieser Gegenwartsaspekt für mich so zerrüttet und vielleicht sogar haunted. Berührbarkeit nimmt ab, ein breiterer Blick stellt sich ein, eine etwas systematischere Betrachtung, und da wird man ganz nüchtern bei. Für mich aber, da bleibt immer der Gedanke: gut, dass ich das gemacht habe, für mein Arbeits-Ego ist das gut. Probleme der NORMALEREI.
Enttäuschend war die Echtbesehung von den Sayre Gomez Malereien bei Nagel Draxler. Ich kannte das bisher nur aus dem Internet, diese aktuelle fotorealistische Malerei, und fand es toll, dieser ganzen Emopolitik der durch Hysterie in Aktionismusschock versetzten Kunstwelt einen trockenen Darstellungsrealismus entgegenzusetzen, so ganz kommentar- und sloganlos, und dann, wo ich ganz in echt davorstand, da war leider der Ekel der Airbrushmalerei wieder da: das Zeug ist so dünn, das fällt in zwei Jahren da runter, you can just peel it off. Mechanisch ja wahr: Luft.
U. erzählte, sie konnte von ihrer Küche aus sehen, wie der Dachstuhl der Schule ihres Sohnes abfackelte. Davon handeln ja Dutzende Nancy-Comics, dass sie träumt, ihre Schule explodierte oder brennt ab. Jetzt aber, im Winter 2021, erzählt U. das mit dezentem Horror, denn für sie, die Mutter und Künstlerin, bedeutet das noch weniger von der kompromisslosen Zeit, die diese Art der Arbeit, die wir Kunst nennen, braucht.
