• Freitag, 05.11.2021

    SPIRIT DER KLEINSTAATEREI

    Morgens, auf Anordnung von oberster Stelle: keinerlei Andeutungen von Primär- oder Sekundärfarben im Himmelsgewölb geduldet, dafür eine blickdichte Wolkenpanzerung, nietenlos verschweißt und kugelsicher, streng aber gerecht. An den Rändern der Wolken seh ich eingestanzt das Gütesiegel: MADE F O R GERMANY. Still und lauernd die See darunter, kein Schiff zu sehen, nichts.

    Was ist heute, Freitag? Ah, ja, glaube ich s o f o rt. Und schon löst sich dieses Wort—

    F R E I T A G

    wie eine Tablette auf und was man sieht ist dieselbe leicht trübe Flüssigkeit, ohne Hinweis darauf, dass je etwas beigegeben wurde. We drink the potion. Irgendwo bellt ein Chinese, nein, anders: Irgendwo kauft ein Chinese den lokalen Rohstoffmarkt auf. Winter Zweitausendeinundzwanzig, Fallzahl Neu 37.120 Inzidenz 169,9. Thank you for joining KREBSBARACKE – from Meta∞

    Keine Ladung, keine Spannung ohne das Andere. Gestern saß ich im kleinen Tantuni-Laden, und es waren die drei Frauen da, bzw. drei Generationen, die Alte, ihre Tochter und dann deren Tochter, und ich merkte, wie ich, als einziger Gast dann, in diese kleine Familienszene, die mit schöner türkischsprachiger Musik unterlegt war, eindrang ein bisschen, aber die Frauen ließen sich nicht irritieren davon, und ich wurde so ein interessierter Beobachter, und die merkten das auch ein bisschen, aber es schien okay, sie änderten ihr Verhalten nicht, führten nichts auf. Und während die Älteste mein Tantuni-Dürüm zubereitete, bastelte ihre Tochter mit der eigenen Tochter an einer Papprolle herum, an deren Ende eine fransige Krone aus Papierschnipseln geklebt wurde, und ich schaute immer wieder mal rüber, und das junge Mädchen, vielleicht so 10 Jahre alt, bemerkte dann, dass ich schaute, und darum schaute auch sie auf mich zurück, und ich glaube, sie fand es interessant, dass ich interessiert schaute, und ihr Blick war so neugierig und zurückhaltend, und ich war dann auch ein bisschen schamvoll berührt, weil es so eine niedliche Szene war, und alles nur BILD und BEWEGUNG, kein TEXT. Ich fragte dann irgendwann, in einen Moment hinein, ob das für Sankt Martin sei, und da sagte sie auf so eine fröhliche und rabaukige Art NEIN, als sei ich ein Volltrottel für die Frage schon. Das gefiel mir auch. Dann kamen etwas später zwei Mädchen, junge Frauen rein, setzten sich an den Tisch neben mir. Sie waren Anfang 20 würde ich schätzen, und ich saß dann also mit diesen fünf Frauen in diesem Raum und empfand es einfach als angenehm, und mich, man könnte jetzt sagen bescheuerterweise oder ganz natürlicherweise, von deren Weiblichkeit und der Gesellschaft dieser Weiblichkeit beruhigt und befriedet und voll okay mit der Welt. Oberflächenerfahrung, tiefenpsychologisch, gehirnlich heimgekehrt.

  • Montag, 01.11.2021

    ∞ cute lil ass ∞

    Download und Studium des brandneuen META Logos, optische Pforte des Metaverse, das neueste, angenehm harmlos und gnadenlos aseptisch inszenierte Vernichtungskonglomerat der Apps aus Silicon Valley. Ästhetische Praxis ist hier die der betonten Un-Originalität, Anti-Alleinstellung, dafür aber mit dem Fundament der historisch gewachsenen nahezu-Unfehlbarkeit eines universellen Symbols. Hier wird Gravität appropriiert, angezapft. WIR MÜSSEN UNS ES IN STEIN GEMEISSELT VORSTELLEN.

    Ultra Big Corporate Austerity Visual Complex – die Sehschule

    Da ist also, offensichtlich, die Unternehmens-“Faszination” für das Unendlichkeitssymbol, das Möbiusband, die faule 8, die nie endende Schleife, die Endlosschleife, never ending, oder, wie damals, auf meine Frage hin, wie es ihm ginge, der Besitzer vom Başkent-Imbiss: “Immer weiter”. Oder aber: zwei minikleine, zu Kanonenkugeln angespannte Glutaeus Maximus, oder sind die zwei Arschbacken ein- und derselbe Glutaeus? Hier bitte selbst einfügen: eine Liste aller Unternehmen der Welt mit einer Version des Infinitesimalsymbols.

    Ein Objekt der Zwei-Dimensionalen Mannigfaltigkeit, ohne e r k e n n b a r e s Unten oder Oben, und somit endgültige Abschaffung oder aber Vollkongruenz des vom ehemaligen Boxer René Weller in die Kultur getragenen René-Weller-ism: “Wo ich bin, ist oben, falls ich mal unten bin, ist unten oben.”

  • Sonntag, 31.10.2021

    JUPITER MISSION, 18 MONATE SPÄTER

    Ich bin jung und reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein. Ich stamme aus einer der allerbesten Familien des rechten Zürichseeufers, das man auch die Goldküste nennt. Ich bin bürgerlich erzogen worden und mein ganzes Leben lang brav gewesen. Meine Familie ist ziemlich degeneriert; und ich bin vermutlich auch ziemlich erblich belastet und milieugeschädigt. Natürlich habe ich auch Krebs, wie es aus dem vorher Gesagten eigentlich selbstverständlich hervorgeht.

    —und da war ja auch schon klar für mich, daß ich DAS lesen will, was da noch alles kommt, von diesem Ich da, aus einer der allerbesten Familien, vom rechten Zürichseeufer, das man auch die Goldküste nennt.

    You’re listening to WRTI JAZZ Philadelphia

    Fühle mich immernoch angenehm, oder zumindest nicht unangenehm, leer. Seit dem Transport, so kitschig und einfach es klingen mag, aber: es ist so. Ein Vollmond zog vorüber in der Zwischenzeit. Don’t shoot me, Alec.