• Mittwoch, 06.10.2021

    OUT OF HOME KOMPLETTLÖSUNGEN 

    Tief, tief in der Unterwelt – 
    auf dem großen Infoscreen der Firma Ströer sah ich, wie sich das Wasserleichengesicht von Mark Zuckerberg abbildete, mittendrin die Wasserleichenaugen von Mark Zuckerberg, die wertvollsten Murmeln der Galaxie. Internetbasierte Re-humanisierungskampagnen arbeiten hochmodern mit dem ältesten Kampfmittel TEXT daran, ihm den Spitznamen “Zuck” anzuheften, damit er aus seinem Wasserleichendasein zurück in den klassenlosen Kreis der LEBENDEN gerufen wird. He’s just a guy. 

    6 (Sechs) Milliarden Dollar “verloren” habe “Zuck” wegen des Routercrashs am Tag zuvor, der die Big Seller seiner Produktpalette, Facebook, Instagram, WhatsApp, für Stunden in den Barschel-Modus geschossen hatte: regungslos, tot, für einige Stunden fürimmer erledigt. 

    Am Folgetag, nachdem die ganze Welt mit dieser Idee eine ganze Nacht verbringen durfte, waren sich unzählige sog. Experten zitierfähig einig, daß die Welt eigentlich “besser” dran sei ohne die Kapitalmaschinen und Dienstleistungen der Wasserleiche Mark “Zuck” Zuckerberg. Ein großer Traum wuchs heran. Der Mensch – wie wir ihn mal kannten – war quasi zurück. 

    Und dann ging alles wieder und etwas, das man nicht genau benennen kann, wich den Menschen wieder aus dem Bewusstsein, und der Tank, in dem der Hai, horizontal schwebend, ultralangsam verrottet, füllte sich wieder mit Formaldehyd. 

    Später flog ein Rotkehlchen durch meine offene Ateliertür. Zuerst hörte ich ein Flappen, ich wußte nicht, was los war, und dann sah ich das kleine Ding mit seinen dünnen Beinchen auf einem Brett stehen. Ich fühlte mich geprüft. Es flog und hopste ein paar Minuten durch die Unordnung im Raum, die ich MEINE ARBEIT nenne. In dem Moment, in dem ich das Vögelchen fragen wollte, ob eigentlich alle Tiere eher sex positive seien, bemerkte ich, daß ich, solange ich selbst in der Nähe der offenen Türe stand, das rote Kehlchen nicht wieder hinausfliegen würde. Und so ging ich hinaus, und wenige Sekunden später saß das Rotkehlchen draußen, auf dem Rand der Regenrinne, und sah mich ein letztes Mal prüfend an. “Du bekommst deinen Büchner-Preis”, sagte es, und flog davon.

  • Sonntag, 03.10.2021

    SONNE FÄLLT INS SONDIERUNGSHAUPTQUARTIER

    Der zweite Oktobertag – er lag zunächst grau und kalt da, füllte sich dann, die Stunden waren schuld, wie ein Babyfläschchen mit Licht und Wärme. Standbild: Hochzeitsgesellschaft vor Gebraucht-Fahrradmarkt, 2021, Öl und Küsschen auf Leinwand, 280,5 x 307 cm, Provenienz: The private collection of Ms Sahra Wagenknecht

    Oktobertag drei, Tag der Einheit, aber ich habe keine Lust auf Deutschland, ich schüttle ihm (ihr?) nicht die Hand, es hat ein bisschen Kot an den Händen, das seh’ ich.

    Liege nun also hier, schwer verwundet, Krieg – nein, leicht erkältet, den Halsschmerz hatte ich gestern einfach wegtelefoniert mit meiner Ärztin, Frau Dr. Bismarck, schwer gelehrt, sie praktiziert durchs Telefon auch am Samstag, power and healing. Danach war ich voller Demut.

    Viele sagen ja, sie missen das Telefonieren, das echte Echtzeittelefonieren, der eine da, der andere da, live, ÜBERHAUPT NICHT. Mag sein, ich glaube aber: das ist falsch. Die echte Echtzeitsprecherei, miteinander, wieder sanft zu erlernen, neu zu lernen, mindestens aber: zu ertragen, das ist ein guter Auftrag, den wir vom Volk, nach der Wahl, erhalten haben. Verständlich: Technik sendet Anreize und Möglichkeiten für die zeitverschobene Kommunikation, die Illusion eines arbeits- und somit auch seinsverstärkten Tages, in dem die Unterbrechung durch äußere Einflüsse minimiert ist, vor allem von unvorhersehbarer Privaterei. I get it. Aber Telefonieren ist eine Tätigkeit, kann sogar ein Ereignis sein, und man hört die Stimme eines anderen Menschen, belebt, rhythmisch, zart oder vehement. Zeit als fühlbare Tatsache hat eine seltsam schlechte Lobby, besonders dort, wo eine diffuse Idee von PRODUKTION von bloßem Tun zu Daseinsgrund befördert wird.

    Beim nächsten Ton ist es 09:52h. Katholisch das Geläut.

  • Freitag, 01.10.2021

    SCHMERZ-CHINOISERIE

    Im Mittagshimmel waren Chemtrails wie weißes Puder auf blauen, polierten Stahl gestäubt. Jetzt kratzt der Hals noch mehr als gestern Abend, und mit dem ablaufenden Badewasser habe ich eben auch etwas Energie aus mir verschwinden gespürt, und sah sie sich ins schwarze Loch drehen, gone til hoffentlich nicht November. Billy Pilgrim ist ja noch da.

    Von Slaughterhouse 5 in diese Idee der ewigen Parallelität der Zeit (“Tralfamadore” usw.) wie eingetunkt, fiel mir gestern diese merkwürdige Ordnung auf: nicht unweit des zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre verdampften Bürokomplexes World Trade Center, wurden vor fast zehn Jahren im Namen von Occupy Wall Street die Zeltlager aufgeschlagen. Zwanzig Jahre nach dem elften September/Elfter September™ sind die Taliban reinstalliert in Kabul. Ein Jahr nachdem eine große Philip Guston-Retrospektive in den USA abgesagt wurde, mit der Begründung, man könne diese ambivalenten Bilder keinem erwachsenen Museumsbesucher zumuten, findet eine große Galerie-Ausstellung bei Hauser & Wirth, New York statt. Durch große Fensterfronten kann man die Klan-Figuren sehen, auf Hintergründen aus Rosatönen und Blaus, lebensecht geschmiert. Seltsame Lineale ziehen seltsame Linien.

    Seit Clemens Setz den Büchner-Preis bekommen hat, will ich ihn eigentlich auch.