• Samstag, 04.09.2021

    A MESS ON THE STUDIO FLOOR

    Freundlich strahlt mich der Morgen an. Die Sonne mit ihrer Zwangsstörung. The Nicest Terrorist. Ich beobachte jetzt auch bei mir, daß dieses ewige Podcasthören im Atelier irgendwann, nach X Einheiten, zu diesem Identifikationszwang führt: das und das ist OCD, hast du das nicht auch? Ja, hab ich, WAHRSCHEINLICH, auch, das klingt so – hier ist bisschen Depression, Angststörung (”Störung”, hart), diesen kognitiven Riss, diese perspektivische Schieflage, Versagensangst, dialektischer Terror (Stütze der Gesellschaft oder Metastase mit Beinen und Hochschulabschluss), Krankheit, Mangel, alle Begriffe und Phänomene aber dann doch, grundlegend: Gehirnprobleme. Es wird zuviel gedacht, sich vorgestellt, sich überidentifiziert. Ja, das habe ich verstanden. Man muss, SOLLTE, dem Informationsfluss, der diesen Gehirnproblemen ständig abstrakte Informationen zuführt, die man dann, Konstruktivist, der man nunmal ist, einbaut in die eigene “Geschichte”, aus dem Weg gehen, alle die Apps löschen, die einen unsinnigerweise in den Abgrund der Rumination ziehen. Echte Politik machen im Zeitbereich der privaten Welt.

    IM ATELIER. Eigentlich stört mich schon das Wort “Atelier”, also was es mit welchem Klang beschreibt, und die Tatsache, daß ich es benutze. Ich benutze es, weil ich es besser finde als “Studio”. “Studio” können die Leute sagen, die ihren Boy- oder Girlfriend als “Partner” bezeichnen. Worte aus der kalten, der kältesten Warenwelt. Aber wie es anders als “Atelier” benennen? Ich würde ja sogar “mein Zimmer” sagen, so wie man als Pubertierender sich auf oder in “sein Zimmer” zurückzog, um dort diversen impulsgesteuerten Dingen in wirren, unerklärbaren Abläufen nachzugehen. Dann geht das auch noch mit dem Bruce-Nauman-Diktum – auf die Frage, woher man wisse, was denn nun und ob etwas Kunst sei: wenn man einen Raum hat, indem man Kunst macht, kann alles, was in diesem Raum entsteht, auch als Kunst bezeichnet werden. Warum also nicht auch die Probleme mit dem Denken?

  • Mittwoch, 01.09.2021

    WE HAVE TO TALK ABOUT KEVIN, DRAMA, DEUTSCHLAND 2021, 129 Min.

    Nur noch zehn Tage, dann ist Zwanzig Jahre Elfter September. Wichtiger als alle Album drop events von Kanye zusammen. Where were you that day? Kevin Kühnert ist mein Kanye. Manchmal zumindest. Seine aggressive Genervtheit ist super sympathisch, mindestens angemessen, wenn nicht die einzig zulässige Reaktion, seit Jahren eigentlich schon, aber in Deutschland, man weiß es, ist man etwas l a n g s a m e r. Wenn die SPD nicht auf die Art die SPD wäre, wie die SPD nunmal jetzt und heute die SPD ist, also mit dieser merkwürdigen hundertjährigen Elephantiasis, dieser monströsen Saturiertheit, aus der heraus sich irgendwie schon von selbst, muscle memory mässig, ein höherer Sinn volkswärts (gottogott) entwickeln, Realpolitik einfach ausgeschieden wird, als natürliche Folge der Körperlogik des Organismus SPD, dann könnte man die SPD, heute, fast wieder ernst nehmen, aber so, natürlich, nicht. Wie ich schonmal hier erwähnte: wem beim Anblick von Olaf Scholz nicht eine die ganze Existenz beschattende Traurigkeit heimsucht, der muss zu einem Arzt. Am besten ein Arzt, der noch keinen eigenen Podcast hat. “Laschet verhindern”, das sagen einige Freunde und Bekannte zu mir, wenn, ganz kurz, über die “Politik” (Plotin) losgelabert wird, und, ganz ehrlich, Ernüchterung vibriert in meinen Knochen los, körpergelagerte Bongos aus der Hölle, zerbongoen das Denken, den zarten Glauben an – – – die Ziele sind klein und schäbig und aus sich selbst heraus verlegt (”Scholz weniger schlimm als Laschet” als Prinzip), und ich muss ehrlich sagen: schäme mich bisschen, schäbig und rastplatzartig fühle ich mich. Dafür fallen mir am Tag im Dutzend Top-Gags ein, die ich freilich nicht preisgebe, denn siehe ohnehin schon: “dem Bundestag fehlen die Perspektiven prekär Beschäftigter”.

    Das ganze Aufgepumpe der SPD scheinbar übrigens im selben Maße, wie die LINKE vollkommen fasziniert und leicht masochistisch auf sich selbst und die eigene Deformation blickt, als sei man das Baby aus Eraserhead. Die LINKE strahlt es so dermaßen aus, daß sie selbst nicht wissen, was sie sein wollen oder darstellen wollen, daß sie mir wie die letzten Telefonzellen vorkommen, the last phone booths in the cellphone age.

  • Montag, 30.08.2021

    Die Götter Griechenlands, sie formten den Himmel heute vielgesichtig trüb und nass und heavy. Wegen “Scratch” Perry? Aber schön, jetzt grad, finde ich. Die Unschärfen hingemalt (wie bei Vermeerjan), nicht verwischt (wie bei Richtergerhard), metallisch und matt die Oberseite der Blätter, die wie betäubt im Wind schwanken, ultralangsam. Die anderen Blumen und Sträucher, die ich hier aus dem Fenster sehe, harren ganz ruhig unter diesem nassen und grauen Dunstgewölbe, und blickt man tief und lange genug hinein, sieht man die Hallfahne eines Basic Channel Stücks flirren. We are The Upsetters.