• Mittwoch, 10.11.2021

    BIER IN THE OLD CROW

    Grade aus Zürcher Nacht nach “Hause”, ins Hotel. Ich verabschiedete mich von Henri unter den Lichtern von UBS und Credit Suisse am Paradeplatz, und Henri beschrieb mir den Weg, und ich ging diesen Weg, und da sah ich auch schon die Quaibrücke, und auf der anderen Seite das Gebäude mit der Leuchtschrift NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, blassweiss glühend in Schweizer Nacht. Timecode hatte dieses und andere Großlichter der Stadt angeschaltet, mir, ein bisschen zumindest, den Weg zu weisen. Ich verlief mich dennoch. Ich rauchte drei Zigaretten und ging noch etwas, bis mir klar wurde, ich erkenne es nicht wieder, wie war nochmal der Weg. Es war wie mit dem PIN für die Bankkarte: sobald man anfängt darüber nachzudenken, ganz gezielt sich daran zu erinnern, verfranste es mir noch im Denken. Alles wurde FAST, so ungefähr, aber nicht: der Weg. Eine unsichtbare Schwelle war überschritten, und auf einmal erschien mir der Abschnitt der Straße fremd, hier war ich doch niemals? Ich ging in eine italienische Bar, gab mich als verlaufen aus, und dort war ein junger Mann superfreundlich und zeichnete mir den Weg, mein Handy war tot, leer, auf einen kleinen Zettel. Er hatte aber das falsche Hotel eingegeben, der von ihm aufgezeichnete Weg schien mir viel länger als der, den mein Hirn mir in seiner diffusen Art selbst sendete. Ich kenne den Weg zwar nicht, aber das, das ist er nicht. Ich durfte also selbst den Namen des Hotels eingeben, auf seinem Handy, was ich merkwürdig intim fand, das Handy eines Fremden in der Hand zu halten. Dann fand ich aber den Weg, ich war natürlich lächerlich nahe schon, drei Minuten war ich entfernt. Es war Zwingli selbst, der mir den Weg wies, aus fernster Ferne wirkte er, und ich, ich liege hier und jetzt in geschmeidigen Daunen und notiere das hier. Im Fernsehen erscheint das Gesicht von Ursula von der Leyen. Gute Nacht.

  • Dienstag, 09.11.2021

    ÜBERNATÜRLICHE REISE, PERSÖNLICHE BEICHTE

    For all that moveth doth in change delight—eben noch ein deutsches Nebeltal, jetzt die Durchsage, daß die Person, die eben auf der “Toilette in Wagen 25 geraucht hat”, gerne von der Bundespolizei am nächsten Bahnhof abgeholt werden kann. In diesem Moment durchbricht der Zug den Nebelring und wir rauschen in die innige Umarmung mit der Morgensonne, Täler links, Hügel rechts, ein glühender Flaum an den goldenen Rändern der Bäume. Der Kontrolleur sagte eben zu einem original “Hallöchen”, Kippenberger-Stimmung kommt auf, gute Laune, heißer Kaffee, deutschebahnheiß, Leiden Warum Leiden Wozu.

    11:12h. Umgestiegen in Mannheim. Der ICE jetzt ist die aufgeräumte, saubere und sachliche Version des vorherigen, der eher wie eine fahrende Furzkoje daher kam. The decline of the West. Ich erwarte aber auch, dass alles, was südlich kommt, aufgeräumter, ordentlicher, besonnener und weniger larrymässig ist. Im Wagen hier sprechen alle in süddeutschen Zungen. Geil. Jemand sagt grad, er freue sich schon auf usw.. Ich freu mich auch schon auf. In der Ferne Hügel dicht bewaldet, und über Baden Baden lacht die Sonne unverdrossen.

    12:13h. Am Bahnhof Freiburg hängen Blumenkästen auf den Bahnsteigen. Blumenkästen, mit Blumen drin. Unglaublich.

  • Sonntag, 07.11.2021

    WAR EBEN EIN KÜNSTLER, UND ALS SOLCHER WAR ES SEINE AUFGABE, DAS LEBEN NICHT ZU ERLEBEN, SONDERN NUR ZU BESCHREIBEN

    Man ist ja auch Literatur-Manager. D.h. ich manage hier die zig Bücher, die mit geknickten Seiten und Zettelchen-Lesezeichen rumliegen, da, oder hier, aufm Boden: stimmt ja, das les ich ja a u c h gerade, schön! Man merkt ja selbst am Buch, WIE man das lesen kann, auf welche Arten, wie man Konzentration und Aufmerksamkeit aufbringen muss in Bezug auf Form, Inhalt, Stil, Information usw. Etwas flau im Kopf? Neuronale Durchpustung nötig? Dann nimm doch mal 5 Absätze Eliot Weinberger, zum Beispiel. Mach ich, Doc. Da ist ja schon ein Lesezeichen drin, mal schauen, wo ich da zuletzt noch dran war, kommt da, brandet da was hoch noch im Konservenlager meines Denkens?

    Ich lese die Maisdose.

    Oder als Ausgleich zu etwas anderem. Weil mir der todbringende Tumor von Fritz Zorn, so ganz allein genommen, bisschen zu düster ist grade, die ganze (nachvollziehbare) brutal GEFASSTE Wut vom Rande des Zürichsees zu vernünftig…. Also wieder in der Duchamp-Biografie. Februar 1923. Mal eben von New York zurück nach Frankreich heißt ja jedes Mal: zwei Wochen mit dem Schiff über den sog. Ozean. Und dann ist die Szenerie Männergruppen mit Manifesten. Anstrengend. Niemals Mitglied eines Vereins, der einen auch aufnehmen würde. Leuchtet mir TOTAL ein, also in Totalität.

    Die Tramplerin machte um kurz vor Neun ihren Verhaltensauffälligentechno an. Garnierte das mit etwas, logisch, Getrampel. Eine Idee wäre ja, ihr im Schlaf die Füße zu amputieren, oder nicht?