• Dienstag, 28.09.2021

    SO SCHRIEB ER ZUM BEISPIEL, DAS SCHÖNSTE IM LEBEN SEIEN “WEIBER UND ROSEN”

    Kühler jetzt, macht aber GAR NICHTS. Sonntagabend, Zwanzig Uhr, war man auch nicht schlauer ob der ganzen roten und schwarzen und gelben und grünen Bälkchen, die nach oben ploppten. Manche ploppten mehr, manche weniger als sonst. Aufregend. Es fielen Worte und Classics wie: Auftrag erhalten, ernst nehmen, Deutschland, Zusammenarbeit, Zukunft, oder auch, direkter: “mit Olaf Scholz als nächsten Bundeskanzler”, so, in a crazy und goofy mood: Olaf Scholz höchstselbst. Hinter ihm zwirbelte die Willy Brandt-Skulptur von Rainer “Petting statt Fetting” Fetting hoch in die nach oben offene Luft des Willy-Brandt-Hauses in Berlin-Kreuzberg. Bei den Grünen kam Frau Baerbock aufs Podium, daneben stand Robert Habeck, der aussah wie ein Sport- und Lateinlehrer, von dem man auf der sechzehnstündigen Busfahrt nach Siena merkt, daß er doch nicht so lässig ist wie er immer tut. Überall wurde viel geklatscht, um die Sprachlosigkeit zu überwinden. Später, unsichtbar für uns und die Kameras, wurden in diesen Gesellschaften noch Micropraktiken der Rache aufgeführt, die Siege und Niederlagen ganz natürlich mit sich bringen. Kaum wahrnehmbar, fast inkognito, zeigt sich die Rache gern unter vielen Namen.

    Viel schöner waren die Begegnungen am Wochenende, Samstag in der Berlinischen Galerie und danach, in den Stunden wo einer das große Licht runterdimmt, zwischen Oranienstrasse und Kottbusser Tor. Sonntagmittag durch Wahl-Deutschland laufen bei schönem Wetter, gestern im Cafe Einstein und zu Fuß durch nahezu halb Berlin, obwohl es nur ein Achtel Berlin war, wahrscheinlich. Ich hatte das Gefühl, neue Leute kennengelernt zu haben, und auch wieder nicht.

    Die Rosen von P. hab ich zwei Mal gegossen.

  • Samstag, 25.09.2021

    ALLE BÜCHER HANDELN VOM GELDVERDIENEN

    Gestern, irgendwann kurz nachdem wir diese Pizza bestellt hatten, meinte ich zu E.: sieh bloß nicht nach oben. Was ich meinte, war dieses Grau, das über Berlin nochmal anders, noch düsterer, noch kaputter kam, als anderswo. E. schaute dennoch hin. Written by a pillar of salt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich dieses graue Geschiebe schon Stunden beobachtet, und mich, spürte ich, ließ es auch nicht aus den Augen. Wind, aufdringlich und kalt, trieb diese Sporen tiefer, bis ins Skelett. Aua. 

    Gegen dieses Tageslicht hob sich das der Räume der Galerie Buchholz in der Fasanenstraße ab wie betäubendes, gelbes Gift. Auch die niedlichen kleinen Dosenskulpturen von Peter Fischli, nicht aus Dosen, sondern aus Pappe, konnten mich nicht sonderlich lange dort halten. Das Parkett ächzte unter meinen Schritten, und es war, als schaute es so auf mich zurück. Jedes Knirschen ergänzte mich, und es wurde unangenehm klar: mich gibt es wirklich. Aus den hundert Jahre alten Ritzen des Parketts kamen feine Gerüche. Es roch nach Geld. Ich ging wieder. 

    Diese Pizza aber, die war extrem gut, Sauerteig, wenig Mozzarella, die Tomatensoße fleischig und fruchtig, die Kapern zerdrückt, damit ihr Kapernsaft… das schmeckte selbst ich, die Salzsäule.

    20 HOURS EARLIER:

    Do. 23.9., 22:25

    Ich bin jetzt in P.s Wohnung. Ich
    trage seinen Bademantel, gehe ein bisschen umher. Ich darf das, ich
    war wirklich baden.

    Gehe das Bücherregal ab, hin und her, fühle mich ein bisschen
    eindringend. Nehme ein Buch heraus, weil ich mir etwas dachte,
    als ich den Namen las, nach links gekippt, von unten nach oben.
    Lächle etwas geradeaus nach Innen hinein: Sloterdijk. Slotti. Lange
    nichts gehört. Ich freue mich. Sphären. Sphären I. Sphären II.
    Das knallt und ich denke, gut, SPHÄREN. Haha. „Daß meine
    Reflexionen ein Buch ergeben, das niemand von außen mitlesen kann.“

    Eben habe ich noch eine Schachtel Lucky
    Strike im Edeka gegenüber gekauft. Die werde ich wahrscheinlich bis
    ich wieder abreise aufgeraucht haben. So habe ich mir das
    vorgestellt.

    Ich bin gegen jede Form
    von Diskriminierung

  • Donnerstag, 23.09.2021

    THE EMERGING ARTISTRY OF HUNTER BIDEN

    Ein halbes Dutzend Zollbeamte vor einer Netto-Filiale, Männer und Frauen, breitbeinig, bereitbeinig, die Arme in die Hüften gestemmt, ready to go, die Körper und die Anspannung schon zur nun gleich folgenden Action hingeneigt – wie leicht kursiv liegen die Körper da im scharfen Morgenlicht eines freundlichen Septembersonnenmorgens, einige kneifen die Augen zu. Im Vorbeifahren beobachtet, kurz nach halb elf Uhr morgens, vormittags, korrigiert unhörbar eine protestantische Stimme. Die Stimme des Deutsche Bahn Mitarbeiters, die aus den Lautsprechern klein und boxartig kommt, sagt, daß es zwar “natürlich” warme und kalte Getränke gebe, aber, “leider” sei die Küche “defekt”, und man bitte, klar, um Entschuldigung. Ich hole mir sofort einen Kaffee und ein in Folie eingepacktes sog. Maxi Buttercroissant der Firma Hack, Gesamtgewicht 65 Gramm. In einer silbernen Schale liegen noch weitere Maxi Buttercroissants, und ich denke an die Ansage von eben, defekte Küche und alles, und dann, daß diese Croissants im Laufe der Fahrt wahrscheinlich noch im Wert steigen werden, zum Schluß an den Höchstbietenden. Links jetzt das Tal der Wupper. Es ist 11:21 Uhr. Ein junger Typ macht sich ein Bitburger auf, ich kann von hier sehen, daß die Flasche feucht vor Kälte ist.

    The smart toilet era is here! Are you ready to share your analprint with big tech?

    Eben angekommen in P.’s Wohnung. Ich leere die Aschenbecher, aber den einen lasse ich. Vielleicht liegen da noch sentimentale Gefühle an einen vergangenen Abend im Anblick, für P..