BOYS OF HETEROLOG SUMMER
Eine Minute war ich unterwegs, zu Fuß, mit Einkaufstasche, darin mein Impfpass, mein Notizbuch und 571 Seiten Donna Tartt, in Richtung Zweite Impfung, da hämmerte der Regen in fettesten Tropfen los, auf mich, auf die sodann absaufenden Bürgersteige, auf Gottes grünende Büsche und Bäume, alles. Beim Arzt angekommen, es waren 5 Minuten Fußweg, war meine Hose aufwärts bis zur Hälfte meiner Oberschenkel durchnässt, meine Schuhe, meine Socken, was ist denn hier los. Der Regenschirm, obwohl gut im Durchmesser, hielt nur 50% meiner Erscheinung trocken. Mit den Beinen also wie in riesigen Feuchtwickeln, betrat ich die Praxis im Souterrain. Mit durchnässten Socken in durchnässten Schuhen herumschmatzend, finde ich ziemlich unangenehm. Sogar einige Schmerz-Varianten würde ich diesem Gefühl vorziehen. It’s the psychology, stupid.
Neulich fand ich heraus, dass Wetterfühligkeit ein europäisches Phänomen ist, zumindest ein nicht-amerikanisches. Ein amerikanischer Schauspieler, der für einige Wochen in Osteuropa zu drehen hatte, berichtete in einem Interview, ihm seien diverse Osteuropäer begegnet, die körperliche Wechselzustände mit aufkommenden Winden, wechselnder Bewölkung und dergleichen nahezu emphatisch begründeten. Sie sprachen darüber, als gäben sie Altvorderenwissen preis, über Jahrhunderte tief in die Rillen der ansässigen Menschen eingraviert. Der Amerikaner verstand erst garnicht, was gemeint war. In den darauffolgenden Tagen sei er dann mit dieser neuen Aufmerksamkeit durch die Dreharbeiten gegangen, und fand eben noch wache Männer bei aufziehenden, dunklen Wolkenmassiven und den dazugehörenden Winden auf einmal gegen Wände gelehnt dösend wieder. Er sah, dass es für diese Menschen zutraf, er selbst aber, meinte: “I don’t know, it’s just not a thing in the States.”