• Donnerstag, 16.09.2021

    SCHRECKEN DER UMFAHRUNGSSTRASSE

    Das mechanische Schnalzen und Klacken eines Vogels hier, ich dachte kurz: wer lädt denn hier nach, wer lädt denn hier seine Waffe durch. Mit der Angst eines endgültig Enttarnten machte ich Kaffee. Habt ihr Norm MacDonald erschossen?

    Bei REWE im Bücherschrank, wo ich schon den Donna Tartt Band gefunden hatte, gestern eine dtv-Ausgabe von “Der Hexenhammer” von Inquisitor Heinrich Kramer, aus dem Jahre des Herrn 1486. Fühlte mich an das Parteiprogramm einer extrem radikalen Ein-Frau-Partei aus dem Norden Berlins erinnert, deren Ziel die endgültige Spaltung der Geschlechter ist. Ich habs natürlich auch mitgenommen. Ich klappte das Buch irgendwo auf und fand auch sofort einen Satz, der extrem gut gealtert ist: …daß schon die Leugnung des Hexenglaubens als verwerfliche Ketzerei verurteilt werden muß.

  • Montag, 13.09.2021

    DEIN ATEM HAT KEINE DACHSCHRÄGEN

    Der Traum, manchmal: ich versuche, ihn sprachlich zu greifen, aber es zerrint zwischen den Fingern wie der Blob, der er vielleicht schon selbst, wesenhaft, ist. Obwohl ich so etwas wie einen sprachlichen Nachhall registriere, ist es doch so, daß die Erinnerung an den Traum auf einer, in einer Partition liegt, wo es sprachlich (sinnkonstruierend) keinen direkten Zugriff gibt. Häkchen bei Überschreiben und Zugriff – bin nicht sicher. Stattdessen anamorph verzerrte Restbilder und der Bodensatz eines Gefühls. Duplizieren? Weiß nicht.

    The Artist’s Way

    Lane Relyea, den kannte ich garnicht. Dann dieser schöne Text von ihm im Adam McEwen-Katalog, und jetzt dieser schöne Text in einer alten Parkett-Ausgabe von 1996, über Cady Noland: The stocks draw out the menacing
    aspect of everything within its vicinity, including the
    children’s swing, which now resembles a gallows.
    Über die Budweiser-Dose zur Todesnähe. Sowas vermisse ich in der aktuellen Kunst, da ist mir zuviel von dem, was Otto “altfränkisch” nennen würde.

  • Samstag, 11.09.2021

    Severe clear. Den Begriff habe ich irgendwann mal, zu einem viel späteren, aber nicht mehr genau zu benennenden Zeitpunkt, gehört. Luftfahrtterminologie. Seitdem auch nicht mehr vergessen. Ein völlig wolkenloser, blau strahlender Himmel. An jenem Tag ein Blau im Sinne von: spätsommerblau, satt und kräftig und opak. “with ceiling and visibility unlimited”. Uneingeschränkte Sicht, die denkbar und REAL klarste Sicht. Ich weiß noch, von den Fernsehbildern, wie schön dieser Dienstag sich anging, da drüben, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, was das hier für ein Tag war. Wie sah der Tag denn hier aus? UNS blieb ja bis zum Nachmittag, bis ca. 14.50 Uhr, noch ZEIT, bis diese erste Meldung und alles was folgen sollte, die hiesige Realität vollkommen überholte und überbrandete, so dass heute kaum mehr vorstellbar scheint, dass vorher noch Dinge passiert waren. Merkwürdig, was in diesen sechs Stunden, die der Tag hier, bei uns, älter ist als bei denen, alles verschluckt, überschrieben wurde. Das Bild, das mich aus dieser unendlichen Masse an Bildern, die wir heute zur Verfügung haben, noch am meisten angeht, ist keines, das nach den zwei Flugzeugen entstanden ist. Das ist, nach zwanzig Jahren jetzt, runtergerechnet, runterkomprimiert, ein ganz, wie soll ich sagen, einfaches Bild, und ich frage mich grade: ist es auch überraschend? Ganz simpel: die beiden Türme, der Dunst eines relativ jungen Tages, blauer Himmel, severe clear.